Coronavirus:In New York City läuft der Countdown

Governor Andrew Cuomo tours Jacob Javits Center Members of the National Guard attend Governor Andrew Cuomo address media

Mitglieder der Nationalgarde helfen provisorische Kliniken in New York einsatzbereit zu machen.

(Foto: Lev Radin/imago images)
  • Innerhalb kurzer Zeit ist New York City eine Stadt im Ausnahmezustand geworden.
  • Es wird befürchtet, dass Zustände wie in Norditalien bald auch in der US-Metropole anzutreffen sein werden.
  • Derzeit lassen sich etwa fünf Prozent der weltweiten Covid-19-Fälle in New York verorten.

Von Thorsten Denkler, New York

Nach der Rechnung, die der Bürgermeister von New York City, Bill de Blasio, am Sonntag im Sender CNN präsentierte, hat die Stadt ab diesem Mittwoch noch sieben Tage. Sieben Tage, bis die Krankenhäuser ihre Belastungsgrenze erreichen. Sieben Tage, bis dann womöglich Ärzte entscheiden müssen, welcher schwer erkrankte Covid-19-Patient beatmet wird. Und welcher nicht.

"Dann werden Menschen sterben, die nicht sterben müssten", sagte de Blasio. Und es geht nicht nur darum: Es geht um Masken, Schutzkleidung, Personal, um alles, was ein Krankenhaus braucht, um zu funktionieren. Der April werde "schlimmer als der März", sagte er. "Und ich fürchte, der Mai wird schlimmer als der April." - "Wir sind erst am Anfang", beschwört de Blasio seine New Yorker Bürger. "Das Schlimmste steht uns noch bevor."

Innerhalb von zwei Wochen ist aus der lebendigen und vibrierenden Stadt, dem wirtschaftlichen Zentrum der Ostküste, dem Touristenmagneten, eine Stadt im Ausnahmezustand geworden. Wie vielerorts auf der Welt gilt seit Sonntag quasi eine Ausgangssperre. Die Parks sind noch geöffnet, aber die Spielplätze inzwischen weitgehend verwaist.

Die Subway fährt noch, um Krankenpflegerinnen, Ärztinnen und Kassiererinnen zur Arbeit zu bringen. Aber selbst zur Rushhour verteilen sich oft nur zwei oder drei Passagiere auf einen Waggon. Es ist still. Kaum jemand geht spazieren. Vor den Supermärkten stehen die Menschen mit zwei Meter Abstand voneinander Schlange und warten auf Einlass. Alle Geschäfte haben geschlossen bis auf Lebensmittelläden, Apotheken, Tankstellen und Reparaturwerkstätten.

Die Angst geht um. Sie ist in jedem besorgten Gespräch über das Virus spürbar. Angst vor allem davor, zum falschen Zeitpunkt zu erkranken. Dann, wenn nichts mehr geht. Wenn es möglicherweise vom puren Glück abhängt, ob gerade eine Beatmungsmaschine frei wird.

Das Bild, das de Blasio gezeichnet hat, gilt für den gesamten Bundesstaat mit seinen 19,5 Millionen Einwohnern. Der Gouverneur von New York State, Andrew Cuomo, hat die Daten am Montag präsentiert: Im ganzen Staat gibt es regulär 3000 Intensivbetten; das sind nur halb so viele wie etwa im ähnlich bevölkerungsreichen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Der überwiegende Teil der 3000 Betten ist aber bereits belegt. Und der befürchtete Bedarf liegt weit darüber. Wenn sich das Virus weiter so verbreitet wie bisher, dann werden in einigen Wochen 18 000 bis 37 000 Intensivbetten mit angeschlossenen Beatmungsgeräten nötig sein, sagt Gouverneur Coumo.

Er hat jetzt angeordnet, dass die Krankenhäuser ihre Intensivkapazitäten um 50 Prozent erhöhen müssen - oder, wenn es irgendwie geht, noch besser um 100 Prozent. Dazu sollen, wo es geht, Feldkrankenhäuser errichtet werden. Das New Yorker Messezentrum, das Jacob K. Javits Convention Center in Manhattan, wird gerade in einem ersten Schritt in ein 1000-Betten-Krankenhaus umgebaut. Es soll bald auf 2000 Betten aufgestockt werden. Die US-Navy schickt ein Krankenhausschiff mit weiteren 1000 Betten, das in New York City anlegen soll. Das allerdings ist auf klassische Kriegsverletzungen ausgelegt. Nicht auf eine Pandemie. Es soll vor allem Menschen aufnehmen, die chirurgische Hilfe benötigen.

Reichen wird das alles nicht, das wissen Cuomo und de Blasio. Dafür sind beide zu sehr Realisten. Zustände wie in Norditalien werden mit ziemlicher Sicherheit bald auch in New York anzutreffen sein.

