Süddeutsche Zeitung

Murat Kurnaz:Murat Kurnaz - für Flüchtlinge ist er ein Stück Deutschland

Vor zehn Jahren kam Murat Kurnaz aus Guantanamo frei. Nun hilft der Familienvater jungen Flüchtlingen bei der Eingewöhnung - und findet, dass einiges falsch läuft. Eine Begegnung.

Murat Kurnaz scherzt gerne. Mit leiser Stimme streut er trockene Witze ein. Und angesichts seiner Geschichte driftet das immer mal ins Makabre. Zum Beispiel erwähnt er seinen abgeschnittenen roten Rauschebart, und dass er den angeblich im Keller aufbewahrt. Oder er behauptet, sein Gegenüber wiederzuerkennen - ist der nicht Verhörexperte? Anschließend freut Kurnaz sich über die Verblüffung.

Diesmal erzählt er vom August 2006, vom Ende der fünf Jahre währenden Gefangenschaft, vom Transport von Guantanamo nach Ramstein. Genüsslich und detailgenau berichtet er, wie ihn seine amerikanischen Aufpasser verschnürten: Fußfesseln, Handschellen, nicht zu vergessen das Schloss am Rücken. "Als wäre ich radioaktiv oder hochexplosiv."

15 bewaffnete Aufpasser zählte er damals, die ihn auf dem Flug in die deutsche Heimat bewachten. "15 Soldaten für einen einzelnen verpackten Mann!" In Kurnaz' Gesicht breitet sich das Lachen aus wie ein Schutzwall. "Die hätten mit mir doch auch Kaffee trinken können."

Er war ganz und gar nicht sicher, das Guantanamo lebend zu verlassen

Seit zehn Jahren nun ist Murat Kurnaz ein freier Mann. Und ein Kronzeuge für den Krieg gegen den Terror, wenn man so will. Ein Mann, dessen Geschichte weltweit bekannt wurde.

Nach seiner Rückkehr berichtete der türkischstämmige Bremer ausführlich über das, was er in den fünf Jahren in US-Gewahrsam erlebt hat. Er schrieb ein Buch, gab Dutzende Interviews, Filme thematisierten seinen Fall, er sagte vor Parlamentsausschüssen aus. Bestsellerautor John le Carré ließ das Schicksal von Kurnaz in seinen Thriller "Most Wanted Man" einfließen. Und Punk-Veteranin Patti Smith widmete ihm einen Song.

Für viele Deutsche ist Murat Kurnaz seitdem einfach der bärtige Guantanamo-Häftling. Für Flüchtlinge in Bremen ist er ein Stück Deutschland. Als angestellter "Kultur- und Sprachvermittler" erklärt Kurnaz den Neuankömmlingen, wie dieses Land funktioniert.

Pro Woche besucht er sechs Schulen für jeweils zwei Stunden, er kümmert sich um sogenannte Vorbereitungsklassen. Außerdem geht er in Flüchtlingsheime. Seit bald zwei Jahren macht er das. Kurnaz spielt mit seinen Schützlingen Basketball und Beachvolleyball, bietet Kampfsportkurse an. Ab und zu stellt er sich auf den Fußballplatz, "obwohl das nicht so meins ist", und begleitet Flüchtlinge ins Stadion zu Werder Bremen.

Es ist später Nachmittag. Kurnaz sitzt nach getaner Arbeit in einem türkischen Lokal. Üppig türmt es sich auf seinem Teller, Reis und Humus, dazu Salat und ein Berg gegrilltes Fleisch. Er isst schnell und nahezu lautlos. In Guantanamo habe er oft Hunger gehabt, sagt er.

Die sensibleren unter den Wächtern hätten das bei der Speiseausgabe erkannt. Diejenigen mit Mitgefühl hätten ihm dann heimlich eine zweite Scheibe Toast in den Käfig geschoben. Nach solchen Dingen fragten die Flüchtlinge, die er betreut, sagt er.

