Münchner Abkommen 1938 Wie der Westen die Tschechoslowakei verraten hat

Tage der Schande: Der britische Premierminister Chamberlain, Frankreichs Ministerpräsident Daladier, Hitler und Italiens Diktator Mussolini (vorn von links) einigen sich in München darauf, das Sudetenland von der Tschechoslowakei abzutrennen; die Tschechen werden nicht gefragt.

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Vor 80 Jahren opfern die westlichen Demokratien ihre Werte beim Deal mit Hitler - und feiern sich als Kriegsverhinderer. Winston Churchill widerspricht mit einer Rede, die einer biblischen Prophezeiung gleicht.

Von Joachim Käppner

Er steht vor zischenden, feindseligen Zuhörern, Zwischenrufer versuchen, ihn aus dem Konzept zu bringen. Aber er steht. "Er mustert die Abgeordneten mit hartem Blick, das Kinn gesenkt, die Daumen in die Westentaschen gehakt", wie sein Biograf William Manchester schreibt.

Winston Spencer Churchill hat immer einen Sinn für den dramatischen Auftritt gehabt und gewartet. Auf den richtigen Zeitpunkt, die richtige Stunde. Nun ist sie da, am Nachmittag des dritten Tages einer Unterhausdebatte über das Münchner Abkommen.

Churchill, in der Fraktion unbeliebtester Abgeordneter der konservativen Regierungspartei, steht am Rednerpult wie ein Kapitän am Ruder und hält dem Sturm der Wut stand. Es ist der 5. Oktober 1938; kein Jahr mehr, dann wird Krieg sein. Um diesen zu vermeiden, haben die demokratischen Westmächte, Großbritannien und Frankreich, die befreundete Tschechoslowakei wenige Tage zuvor in München gezwungen, dem Nazireich das deutschsprachige Sudetenland abzutreten.

Als der britische Premierminister Neville Chamberlain von den zermürbenden Verhandlungen mit Adolf Hitler zurückkommt, schwenkt er ein Stück Papier. "Peace for our time" garantiere es, ruft er in der Downing Street einer jubelnden Menge zu, Frieden für unsere Zeit.

Churchills Rede

Winston Churchill, noch als einfacher konservativer Abgeordneter, verdammt das Münchner Abkommen am 5. Oktober 1938 im britischen Unterhaus (Auszüge): "Ich möchte damit beginnen, dass ich etwas höchst Unpopuläres und Unwillkommenes sage. Ich will zuerst etwas aussprechen, was nicht jedermann zur Kenntnis zu nehmen wünscht: nämlich, dass wir eine völlige, durch nichts gemilderte Niederlage erlitten haben ... Schweigend, trauernd, verlassen und gebrochen versinkt die Tschechoslowakei in der Dunkelheit. Sie hat in jeder Weise dafür büßen müssen, dass sie sich den Demokratien des Westens und dem Völkerbund anschloß, dem sie stets treu gedient hat. ... (Unser Volk) soll die Wahrheit erfahren. Es soll wissen, dass wir einen schrecklichen Meilenstein unserer Geschichte passiert haben, und dass jetzt das furchtbare Urteil über die westlichen Demokratien gefällt worden ist: ,Gewogen, gewogen und zu leicht befunden.' Glauben Sie nicht, dass dies das Ende ist. Das ist erst der Beginn der Abrechnung, bloß der erste Schluck, bloß der erste Vorgeschmack des bitteren Trankes, der uns Jahr für Jahr vorgesetzt werden wird, es sei denn, dass wir in einer großartigen Wiedergewinnung unserer moralischen Gesundheit und kriegerischen Stärke von Neuem entstehen und mutig für die Freiheit einstehen, wie in der alten Zeit." (Aus: Winston S. Churchill: Reden in Zeiten des Krieges. Europa Verlag 2002)

Winston Churchill ist anderer Meinung. Seit Jahren hat er gewarnt vor dem Aufstieg der Nazis, er ist der einsame, härteste, unermüdliche Kritiker der Appeasementpolitik, mit der die Regierungen in London und Paris Hitlerdeutschland beschwichtigen wollen; mit der sie noch jede Grenzüberschreitung, jeden Vertragsbruch des "Führers" toleriert haben.

Nun das - der Verrat, wie Churchill es sieht, an der Tschechoslowakei, einem engen Freund, der mit dem Sudetenland seine Industriebasis und seinen Festungsgürtel verliert; ein Verrat, der Zehntausende Tschechen zu Flüchtlingen macht und sudetendeutsche Juden, Demokraten, Nazigegner einem Mordregime ausliefert. Wir haben, sagt Churchill im Unterhaus, "eine durch nichts gemilderte Niederlage erlitten!"

"Unsinn!" ruft Lady Nancy Astor dazwischen, die nicht nur die erste weibliche Abgeordnete, sondern auch eine Bewunderin Adolf Hitlers ist. Sie hat einmal zu Churchill gesagt, wenn sie mit ihm verheiratet sein müsste, würde sie seinen Tee vergiften. Und Churchill erwiderte: Wäre er ihr Mann, würde er ihn trinken.

