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Nato-Gipfel:Afghanistan ist vergessen? Nicht ganz.

Präsident Obama mit Afghanistans Präsident Ghani (Mitte) sowie Regierungsgeschäftsführer Abdullah - den Fehler des US-Präsidenten am Hindukusch kann die Nato jedoch nicht korrigieren.

(Foto: AFP)

Ach, da war ja noch was: Auf dem Nato-Gipfel wird die große Afghanistan-Müdigkeit des Westens deutlich. Aber der Konflikt am Hindukusch ist alles andere als beendet.

Es ist der längste Krieg in der Geschichte der USA. Und doch spielt der Konflikt in Afghanistan kaum noch eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Selbst unter Fachleuten kursiert eine Afghanistan-Müdigkeit, läuft das Thema beim Nato-Gipfel in Warschau unter dem Motto: Ach ja, da war ja noch was. Oder, wie es ein hochrangiger Vertreter der Nato unverhohlen ausdrückt: "Afghanistan gehört der Vergangenheit an".

Die neue Nato, das ist vor allem die alte Nato, die sich weniger über Out-of-Area-Einsätze wie in Afghanistan definiert, sondern die Verteidigung ihrer Bündnismitglieder in den Mittelpunkt stellt. Das ist eine Nato, die das Gefühl hat, von Russland gehe seit der Annexion der Krim auch eine massive Bedrohung für das Bündnis selbst aus. Und die in Reaktion darauf auf dem Gipfel in Warschau entschieden hat, vier Bataillone im Baltikum und in Polen mit je 1000 Mann zu stationieren, obwohl Generalsekretär Jens Stoltenberg im selben Atemzug immer wieder betont: "Der Kalte Krieg ist Geschichte", der Dialog mit Moskau müsse immer wieder gesucht werden.

Nach wie vor ernste Sicherheitsprobleme

Aber, ach ja, da war noch etwas anderes: Afghanistan. Und der Konflikt dort ist alles andere als beendet. Das Land ist nach wie vor weit von einer Friedenslösung entfernt, auch wenn die jüngsten Statistiken weniger Sicherheitsvorfälle ausweisen als in dem für die afghanischen Streitkräfte überaus blutigen Jahr 2015. "Es gibt keinen Grund zu glauben, dass die Probleme in naher Zukunft gelöst sein werden", gesteht Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Samstag nach dem Treffen der Staats- und Regierungschefs mit dem afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani und dem afghanischen Regierungsgeschäftsführer Abdullah Abdullah ein. Es gebe nach wie vor ernsthafte Probleme mit der Sicherheitslage, auch aus diesem Grund habe sich das Bündnis entschlossen, sein Engagement am Hindukusch fortzusetzen.

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Die Nato erfüllt den Afghanen in Warschau denn auch ihre zentralen Wünsche: Die Finanzierung der Sicherheitskräfte ist nahezu komplett bis 2020 gesichert. Noch immer fließen erhebliche Summen in das afghanische Militär und die Polizei, nach wie vor ist Kabul weit davon entfernt, auf eigenen Füßen zu stehen: Von fünf Milliarden Dollar, die für die Polizei und das Militär jährlich erforderlich sind, bringt die afghanische Regierung selbst gerade einmal zehn Prozent auf, wie ein hochrangiger Vertreter der Nato in Warschau erklärt. 3,5 Milliarden Dollar zahlen demnach nach wie vor die Amerikaner. Der Rest, etwa eine Milliarde Dollar, verteilt sich auf die übrigen Nato-Staaten. Und dafür wurden am Samstag die entsprechenden Zusagen weitgehend gemacht, berichtet Stoltenberg.