NS-Staat Wie das Volk des "Führers" geformt wurde

Szene vom Reichsparteitag der NSDAP 1935 in Nürnberg.

(Foto: SZ Photo)

Der Historiker Dietmar Süß legt eine stringente Analyse der Gesellschaft im NS-Staat vor. Darin zeigt er, dass es keineswegs darum ging, die Ungleichheit im Volk zu beseitigen.

Rezension von Robert Probst

"Privatleute gibt es nicht mehr im nationalsozialistischen Deutschland. Privatmann ist man nur noch, wenn man schläft. Sobald du in den Alltag, in das tägliche Leben hineintrittst, bist du ein Soldat Adolf Hitlers." Das Zitat stammt von Robert Ley, dem Leiter der Deutschen Arbeitsfront, und was er da sagte, trifft sehr gut die Lebenswirklichkeit der allermeisten Deutschen in den Jahren 1933 bis 1945.

Der Nationalsozialismus drang "in beinahe alle Ritzen der Gesellschaft" ein, so schreibt der in Augsburg lehrende Historiker Dietmar Süß in seinem Buch "Ein Volk, ein Reich, ein Führer". Und dabei war es ganz und gar nicht so, dass das tägliche Leben einfach fremdgesteuert war durch die böse NS-Elite, sehr, sehr viele Deutsche machten gerne mit, wenn es darum ging, innere und später äußere Feinde zu bekämpfen. Wohl nicht ohne Grund fehlt in dieser dichten Analyse ein Kapitel über Resistenz und Widerstand.

Dem NS-Staat ging es keineswegs darum, die Ungleichheit im Volk zu beseitigen

Das Buch gehört zur siebenbändigen Reihe "Die Deutschen und der Nationalsozialismus", die der Jenaer Zeithistoriker Norbert Frei als moderne Erfahrungsgeschichte des Dritten Reiches herausgibt; die Texte sind für jüngere Menschen gedacht, die die Lebensrealität der damaligen Zeit neu erzählt bekommen sollen.

Es geht also um einen Überblick, der dicht an den Aufzeichnungen oder den Erinnerungen der damals lebenden Menschen erzählt wird - Tagebuchnotizen von Beteiligten, Betroffenen und Beobachtern geben die nötige Farbe. Zahlen werden sehr dosiert eingesetzt. Und doch ist die Darstellung viel mehr als eine reine Einführung ins Thema, denn Süß hat an jeder Stelle die nötigen Differenzierungen parat.

Der Autor zeigt anschaulich, wie die "Volksgemeinschaft" geformt wurde, wie deren Geist in alle Milieus eindrang, wie Zwang und Terrormaßnahmen dem Regime halfen, aber auch, wie sich viele Deutsche selbst gleichschalteten - zumal Zehntausende von der Enteignung der Juden profitierten. Er erklärt, wie alles Private politisch wurde und stützt seine These, dass es dem NS-Staat keineswegs darum ging, die Ungleichheit im Volk zu beseitigen, mit fundierter Quellenkenntnis. Die vielfach gestellte Frage, was und wann die Deutschen vom Holocaust wussten, wird klar und nachvollziehbar beantwortet. Kontroversen, die die Zunft seit Jahren mit Verve führt, werden nur kurz gestreift. Ein erfreulicher Punkt - der "Ballast der Fachdiskussion" (Frei) soll dem Leser erspart werden.

Einige Leerstellen ließen sich sicher monieren, doch eine detailgesättigte Durchdringung des Riesenthemas ist auf diesem Platz weder möglich noch nötig. Die Kunst liegt darin, auf der Höhe des Forschungsstands den Gegenstand verständlich, so anschaulich wie möglich und doch mit klarer Haltung darzubieten. Das ist hier vorzüglich gelungen.

Dietmar Süß: "Ein Volk, ein Reich, ein Führer". Die deutsche Gesellschaft im Dritten Reich. Verlag C.H. Beck München 2017, 303 Seiten, 18 Euro.

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