Nach Bootsunglück mit vielen Toten EU befürchtet Massenflucht aus Ägypten

Suche nach einer Person, die vermisst wird, nachdem ein Boot vor der Küste Ägyptens kenterte.

(Foto: REUTERS)
  • 43 Menschen sind ums Leben gekommen, nachdem ein Boot vor der Mittelmeerküste Ägyptens kenterte. Es wird befürchtet, dass es noch mehr Tote gibt.
  • Erstmals seit 2011 ist Ägypten unter den zehn wichtigsten Herkunftsländern, aus denen Migranten flüchten.
  • Sollte sich die wirtschaftliche Lage im Land verschlechtern, könnte die Zahl weiter steigen.
  • Europaparlamentspräsident Martin Schulz spricht sich für ein Flüchtlingsabkommen mit Ägypten aus.
Von Nico Fried und Paul-Anton Krüger, Berlin/Kairo

Der Untergang eines Flüchtlingsbootes mit mindestens 43 Todesopfern vor Ägyptens Mittelmeerküste alarmiert Politiker in Deutschland und in der EU. Laut den Behörden war der Fischkutter von Borg Meghezel in See gestochen, einem Ort an der westlichen Nil-Mündung bei Rosette.

Er sei gekentert, weil er völlig überladen war. 163 Menschen konnten gerettet werden, nach Aussagen von Überlebenden waren aber mehr als 500 Menschen an Bord. Viele seien in den verschlossenen Laderaum eingepfercht worden. Das lässt befürchten, dass die Zahl der Toten steigt.

Fünf Boote in zwei Wochen gestoppt

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Ägypten hat sich nach Libyen zum zweitwichtigsten Ausgangsland für Migranten entwickelt, die über das Mittelmeer in die EU gelangen wollen. Jeder zehnte beginnt laut Bundesregierung seine Reise hier. In Italien, dem Ziel der Boote, sind 2016 laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bisher insgesamt 130 000 Migranten angekommen.

Das ägyptische Militär hat nach eigenen Angaben alleine in den vergangenen zwei Wochen fünf Boote gestoppt, die zusammen 900 Personen transportierten.

Die meisten Migranten kommen aus Eritrea, dem Sudan, Nigeria und anderen Subsahara-Ländern. Die Zahl der Ägypter, die sich auf die gefährliche, sieben bis zehn Tage lange Überfahrt wagen, steigt aber massiv. 2016 waren es bislang 3800, die Italien erreichten. Unter ihnen sind viele Minderjährige, die bessere Chancen auf eine Bleiberecht haben.

Europaparlamentspräsident Schulz will Abkommen wie mit der Türkei

Erstmals seit 2011 ist Ägypten wieder unter den zehn wichtigsten Herkunftsländern. In der Bundesregierung und der EU wächst die Sorge, dass künftig aus Ägypten weit mehr Flüchtlinge kommen könnten, vor allem, wenn die wirtschaftliche Lage der 92 Millionen Einwohner sich verschlechtert.

Europaparlamentspräsident Martin Schulz (SPD) sprach sich dafür aus, mit Ägypten ein Flüchtlingsabkommen zu erreichen ähnlich dem mit der Türkei. "Diesen Weg müssen wir einschlagen", sagte er der Süddeutschen Zeitung.

Der Schutz der Flüchtlinge und die Bekämpfung des Schlepperwesens müssten im Vordergrund stehen. Kanzlerin Angela Merkel hatte den Türkei-Deal als "Vorbild" für solche Verträge mit Ägypten und anderen nordafrikanischen Ländern genannt.

Schulz sagte weiter, am EU-Türkei-Abkommen zeige sich, dass eine solche Zusammenarbeit möglich sei, ohne eigene Prinzipien aufzugeben. Mit Blick auf Ägypten sagte er, eine solche Kooperation müsse "umfassend sein". Es gehe nicht, finanzielle Hilfe wie einen Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Anspruch zu nehmen, sich aber einer Zusammenarbeit in der Migrationsfrage zu verweigern.

Ägypten hofft auf ein Darlehen von zwölf Milliarden Dollar, das der IWF-Verwaltungsrat noch genehmigen muss, in ihm haben EU-Staaten großen Einfluss. Präsident Abdel Fattah al-Sisi hat angekündigt, die Gesetze gegen Menschenschmuggel und illegale Auswanderung zu verschärfen; das Parlament soll dazu in der neuen Sitzungsperiode von Oktober an beraten.