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Murat Kurnaz:"Speaking Invitation" nach Georgetown - wie vorher Obama und die Clintons

"Die haben ihn in Guantanamo nicht brechen können", sagt Bernhard Docke. Im Auftrag von Kurnaz' Mutter hat der Bremer Rechtsanwalt jahrelang um die Freilassung seines Mandanten gekämpft. Kennengelernt hat er ihn erst am Tag seiner Rückkehr nach Deutschland. Über Docke laufen seitdem nahezu alle Anfragen von Journalisten, Künstlern, Aktivisten.

Zuletzt kam eine "Speaking Invitation" an die Georgetown Universität in Washington. Die Liste der Persönlichkeiten, die in der Vergangenheit einer solchen Einladung nachkamen: Edward Snowden und Garri Kasparow, Barack Obama, Bill und Hillary Clinton.

Solche Auftritte mögen verlockend klingen. Wichtig ist Kurnaz heute etwas anderes: Wegen seiner Gefangenschaft sei er prädestiniert dafür, Flüchtlingen bei der Integration zu helfen, glaubt Docke. Er ist kein Pädagoge, er hat kein Fachwissen, aber "durch seine Geschichte besitzt Murat eine besondere Glaubwürdigkeit".

Man erlebt Kurnaz während des Treffens als still, aber aufmerksam; als einen, dem Kleinigkeiten auffallen und der über ein verblüffend präzises Gedächtnis verfügt. Eigenschaften, die einen Häftling in einem Foltergefängnis zerbrechen lassen müssten.

Er halte sich aber nicht für traumatisiert, sagt Kurnaz. Wie er das schafft? Er zieht nur die muskulösen Schultern hoch, umklammert seinen türkischen Mokka und schweigt. Womöglich gibt es darauf ebenso wenig eine Antwort wie auf andere Fragen zu seiner Geschichte. Und womöglich ist es eine kluge Strategie, nicht nach jeder Antwort zu suchen.

Seine Kinder wissen, dass er im Gefängnis war

Es gibt nach wie vor Menschen, die an seiner Unschuld zweifeln, die Angst vor ihm haben, weil sie ihn für "supergefährlich" halten, wie er es nennt. Vor ein paar Jahren fand er das traurig, heute sei es ihm "relativ egal" - behauptet er zumindest. Die Anerkennung seiner Geschichte ist ihm wichtig.

Und Anerkennung im Job. Letztere bekommt er oft. Auch weil er sich einmischt. In Flüchtlingsunterkünften schlichtet er Streitereien. Manchmal hört er auch einfach nur zu und tröstet, obwohl das nicht zu seinem Job gehört. "Ich mache das aus Menschlichkeit", sagt Kurnaz.

Dann erzählen die Entwurzelten von ihren kaputten Ehen, den Strapazen der Flucht und davon, wie es war, im Krieg Verwandte sterben zu sehen. Zur Trauer um das Gewesene kommt der Frust über die Gegenwart. Immer wieder, sagt Kurnaz, falle ihm auf, wie enttäuscht viele Flüchtlinge seien über das mühsam erreichte Deutschland. Einige Afghanen etwa seien vor Jahren in die Türkei geflohen. Dort hätten sie sich eine Existenz aufgebaut und Geld verdient. In Deutschland ist alles anders, hier kann man nicht einfach arbeiten.

Jahresrückblick - Guantanamo-Häftling Kurnaz

Damals noch mit Bart: Murat Kurnaz vor dem CIA-Sonderausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel im November 2006

(Foto: dpa)

"Sie warten in Sammelunterkünften mit wildfremden Leuten und verlieren die Hoffnung und die Nerven", erzählt Kurnaz. "Die Leute hatten ein falsches Bild von Deutschland." Er findet, dass die Regierung dafür sorgen muss, besser zu kommunizieren, welche Bedingungen hier herrschen. "Die müssen mehr tun." Kurnaz formuliert knapp, er spricht nicht mehr weiter. Aber sein Gesichtsausdruck wirkt wie ein großes So-schaffen-wir-das-nicht.

Zur Ernüchterung gehört auch das wachsende Misstrauen in Westeuropa gegen Ausländer und Muslime. Kurnaz macht die Entwicklung ratlos. "Wir kommen doch alle recht gut miteinander zurecht, es gibt so viele Freundschaften zwischen Muslimen und Nichtmuslimen", sagt er.

Seit 60 Jahren lebten nun Türken in Deutschland, drei Generationen. "Wieso wollen einige Politiker und Medien das alles kaputtreden?" Kurnaz sagt nicht AfD und nicht Pegida, er verwendet ohnehin eine sehr zahme Sprache.