Reaktion auf Ukraine-Krieg:Nato baut schnelle Eingreiftruppe deutlich auf 300 000 Soldaten aus

Lesezeit: 2 min

Nato-Soldaten

Der Umfang der schnellen Eingreiftruppe (Nato Response Force) wird drastisch erhöht.

(Foto: JANEK SKARZYNSKI/AFP)

Nach Angaben von Nato-Generalsekretär Stoltenberg werden die Mitgliedsländer Russland künftig als größte Bedrohung für das Bündnis einstufen.

Von Matthias Kolb, Brüssel

Die Nato wird als Reaktion auf Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine ihre Verteidigung umbauen und die Zahl ihrer schnell verfügbaren Soldaten mehr als versiebenfachen. Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte vor Beginn des Gipfeltreffens in Madrid bei einer Pressekonferenz in Brüssel, die für die "Nato Response Force" (NRF) abgestellten Streitkräfte sollen von etwa 40 000 "auf mehr als 300 000" Soldaten und Soldatinnen erhöht werden. Stoltenberg äußerte zudem die Erwartung, dass die 30 Nato-Mitglieder in ihrem aktualisierten "strategischen Konzept" Russland als "bedeutendste direkte Bedrohung" für das transatlantische Bündnis bezeichnen werden.

Hinter der enormen Zahl für die NRF verbirgt sich eine grundlegende Veränderung der militärischen Planung. Der von Stoltenberg angekündigte Umbau der schnellen Eingreiftruppe NRF gehört zum neuen Streitkräfte-Modell für das gesamte Bündnisgebiet, wofür deutlich mehr Soldaten in hoher Bereitschaft vorgesehen sind. Zudem sollen Streitkräfte auch bestimmten Gebieten zugeordnet werden. Deutsche Soldaten dürften dabei fest eingeplant werden, Litauen bei einem russischen Angriff zu unterstützen.

Die Bundeswehr führt in Litauen seit 2017 einen multinationalen Gefechtsverband in Bataillon-Stärke, also mit etwa tausend Soldaten. Ähnliche Verbände wurden als Reaktion auf die russische Annexion der Krim 2014 auch in Polen, Estland und Lettland stationiert. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar wurden diese "EFP-Battlegroups" vergrößert und Kampfverbände in Rumänien, der Slowakei, Ungarn und Bulgarien aufgebaut. Diese Battlegroups könnten laut Stoltenberg künftig "bis zu eine Brigade" umfassen, also zwischen 3000 und 5000 Soldaten. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte Anfang Juni mitgeteilt, dass die Bundesregierung bereit sei, in Litauen "eine robuste Kampfbrigade" aufzubauen. Die Soldaten sollen jedoch in Deutschland stationiert bleiben.

Die Grundsatzpläne der Nato sehen vor, dass die Streitkräfte der NRF in Friedenszeiten unter nationalem Kommando stehen. Im Ernstfall sollen die Kräfte vom Nato-Oberbefehlshaber angefordert werden können. Den NRF-Truppen würden zudem feste Zeiten für die Einsatzbereitschaft vorgegeben. Im Gespräch ist, dass manche Einheiten nach höchstens zehn Tagen bereit für die Verlegung sein müssten, andere in 30 oder 50 Tagen. Dies dürfte hohe Kosten für die Beschaffung von Ausrüstung, Munition und Gerät sowie ständige Übungen erfordern.

Stoltenberg teilte zudem mit, dass sich die Verteidigungsausgaben der Europäer sowie Kanadas das achte Jahr in Folge erhöht hätten. Im Vergleich zu 2014 betrage das Plus 330 Milliarden Euro. Er begrüßte, dass auf seine Einladung hin der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan in Madrid mit Finnlands Präsident Sauli Niinistö und Schwedens Regierungschefin Magdalena Andersson sprechen wird. Erdoğan blockiert seit einem Monat die Beitrittsverhandlungen mit den beiden skandinavischen Ländern, die nach jahrzehntelanger Neutralität in die Nato wollen. Auf die Frage, ob die türkische Blockade vor oder auf dem Gipfel beendet werde, sagte Stoltenberg: "Ich mache keine Versprechungen, aber wir werden hart daran arbeiten, Fortschritte zu erzielen."

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