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NS-Vergangenheit:Erdöl für den Führer

KZ-Häftlinge im Einsatz für das Unternehmen "Wüste"

Die Nazis fanden Rohstoffe auch in der Schwäbischen Alb. Gefangene mussten noch 1945 aus den Ölschiefervorkommen Treibstoff gewinnen - fünf Häftlinge vor dem Hubofen der Versuchsanlage in Schömberg.

(Foto: oh)

Geologen waren in der NS-Zeit gefragt, weil sie die für den Krieg benötigten Rohstoffe suchen konnten. Nach dem Krieg setzten sie ihre Karrieren nahtlos fort - und die braune Vergangenheit wird bis heute totgeschwiegen.

Einen wie Hans-Joachim Martini setzt man nicht ins Büro, der muss ins Feld. Es ist schließlich Krieg.

Prag, 1943. Im besetzten Tschechien soll ein ordentliches "Amt für Bodenforschung" entstehen, ein geologischer Dienst für das "Reichsprotektorat". Gesucht wird nur noch der Chef, und Martini wäre prädestiniert. Im Mai aber interveniert ein Beamter des Ministeriums für Wirtschaft und Arbeit in Prag. Martini müsse der "im Kriege vordringlichen praktischen Leitung des Einsatzes der Fachkräfte des Amtes" erhalten bleiben, kabelt der Beamte an seinen zuständigen Abteilungsleiter. Er brauche eine Position, die ihm "zwar die tatsächliche Leitung des Amtes für Bodenforschung sicherte, ihn aber vor der Beschäftigung mit den verwaltungsmässigen Einzelheiten dieses Amtes bewahrte". So soll es auch kommen.

NSDAP, SA, SS - Martini hat einen lupenreinen Nazi-Lebenslauf

Geologen sind im NS-Staat gefragt. Die Nazis benötigen Öl für ihren Krieg, viel Öl. Also braucht es Leute, die danach fahnden können. Auch in Böhmen und Mähren sollen sich alle Zweige der Bodenforschung darauf konzentrieren, "dass sie der Kriegs- und Vierjahresplanwirtschaft auf das intensivste dienen", verlangt das Wirtschaftsministerium im besetzten Prag. Und was dem Deutschen Reich lieb ist, ist der jungen Bundesrepublik kurz darauf teuer. Wer als Geologe im Nationalsozialismus Karriere gemacht hat, darf es kurz darauf in der Demokratie weiter tun. Die Geologie gilt als unverdächtig, Biografien interessieren nicht.

Martini ist ein junger, erfolgreicher Geologe. 1940 kommt er, 32 Jahre jung, nach Prag. Schon ein Jahr später wird er Bezirksgeologe, leitet die Bodenforschung im Protektorat. Im April 1943 wird er SS-Mann, Untersturmführer in der 108. Standarte in Prag. Parteimitglied ist er schon seit 1937, Mitgliedsnummer 4 669 262. Vorher war er schon anderthalb Jahre Mitglied der SA gewesen, bis 1942 gehörte er dem Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps NSKK an, einer paramilitärischen Einheit der NSDAP. Der Lebenslauf, den Martini handschriftlich verfasst hat, ist lupenrein.

Die A 7 östlich von Hannover, im Oktober 1969. In dichtem Nebel rasen zwei Lastwagen ineinander. Eine schwarze Dienstlimousine kommt dahinter zum Stehen, der Chauffeur sieht die Gefahr im Rückspiegel und kann gerade noch herausspringen. Sein Chef nicht. Als der nächste Lastzug auffährt, stirbt Hans-Joachim Martini. Er ist der Präsident der Bundesanstalt für Bodenforschung, des geologischen Dienstes der Bundesrepublik. Jener Martini, der 25 Jahre zuvor der Kriegswirtschaft "aufs intensivste" dienen sollte, der Mitglied von SA und SS war.

Martini ist nicht der Einzige, der nach dem Krieg weiter Karriere macht

Schon im Sommer 1945 ist das vergessen. Martini ist in seine niedersächsische Heimat zurückgekehrt, seine Familie lebt am Harz. In Hannover arbeitet er fortan am Aufbau des neuen Amtes für Bodenforschung mit, zusammen mit seinem Mentor Alfred Bentz und Gerhard Richter-Bernburg, NSDAP-Mitglied Nummer 5 386 548.

Bentz war im Dritten Reich "Bevollmächtigter für die Erdölgewinnung" und somit von großer Bedeutung für den Krieg. "Es ist Ihre Aufgabe, das Aufsuchen neuer Erdölquellen und die Vorbereitung ihrer Erschließung mit jedem möglichen Nachdruck zu fördern", schreibt 1938 Hermann Göring an Bentz. "Sie wollen als mein Beauftragter nur persönlich handeln und sich nicht vertreten lassen." Alle nötige Hilfe sei ihm gewiss. Auch saß Bentz der Deutschen Gesellschaft für Mineralölforschung (DGM) vor - die vor allem die Autarkiebestrebungen der Nazis umzusetzen versuchte. "Er war weit entfernt von politischem Engagement in diese Richtung, aber die Aufgabe faszinierte ihn", sagt die Wissenschaftshistorikerin Ilse Seibold, die Bentz' Rolle aufgearbeitet hat. "Er hat mit den Wölfen geheult."

NS-Vergangenheit

AP-Fotos für Publikationen des Hitler-Regimes

Auch nach dem Krieg. Aus dem neuen Amt für Bodenforschung wird 1958 die Bundesanstalt für Bodenforschung, ihr erster Präsident: Alfred Bentz. Er wird auch Präsident der wiedererstandenen DGM, nun unter dem Namen "Deutsche Gesellschaft für Mineralölwissenschaft und Kohlechemie", DGMK. Neben Geologen sind hier vor allem Unternehmen Mitglied, die Interesse an den Forschungsergebnissen haben: Mineralöl- und Erdgaskonzerne. Als Bentz 1962 in Ruhestand geht, steht sein Nachfolger in der Behörde schon fest: Hans-Joachim Martini. Auch Martini wird DGMK-Präsident.

Das Boden-Amt

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) ist der geologische Dienst der Bundesrepublik. Die Behörde, die dem Wirtschaftsministerium untersteht, kennt den deutschen Boden wie niemand sonst. Sie kommt ins Spiel, wenn nach Öl oder Gas gesucht wird. Auch beim Fracking und der Suche nach Atomendlagern war sie beteiligt. Im Ausland bewerten BGR-Leute Rohstoffvorkommen. SZ