In diesen Augusttagen beginnt in Bremen das neue Schuljahr. Für Kurnaz bedeutet das viele neue Gesichter. Er erzählt von einer Klasse mit 17 Kindern, ein paar mehr Jungs als Mädchen. Die neuen Schüler kommen aus Syrien und Afghanistan, aus Tschetschenien und Marokko. Einige können etwas Englisch, ein paar Brocken Deutsch. Andere beherrschen nur Arabisch, Paschtu oder Farsi. Kurnaz versteht diese Sprachen alle. Er hat sie in Guantanamo gelernt - von Mitgefangenen aus islamischen Ländern.

Bald erfahren auch diese Schüler seine Geschichte. Wie er kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nach Pakistan flog, um eine Koranschule zu besuchen. Wie er für ein Kopfgeld an die Amerikaner verkauft wurde, die ihn erst in Afghanistan, dann in Guantanamo für fünf Jahre gefangen hielten. Kurnaz wurde mit Elektroschocks gequält, er hing als menschliches Bündel von der Decke.

Tagelang ließ man ihn nicht schlafen, setzte ihn Kälte und Hitze aus und simulierte sein Ertrinken. Nach wenigen Monaten war den Amerikanern klar, dass Kurnaz weder ein Talib ist, noch zu Osama bin Ladens al-Qaida gehört. Dass der rothaarige Typ aus Deutschland zwar fromm war, aber nicht militant.

Weder die Türkei noch die Bundesregierung wollte Kurnaz aufnehmen. In Berlin spielte der damalige Kanzleramtschef und heutige Außenminister Frank-Walter Steinmeier eine entscheidende Rolle. Wenn der Name fällt, sieht man, wie es in Kurnaz arbeitet.

Er macht Steinmeier dafür verantwortlich, dass Deutschland seine Rückkehr erst nach einem Regierungswechsel in die Wege leitete. So habe er damals weitere Jahre in seinem Drahtkäfig in der Karibik zubringen müssen, insgesamt 1725 Tage. Er war ganz und gar nicht sicher, das Camp lebend zu verlassen.

"Speaking Invitation" nach Georgetown - wie vorher Obama und die Clintons

"Die haben ihn in Guantanamo nicht brechen können", sagt Bernhard Docke. Im Auftrag von Kurnaz' Mutter hat der Bremer Rechtsanwalt jahrelang um die Freilassung seines Mandanten gekämpft. Kennengelernt hat er ihn erst am Tag seiner Rückkehr nach Deutschland. Über Docke laufen seitdem nahezu alle Anfragen von Journalisten, Künstlern, Aktivisten.

Zuletzt kam eine "Speaking Invitation" an die Georgetown Universität in Washington. Die Liste der Persönlichkeiten, die in der Vergangenheit einer solchen Einladung nachkamen: Edward Snowden und Garri Kasparow, Barack Obama, Bill und Hillary Clinton.

Solche Auftritte mögen verlockend klingen. Wichtig ist Kurnaz heute etwas anderes: Wegen seiner Gefangenschaft sei er prädestiniert dafür, Flüchtlingen bei der Integration zu helfen, glaubt Docke. Er ist kein Pädagoge, er hat kein Fachwissen, aber "durch seine Geschichte besitzt Murat eine besondere Glaubwürdigkeit".

Man erlebt Kurnaz während des Treffens als still, aber aufmerksam; als einen, dem Kleinigkeiten auffallen und der über ein verblüffend präzises Gedächtnis verfügt. Eigenschaften, die einen Häftling in einem Foltergefängnis zerbrechen lassen müssten.

Er halte sich aber nicht für traumatisiert, sagt Kurnaz. Wie er das schafft? Er zieht nur die muskulösen Schultern hoch, umklammert seinen türkischen Mokka und schweigt. Womöglich gibt es darauf ebenso wenig eine Antwort wie auf andere Fragen zu seiner Geschichte. Und womöglich ist es eine kluge Strategie, nicht nach jeder Antwort zu suchen.