In New York verbreitet sich das Virus mit ungeheurer Geschwindigkeit. Für die Experten hier ist die Angriffsrate dafür der wichtigste Indikator. Also: Wie viele Einwohner auf einen an Covid-19 erkrankten Menschen kommen. Im Bundesstaat kommen 1000 Einwohner auf einen Erkrankten, erklärte am Montag Deborah Birx, die Coronavirus-Koordinatorin des Weißen Hauses. Der Wert sei fünfmal schlechter als in vergleichbaren Gebieten. In New York City ist es noch dramatischer. Auf einen Erkrankten kommen nur noch 700 Einwohner.

Bis Montag wurden allein in New York City 12 305 Fälle gezählt, 3260 mehr als am Vortag. In New York City sind damit ein Drittel aller Fälle in den USA dokumentiert. Fünf Prozent der weltweiten Covid-19-Fälle gibt es jetzt in New York. Die Stadt ist eines der großen Corona-Epizentren der Welt.

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Das hängt aber auch damit zusammen, dass im Bundesstaat die Tests massiv ausgeweitet wurden. Seit die Bundesbehörden dem Staat am 13. März erlaubt haben, eigene Tests zu machen, seien 78 000 Menschen auf Covid-19 getestet worden, sagt Gouverneur Cuomo. Innerhalb von zehn Tagen sei die Zahl von 1000 Tests pro Tag auf jetzt 16 000 Tests pro Tag erhöht worden.

Für den Schutz der fast 80 000 obdachlosen Menschen gibt es noch keinen echten Plan

Der Gouverneur verfolgt zwei Ziele: Die Infektionsraten müssen runter- und die Krankenhauskapazitäten hochgefahren werden. Aber das wird so schnell nicht gehen. Auch weil US-Präsident Donald Trump den "Defense Production Act" nicht einsetzt, ein altes Gesetz, das im Koreakrieg dafür gesorgt hat, dass US-Unternehmen auf Befehl der Regierung benötigte Waren produziert haben.

Geht es nach Cuomo, sollen unter Berufung auf das Gesetz jetzt Hersteller von Schutzmasken und Beatmungsgeräten gezwungen werden, bestimmte Mengen zu produzieren und zu einem Festpreis an die Bundesstaaten zu verkaufen. Trump hat das Gesetz zwar aktiviert. Aber will es nicht einsetzen. Für Cuomo bedeutet das: Er steht mit anderen Bundesstaaten in einem teuren Bieterwettbewerb um alles, was Krankenhäuser brauchen, um sicher zu arbeiten. Derweil träumt US-Präsident Donald Trump in Washington davon, womöglich nach "15 Tagen der Verlangsamung" schon das wirtschaftliche Leben in den USA wiederanfachen zu können.

In New York haben sie andere Probleme. De Blasio hat angekündigt, dass das laufende Schuljahr sehr wahrscheinlich verloren ist. Mehr als eine Million Schülerinnen und Schüler gibt es in New York City, es ist der größte Schulbezirk der USA. Sie sollten nach ersten Plänen ab 20. April wieder zur Schule gehen. Das wird jetzt wohl nicht vor September passieren.

Die Stadt muss zudem ihre fast 80 000 obdachlosen Menschen schützen. Dafür gibt es noch keinen echten Plan. Die New Yorker Wohnheime bieten derzeit nur knapp mehr als 60 000 Menschen Platz. In vielen Wohnheimen können Menschen in Not lediglich übernachten, oft nur auf einem Pritschenbett, dichtgedrängt in einem Schlafsaal. Beste Voraussetzungen also für das Coronavirus. Jüngste Studien zeigen, dass etwa 30 Prozent der Obdachlosen an chronischen Atemwegserkrankungen leiden. Die Stadt hat bisher lediglich einen elfseitigen Ratgeber für Betreiber von Wohnheimen herausgebracht. Kernaussage: Hände waschen, verstärkt putzen.

Dass es New York so hart trifft, hat nach Ansicht von Experten zwei wesentliche Gründe. Das Virus muss schon seit Wochen ziemlich unbemerkt in Umlauf gewesen sein. Und: Die Stadt ist der am dichtesten besiedelte Raum der USA. Knapp 27 000 Menschen leben zum Beispiel in Manhattan auf einem Quadratkilometer, in der Gegend um die Upper East Side sogar 42 000. Im dichtbesiedeltsten Stadtteil Westlake in Los Angeles sind es hingegen 13 000. Zum Vergleich: In der am dichtesten besiedelten Stadt Deutschlands, München, sind es nur 4300 Einwohner je Quadratkilometer. Bis in New York also das Virus eingedämmt ist, werde noch viele Menschen sterben. Und viele Monate vergehen.

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