Nach der Bayern-Wahl Warum Seehofer zurücktreten sollte

Nach der Landtagswahl in permanenter Abwehrhaltung: CSU-Chef Horst Seehofer

(Foto: REUTERS)

Rücktritte tun weh, aber sie haben auch etwas Gutes: Sie verkörpern in einer Demokratie Anstand und Einsicht. Deshalb sollte der CSU-Chef seinen Hut nehmen.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Wenn da doch bloß nicht diese plötzliche Leere wäre. Die Angst, nichts mehr zu sein und nichts mehr zu bedeuten. Und dazu auch noch das Gefühl, dass man bei dieser Form des politischen Adieus so schwach aussehen könnte. Ja, Rücktritte, ob in der Politik oder anderswo, fallen besonders schwer. Sie tun weh, natürlich. Sie werfen einen aus dem großen Rad heraus, das sich jahrelang so schön um einen gedreht hat. Und doch sind sie in einer Demokratie etwas ganz besonders Wichtiges. Sie vermitteln das, was politische Verantwortungsträger dringend ausstrahlen müssen: Anstand, Einsicht und die Botschaft, dass am Ende nicht die eigene Karriere, sondern das Wohl der anderen am wichtigsten ist.

Aus diesem Grund sollte Horst Seehofer jetzt zurücktreten.

Der CSU-Vorsitzende und Bundesinnenminister sollte kenntlich machen und akzeptieren, dass er zwar mit Leidenschaft für einen anderen Kurs insbesondere im Umgang mit der Flüchtlingskrise gekämpft hat, aber die Wähler seine CSU für seine Tonlage, seinen Stil und seine negative Energie bestraft haben. Zehn Prozent Minus bei der Landtagswahl, dabei nach rechts und in die Mitte Anhänger verloren - es gibt nicht viele Strategien, die derart ins Leere liefen.

Natürlich gibt es nicht nur den einen Grund für die schwere Schlappe der Christsozialen. Natürlich hat auch CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt die harschen Attacken auf die Kanzlerin mitgetragen. Zum Teil hat er sie sogar befeuert. Aber Seehofer selbst wäre wahrscheinlich beleidigt, wenn jemand behaupten würde, in diesem Kampf sei nicht er der wichtigste gewesen. Er war es. Und er sollte die Konsequenzen ziehen.

Nun gibt es jede Menge machtpolitische Gründe, um den Schritt erst mal nicht zu tun. Horst Seehofer, Markus Söder, auch Edmund Stoiber erklären seit Sonntagabend, bei allen Verlusten habe man einen Regierungsauftrag und müsse deshalb alles tun, um diesen ohne Konflikte umzusetzen.

Das Problem an dieser Argumentation ist nur, dass sie fahl und lächerlich wirkt, wenn man sich an das Jahr 2008 erinnert. Das Wahlergebnis vor zehn Jahren wäre 2018 als Triumph gefeiert worden. Trotzdem traten Günther Beckstein und Erwin Huber zurück, weil sie das für demokratisch unverzichtbar hielten. Und wenn der heutige Noch-CSU-Chef ehrlich ist zu sich selbst, dann wird er wissen, dass dieser Schritt von Huber und Beckstein ihm als dem Nachfolger erst die Freiheit verschaffte, die er brauchte, um in Bayern neu anzufangen.

Man kann das auch anders ausdrücken: Der Seehofer des Jahres 2008 wüsste ganz genau, was der Seehofer des Jahres 2018 tun müsste.

Womit man beim letzten Hinderungsgrund wäre: Seehofers Gefühl, dass das alles ungerecht ist. Er fühlt sich in der Hauptstadt ungerecht behandelt. Er fühlt sich in München ungerecht als Ministerpräsident verabschiedet. Er findet es ungerecht, dass jetzt vor allem er gehen soll und nicht auch alle anderen.

Dieses Gefühl von Seehofer ist echt, es wirkt mächtig. Aber es zeigt leider auch, wie wenig der CSU-Chef noch in der Lage ist, sich für einen Moment mal neben sich selbst zu stellen. Dann nämlich hätte er in den letzten sechs Monaten gemerkt, an wie vielen Stellen seine Attacken ins Gegenteil umschlugen. Er hätte gespürt, dass selbst Wohlgesonnene sich von ihm abwenden. Und ja, dann hätte er womöglich zu einem vernünftigen Zeitpunkt die Kurve gekriegt.

So ist der Zeitpunkt für den Abschied jetzt gekommen.

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