Zweiter Weltkrieg Das furchtbare Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen

In einem unbekannten Lager in Deutschland betteln sowjetische Kriegsgefangene um Lebensmittel.

(Foto: SZ Photo)

Von der Wehrmacht ermordet, von Stalin verfolgt, von der Bundesrepublik ignoriert: Das Elend der sowjetischen Kriegsgefangenen ist beispiellos.

Von Joachim Käppner

Die deutschen Armeen rückten auf Moskau vor, ihre Generäle glaubten noch, der Sieg über die Rote Armee stehe unmittelbar bevor. Der Wehrmacht fielen, vor allem bei den großen Kesselschlachten, Millionen Rotarmisten in die Hände.

Im Oktober 1941 nahm sie bei Wjasma und Brjansk 663 000 sowjetische Soldaten gefangen. Vom Tag des Überfalls, dem 22. Juni 1941, bis Ende 1942, zur Zeit der Kriegswende in Stalingrad, waren es 5,7 Millionen, eine unfassbare Zahl, die mit zu dem folgenschweren Irrtum beitrug, die Sowjetunion stehe unmittelbar vor dem Kollaps.

Von diesen Menschen starben bis Kriegsende 3,3 Millionen. Mehr als jeder zweite.

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Es ist nun fast 40 Jahre her, dass der Heidelberger Historiker Christian Streit diese Zahlen aufgrund seiner sorgfältigen Forschungen veröffentlichte. 1978 erschien seine Dissertation "Keine Kameraden" in einer Schriftenreihe des renommierten Münchner Institutes für Zeitgeschichte - und löste Ungläubigkeit, Abwehrreflexe und hasserfüllte Leugnung aus.

Der Militärhistoriker Wolfram Wette erinnerte sich 2011 in der Zeit an diese Glaubenskämpfe, die sogar im Militärgeschichtlichen Institut der Bundeswehr tobten, wo er in den Siebzigern zur kritischen Minderheit gehörte: "Viele wollten nicht wahrhaben, dass die Deutschen Abertausende Dörfer und Städte in Schutt und Asche gelegt haben" - und auch nicht, "dass mehr als drei Millionen sowjetische Soldaten in deutscher Gefangenschaft elendig umgekommen sind".

Aber so ist es gewesen, und dass spätere Forschungen die Zahlen etwas niedriger ansetzten als Streit, ändert daran gar nichts. Ein Beispiel: Schon im Juli 1941, der Russlandfeldzug war erst ein paar Wochen alt, berichtete der Berliner Ministerialbeamte Xaver Dorsch, er habe nahe Minsk ein Lager gesehen "etwa von der Größe des (Berliner) Wilhelmplatzes". Dort waren mehr als 100 000 Kriegsgefangene sowie viele männliche Zivilisten hinter Stacheldraht verwahrt wie Vieh, es gab nicht einmal Platz zum Hinlegen; die Männer waren gezwungen, "ihre Notdurft an dem Platz verrichten, wo sie gerade stehen".

Viele, die psychisch zusammenbrachen oder protestierten, wurden von den Wachposten erschossen. Der Rest verfiel, so Dorsch, dem Hunger und "tierischer Apathie". Pro Kopf bekamen sie, wenn überhaupt, täglich "20 g Hirse und 100 g Brot ohne Fleisch", manchmal "bis zu 50 g Hirse und 200 g Brot".

Verantwortlich für diese Zustände war nicht etwa die SS, sondern die Wehrmacht, in diesem Fall die Heeresgruppe Mitte, das Armeeoberkommando 4 unter Generalfeldmarschall Günther von Kluge.

Nach dem Krieg, schon während der Nürnberger Prozesse, als noch keine genauen Opferzahlen bekannt waren, rechtfertigten sich Hitlers überlebende Generäle damit, man habe solche Massen von Gefangenen nicht erwartet, die Logistik sei überfordert gewesen.

Hitler schwor die Generäle auf den "Vernichtungskampf" ein

In Nürnberg behauptete der frühere Generaloberst Alfred Jodl: "Es war in dieser angespannten Versorgungslage mit dem zerstörten Bahnnetz unmöglich, sie alle fortzufahren. Der größte Teil wäre nur durch eine sorgfältige Lazarettbehandlung zu retten gewesen." Das sei der Grund für die hohen Todeszahlen.

Aber das stimmt nicht. Der Grund lag nicht darin, dass die Wehrmachtsführung so viele Gefangene nicht versorgen konnte. Der Grund war, dass sie es nicht wollte. Sie hatte niemals die Absicht gehegt, diese Menschen zu ernähren und nach den Regeln des Kriegs- und Völkerrechtes zu behandeln.

In diesem Sommer 1941 gaben sich Hitler, sein Regime und die meisten Generäle der Illusion hin, nur wenige Monate noch, dann werde Moskau fallen und der Krieg gewonnen sein. Trotz der Siegesstimmung gab es keinerlei Planungen, was denn mit den besiegten Soldaten des Feindes geschehen solle - außer sie sterben zu lassen.

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Es gab, anders als im Ersten Weltkrieg oder im Zweiten an der Westfront, kaum Ansätze einer Infrastruktur zur Unterbringung von Kriegsgefangenen, nur selten Hütten, die nötigste medizinische Versorgung, ausreichend Nahrung. Es sollte all das nicht geben.

Die mörderische Behandlung der Gefangenen war Teil des Vernichtungskrieges, auch wenn es in der Bundesrepublik Jahrzehnte dauern sollte, bis diese Erkenntnis nicht mehr zu leugnen war. Hitler hatte seine Generäle, etwa 250 Kommandeure, schon im März 1941 in der Berliner Reichskanzlei versammelt und auf einen "Vernichtungskampf" vorbereitet: "Wir müssen vom Standpunkt des Kameradentums abrücken. Im Osten ist Härte mild für die Zukunft. Die Führer müssen von sich das Opfer verlangen, ihre Bedenken zu überwinden."

Und die allermeisten taten es, trotz einiger Protestnoten gegen den "Kommissarbefehl" vom 6. Juni 1941, demzufolge gefangene politische Kommissare der Roten Armee sofort zu erschießen seien.