Auch diesmal schlägt er hart zurück. Das Einzige, was sein "sehr ehrenwerter Freund, der Premierminister" in München erreicht habe, sei ... - "Frieden!" ruft jemand dazwischen - "dass der deutsche Diktator, anstatt die Speisen vom Tisch zu rauben, sich damit zufriedengibt, sie sich nun Gang für Gang servieren zu lassen".

Es ist eine Rede von der Wucht einer biblischen Prophezeiung, und alles, was Churchill voraussieht, wird innerhalb weniger Monate eintreffen. Das Versagen des Westens in der Sudetenfrage wird erst "der Beginn der Abrechnung" sein, die Tschechoslowakei nicht mehr lange bestehen, Osteuropa der Hinterhof des Nazireiches werden, der Krieg nun erst recht kommen. Er hält eine düstere, fast apokalyptische Rede zur Verteidigung der freien Welt und ihrer Werte.

Es gehört zu den großen Paradoxien der Geschichte, dass diese Ansprache, gehalten mit dem Mut der Verzweiflung, den Wiederaufstieg jenes Mannes markiert, der als Sohn einer der berühmtesten englischen Adelsfamilien, Erster Lord der Admiralität und Minister Seiner Majestät höchste Ämter innehatte, in den Dreißigerjahren aber isoliert und verhasst ist.

Und doch wird er Hitlers Nemesis sein, ein Feind, welcher der Nazityrannei 1940 "we shall never surrender" entgegenschleudert und ihr späteres Ende damit vorwegnimmt, der erste Widersacher, den sie nicht wird besiegen können. Doch im Oktober 1938 ist dies noch unvorstellbar.

Das Abkommen (englische Niederschrift) soll "Frieden in unserer Zeit" sichern.

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Churchill hat 1898, an einem glutheißen Tag in der Wüste des Sudan, bei Omdurman die letzte Kavallerieattacke der britischen Geschichte mitgeritten, gegen die Truppen des Mahdi. Die verbale Attacke gegen die eigene Regierung 40 Jahre später ist mindestens so wuchtvoll, sie macht Schlagzeilen und tut Chamberlain sehr weh.

Längst ist die Appeasementpolitik umstritten, gerade ist der Erste Lord der Admiralität, Duff Cooper, zurückgetreten, der vergeblich gefordert hatte, Hitler "die gepanzerte Faust zu zeigen".

Das Establishment von Regierung und Partei schmäht Churchill nun als Alarmisten, die Times, deren Herausgeber Geoffrey Dawson die Beschwichtigungspolitik für eine welthistorische Mission hält, spottet: Gegen Churchill klinge "der Prophet Jeremia wie ein Optimist". In der konservativen Partei gilt Churchill als Paria, Lord Maugham, den viele schon als potenziellen Nachfolger Chamberlains betrachten, sagt böse, man sollte ihn "erschießen oder hängen". Niemals zuvor oder danach ist die freie Welt so tief gesunken wie in diesem Herbst 1938.

Die einzige Demokratie Ostmitteleuropas zum Fraß vorgeworfen

Wenn heute, 80 Jahre später, der Westen ratlos und getrieben erscheint von den Furien des Populismus und Nationalismus, wenn er seine eigenen Errungenschaften und seine Stärke zaghaft zu gering achtet, vermittelt das höchstens eine Ahnung ihrer nahezu tödlichen Schwächesymptome von 1938, wenn auch eine durchaus bedrohliche.

Daher sollte man sehr vorsichtig sein mit modischen, aber falschen Vergleichen wie jenem, der Westen betreibe gegenüber Putins Russland ein "neues Appeasement". Wer so etwas behauptet, verkennt völlig, was Appeasement wirklich bedeutet hat: die Selbstpreisgabe der demokratischen Welt.

Seit 1933 hatten die Westmächte Hitlers düsteres Reich gewähren lassen, seine Terrorherrschaft und die Judenverfolgung hingenommen, die Aufrüstung, die Besetzung des Rheinlandes 1936 und Österreichs 1938. Sie ließen die bedrängte linke Republik Spaniens in die Hände der von Deutschland und Italien unterstützten Faschisten fallen; die amerikanische Publizistin Martha Gellhorn klagte deshalb über den "dümmsten, verlogensten, grausamsten Ausverkauf" aller Werte.

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Mühelos besiegt Hitler-Deutschland im Frühjahr 1940 Frankreich. Der Diktator wähnt den Krieg gewonnen und erlebt den "schönsten Moment" seines Lebens. Doch er hat einen schweren taktischen Fehler gemacht.   Von Oliver Das Gupta, Paris, und Paul Munzinger

Nicht einmal scharfe Kritiker wie sie aber hätten es für möglich gehalten, dass Paris und London - die USA hatten sich vor den Händeln der Alten Welt in die Isolation zurückgezogen - die einzige Demokratie Ostmitteleuropas den Wölfen zum Fraß vorwerfen würden.

Genau dies aber geschieht mit dem Münchner Abkommen. Die geplante Besetzung der Tschechoslowakei ist ein wesentlicher Baustein jener Mord- und Eroberungspolitik für "Lebensraum" im Osten, die das deutsche Regime langfristig anstrebt.

Nach außen tarnt die Reichsregierung ihre Absichten als Fürsorge für die 3,5 Millionen Sudetendeutschen, die sich 1919 auf dem Boden des neuen tschechoslowakischen Staates wiederfanden und von diesem mit Misstrauen betrachtet und behandelt werden.