Seine Kinder wissen, dass er im Gefängnis war

Es gibt nach wie vor Menschen, die an seiner Unschuld zweifeln, die Angst vor ihm haben, weil sie ihn für "supergefährlich" halten, wie er es nennt. Vor ein paar Jahren fand er das traurig, heute sei es ihm "relativ egal" - behauptet er zumindest. Die Anerkennung seiner Geschichte ist ihm wichtig.

Und Anerkennung im Job. Letztere bekommt er oft. Auch weil er sich einmischt. In Flüchtlingsunterkünften schlichtet er Streitereien. Manchmal hört er auch einfach nur zu und tröstet, obwohl das nicht zu seinem Job gehört. "Ich mache das aus Menschlichkeit", sagt Kurnaz.

Dann erzählen die Entwurzelten von ihren kaputten Ehen, den Strapazen der Flucht und davon, wie es war, im Krieg Verwandte sterben zu sehen. Zur Trauer um das Gewesene kommt der Frust über die Gegenwart. Immer wieder, sagt Kurnaz, falle ihm auf, wie enttäuscht viele Flüchtlinge seien über das mühsam erreichte Deutschland. Einige Afghanen etwa seien vor Jahren in die Türkei geflohen. Dort hätten sie sich eine Existenz aufgebaut und Geld verdient. In Deutschland ist alles anders, hier kann man nicht einfach arbeiten.

"Sie warten in Sammelunterkünften mit wildfremden Leuten und verlieren die Hoffnung und die Nerven", erzählt Kurnaz. "Die Leute hatten ein falsches Bild von Deutschland." Er findet, dass die Regierung dafür sorgen muss, besser zu kommunizieren, welche Bedingungen hier herrschen. "Die müssen mehr tun." Kurnaz formuliert knapp, er spricht nicht mehr weiter. Aber sein Gesichtsausdruck wirkt wie ein großes So-schaffen-wir-das-nicht.

Zur Ernüchterung gehört auch das wachsende Misstrauen in Westeuropa gegen Ausländer und Muslime. Kurnaz macht die Entwicklung ratlos. "Wir kommen doch alle recht gut miteinander zurecht, es gibt so viele Freundschaften zwischen Muslimen und Nichtmuslimen", sagt er.

Seit 60 Jahren lebten nun Türken in Deutschland, drei Generationen. "Wieso wollen einige Politiker und Medien das alles kaputtreden?" Kurnaz sagt nicht AfD und nicht Pegida, er verwendet ohnehin eine sehr zahme Sprache.

Groll auf Steinmeier, Dankbarkeit gegenüber Merkel

Der Junge aus dem Bremer Arbeiterbezirk Hemelingen vermeidet jegliche Kraftausdrücke. Auf die Terroranschläge von Ansbach und Würzburg, wo Flüchtlinge zu islamistischen Gewalttätern wurden, kommt er von sich aus zu sprechen. Die meisten Deutschen könnten in diesen Fragen durchaus differenzieren, findet Kurnaz. "Man darf nicht eine ganze Religion schlechtmachen, nur weil ein paar Idioten schlimme Verbrechen begehen."

Mit Politik beschäftigt sich Kurnaz im Grunde wenig. Es sind Einzelpersonen, die er betrachtet. Sein Groll auf Steinmeier ist ebenso da wie seine Dankbarkeit gegenüber der Kanzlerin. Sie hatte sich gleich nach Amtsantritt 2005 beim damaligen US-Präsidenten George W. Bush für den Bremer eingesetzt. "Merkel hat mich rausgeholt", sagt Kurnaz heute. "Das hätte sie nicht machen müssen."

