Streit um EU-Energiepolitik:Nachhaltigkeit, ein dehnbarer Begriff

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Streit um EU-Energiepolitik: Nachhaltig, schon vor 200 Jahren kam der Begriff im Deutschen auf - in Bezug auf die Nutzung der Wälder.

Nachhaltig, schon vor 200 Jahren kam der Begriff im Deutschen auf - in Bezug auf die Nutzung der Wälder.

(Foto: Jürgen Kosten/imago images/imagebroker)

Was ist eigentlich nachhaltig? Was sind grüne Energiequellen? Warum die Vorschläge der EU zu Atomkraft und Gas bei deutschen Umweltexperten so viel Empörung auslösen.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Mit Atomenergie und Gaskraftwerken hatte Hans Carl von Carlowitz gewiss nichts im Sinn. Und es war auch nicht überbordende Liebe zur Natur, die ihn im Jahr 1713 zum Erfinder der Nachhaltigkeit machte. Carlowitz, Oberberghauptmann im sächsischen Freiberg, hatte schlicht Angst um die Ressource Holz im Erzgebirge: ohne Holz kein Erz. Schon deshalb, so schrieb er in seiner "Sylvicultura oeconomica", brauche es "eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung". Denn was die eine Generation ausbeutet, kann die nachfolgende nicht mehr nutzen. Zu Carlowitz Zeiten schien das nirgends sinnfälliger zu sein als im Wald.

Trotzdem verschwand sein Werk mehr als zwei Jahrhunderte lang in der Versenkung. Schon gut hundert Jahre später trat zunehmend Kohle an die Stelle von Holz. Kohle, Öl, Gas, darauf aufbauend mineralische Dünger - sie schienen alle natürlichen Grenzen des Wachstums zu sprengen. Bis vor gut 50 Jahren hielt sich diese Illusion. Da wurde zunehmend spürbar, dass auch dieses Wachstum auf Kosten künftiger Generationen gehen würde, nur eben anders als bei Hans Carl von Carlowitz. Die neuen Grenzen des Wachstums bildeten nun die Verfügbarkeit fossiler Ressourcen.

1987 fasste eine Kommission der Vereinten Nationen den Nachhaltigkeitsbegriff neu. "Nachhaltige Entwicklung", so formulierte das Expertengremium unter dem Vorsitz der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, "ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne dadurch die Fähigkeit künftiger Generationen einzuschränken, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen." Es sollte der Kernsatz der Brundtland-Kommission werden, eine Art kategorischer Imperativ der menschlichen Entwicklung.

Selten hat ein Begriff so schnell eine solche Karriere hingelegt wie die sustainability, die Nachhaltigkeit. Aber bei Weitem nicht alles, was seither in Nachhaltigkeitsberichten von Unternehmen steht, was in Koalitionsverträgen "nachhaltig" passieren soll oder an "nachhaltigen Gewinnen" so eingefahren wird, achtet die Interessen künftiger Generationen. Nicht selten ist das glatte Gegenteil der Fall, nur lässt es sich hinter dem schönen Begriff gut verstecken.

So ähnlich verhält es sich nun wohl auch mit der "grünen Taxonomie" der EU, ungeachtet des schönen Plans dahinter. Sie soll helfen, Geld in nachhaltige Projekte zu leiten, und das anhand klarer Kriterien. Investoren sollen leicht beurteilen können, ob ihr Geld künftigen Generationen schadet oder nicht. Aber sind Atomkraft und Erdgas nachhaltig?

Klimaneutral sind Gasemissionen nun einmal nicht

Schon bei der Stromerzeugung aus Erdgas - sie lässt sich nun für einen Übergangszeitraum als "nachhaltig" verkaufen - ist das zweifelhaft: Zwar verursacht Erdgas weniger klimaschädliche Emissionen je Kilowattstunde als Braun- oder Steinkohle. Aber klimaneutral ist es nicht. Oder, wie es das Bundesverfassungsgericht im vorigen Jahr festgestellt hat: Es beschneidet auf lange Sicht die Freiheitsrechte künftiger Generationen. Gas mag also als Übergang in die klimaneutrale Zukunft hilfreich sein, etwa als Ersatz für Kohlekraftwerke. Im engeren Sinne nachhaltig aber ist es nicht.

So dehnt auch die EU-Kommission den Begriff "nachhaltig", wie es gerade passt. Bei der Atomenergie entstehen zwar weniger klimaschädliche Emissionen. Aber es gäbe reichlich Szenarien, die den Spielraum künftiger Generationen beschränken. Ein schwerer Atomunfall etwa, der Landstriche unbewohnbar macht. Die Suche nach einem Endlager, die so gut wie nirgendwo auch nur annähernd abgeschlossen ist, und irgendwann sein Betrieb. Die Gefahr des Missbrauchs radioaktiven Materials.

Mit derlei Fragen hatte sich auch die Kommission beschäftigt und sie ihrem wissenschaftlichem Dienst übergeben. Der definierte die meisten Vorbehalte weg: Für den Atommüll seien geologische Tiefenlager die angemessene Lösung, befand er. Den potenziellen Gefahren der Atomkraft lasse sich vorbeugen, und für alles andere gebe es hinreichend starke rechtliche Regelungen. Sollten sich die Brüsseler Experten allerdings geirrt haben, würden das erst diejenigen merken, deren Interessen die Idee der Nachhaltigkeit eigentlich schützen sollte. "Wir können doch nicht als nachhaltig definieren, was künftigen Generationen ein enormes Risiko auflädt, um andere schädliche Technologien zurückzudrängen", sagt Germanwatch-Geschäftsführer Christoph Bals, der auch im Beirat für nachhaltige Finanzen der verflossenen Bundesregierung saß. "Aus politischen Gründen das international gängige Verständnis von Nachhaltigkeit umzukrempeln, ist inakzeptabel."

Auch Ökonomen zweifeln, ob die Kommission das richtige Mittel gewählt hat. "Ich kann den Aufschrei verstehen", sagt die Nürnberger Ökonomin und Wirtschaftsweise Veronika Grimm. "Der Fehler war, positiv regeln zu wollen, was alles nachhaltig ist." Zwar brauche es in Ländern wie Deutschland Gaskraftwerke für den Übergang. Die Regeln dafür aber könne die EU besser setzen, indem sie Umweltschäden einen höheren Preis gibt - etwa mit dem Emissionshandel für den CO₂-Preis. "Die ganze Debatte um die Taxonomie beweist vor allem eins", sagt Grimm: "Die Anfälligkeit dieses Instruments für Lobbyismus."

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