Kurnaz ist nun fast so lange in Freiheit, wie ihre Kanzlerschaft dauert. 34 Jahre alt ist er inzwischen, sein Haar, das früher lang war, trägt er schon seit Jahren raspelkurz. Vor einiger Zeit ist er mit dem Regisseur Fatih Akin bei der Berlinale über den roten Teppich gelaufen. "Die meisten Fotografen haben mich für einen Leibwächter gehalten", sagt Kurnaz und muss lachen.

Viele denken immer noch an das Bild des Rübezahls mit der wallenden roten Mähne, wenn sie seinen Namen hören. Auf Prominenz legt er keinen Wert, versichert er. In seinem Umfeld gehöre es dazu, dass Prominenz mit Reichtum verwechselt werde, sagt er. Er will nicht wegen seiner Geschichte auch noch um Geld angepumpt werden. Schließlich besitzt er selbst nicht viel.

Vor einigen Jahren hat er geheiratet, seine Frau ist wie er türkischstämmig und Bremerin, sie trägt Kopftuch und strahlt Selbstbewusstsein aus. Inzwischen haben sie zwei Kinder, über die Kurnaz keine Details in der Zeitung lesen will. Nur so viel: Beide wissen, dass der Papa mal im Gefängnis war - die Nachbarskinder haben es ihnen erzählt. Bald werden sie ihn fragen, warum er im Knast war und wie es dort war. Dann wird er entscheiden müssen, wie viele Erinnerungen er mit ihnen teilt.

Eine Therapie hat Kurnaz nie gemacht, obwohl seine Mutter ihn so gedrängt hat. Dabei findet er, dass die meisten gefolterten Menschen psychologischen Beistand bräuchten. Womöglich therapiert sich Murat Kurnaz einfach anders, in der Öffentlichkeit. Indem er immer wieder darüber spricht, was er erlitten hat.

"Kafkaeskes" Szenario

Auf Veranstaltungen sitzt er auf dem Podium, er besucht Schulklassen. Dann erzählt er davon, wie es ist, über Jahre gefoltert zu werden, ohne Richter, ohne Besuche der Familie, und lange Zeit ohne Rechtsbeistand. Gefangen in Guantanamo - das gleiche einem "kafkaesken" Szenario, sagt Anwalt Docke.

Kurnaz betont, wie sein Glaube ihm in den schwersten Stunden geholfen hat. Sein Überleben versteht er als Auftrag von Gott. "Das verpflichtet mich, an die Öffentlichkeit zu gehen, anderen Menschen zu helfen." Das ist seine Rolle, er weiß, wofür sein Name steht. Darum wird man auch kaum ein Foto von Murat Kurnaz sehen, auf dem er lächelt. "Ich stehe für ein ernstes Thema", sagte er vor einigen Jahren, "darum schaue ich ernst in die Kamera."

Kurnaz hat sich den Kampf gegen die Folter zur Lebensgabe gemacht, es ist eine Beschäftigung mit Grausamkeiten, die kein Ende nehmen. "Es gibt heute viel Schlimmeres als Guantanamo." Dafür reicht ein Blick in die Nachrichten aus Aleppo. Als Hauptursache für die wachsende Enthemmung sieht er die Digitalisierung und erzählt davon, dass er im Internet Foltervideos gefunden hat, aufgenommen von den Tätern oder von Schaulustigen. "Es gibt Leute, die sich so was anschauen und danach beruhigt ins Bett gehen."

Kann er trotz der Erinnerungen ruhig schlafen? Noch lange nach seiner Rückkehr hat er auf dem harten Boden seines Zimmers übernachtet, sagt er. So war er es aus dem Lager gewohnt. Kurnaz muss lächeln, als warte er auf eine ungläubige Reaktion: Er finde eine harte Unterlage noch heute angenehmer. Aber seit der Hochzeit liege er im Bett. "Ich träume niemals von Guantanamo." Kurnaz macht eine Pause. "Aber interessant wäre es schon."

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