Mossack Fonseca Neues Datenleck offenbart die letzten Geheimnisse der Skandal-Kanzlei

Die Kanzleigründer Ramón Fonseca und Jürgen Mossack (v.r.) hätten nichts zu bedauern, sagt ihre Anwältin Guillermina McDonald. Illustration: Peter M. Hoffmann

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Die Panama Papers machten Mossack Fonseca bekannt. Ein neues Leak dokumentiert, wie die Kanzlei ums Überleben kämpfte - und versuchte, im Verborgenen weiterzumachen.

Von Boris Herrmann, Mauritius Much, Hannes Munzinger, Frederik Obermaier und Bastian Obermayer

Die Nachricht kommt unerwartet. Jürgen Mossack, der Gründer der Kanzlei Mossack Fonseca, der Deutsche im Mittelpunkt der Panama Papers, ist zu einem Treffen bereit. Der in Fürth geborene Anwalt, in Panama tatsächlich "der Deutsche" genannt, wolle sich mit einem Reporter der Süddeutschen Zeitung zum Interview zusammensetzen - mehr als drei Jahre, nachdem dieser Zeitung die 11,5 Millionen Dokumente der Panama Papers zugespielt worden waren, die das Ende für seine Firma bedeuteten. Die SZ hatte die Unterlagen mit dem Internationalen Konsortium für Investigativjournalisten (ICIJ) geteilt, und damit mit 400 Reportern aus mehr als 80 Ländern.

Damals hatte die SZ Mossack zum ersten Mal nach einem Interview gefragt, aber manchmal brauchen die Dinge eben ihre Zeit. Jetzt soll es so weit sein: Jürgen Mossack sei bereit, sich in Panama zu treffen, das ist die Botschaft, die seine Anwältin der SZ übermitteln ließ. Also werden Flüge und Hotels gebucht und Fragen vorbereitet, eine lange Liste - bisher gab es ja kaum Antworten.

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Ein einziges Mal nur, im März 2016, hatte sich Jürgen Mossack auf eine Anfrage hin direkt an einen SZ-Reporter gewandt - allerdings nur mit der Beschwerde, für die ihm damals per Brief gestellten Fragen nicht genug Zeit erhalten zu haben. Ohnehin würde kaum etwas von den Vorwürfen stimmen. Also gab man ihm mehr Zeit - und erhielt nie wieder eine Antwort, auch nicht nach der Veröffentlichung der Panama Papers im April 2016.

Seit damals ist eine Menge passiert. Die Kanzlei, die Jürgen Mossack 1977 noch als "Jürgen Mossack Lawfirm" in Panama-Stadt gegründet hatte und die 1986, nach dem Einstieg des panamaischen Anwalts Ramón Fonseca, zu Mossack Fonseca geworden war, hatte damals noch mehr als 600 Angestellte, verteilt auf 48 Büros in fast ebenso vielen Ländern. Mossfon, so kürzte sich die Firma selbst ab.

Nichts davon ist geblieben. Der Mossfon-Kosmos hat sich aufgelöst - von einem Tag auf den anderen wurde 2016 aus einer so gut wie unbekannten Anwaltskanzlei ein Synonym für kriminelle Geschäfte. Zwei Jahre später musste Mossfon die Geschäfte einstellen. Gegen Jürgen Mossack, seine Firma und seine Mitarbeiter laufen Verfahren in zahlreichen Ländern, auch in Deutschland. Jürgen Mossack selbst saß in Panama fast drei Monate in Haft und ist gerade nur auf Kaution frei.

Nun liegen der SZ wieder neue interne Daten von Mossack Fonseca vor, ein zweites und wesentlich kleineres Leak. Es geht um rund 500 Gigabyte an Daten aus der Zeit von März 2016 bis April 2018, also von kurz vor der Veröffentlichung der Panama Papers bis zur endgültigen Geschäftsaufgabe. Wieder sind es Tausende E-Mails und Dokumente, allerdings mit weit weniger Sprengkraft als die ursprünglichen Panama Papers. Sie zeichnen das Bild einer Kanzlei, deren Mitarbeiter verzweifelt versuchen, sich gegen die unabwendbare Katastrophe zu stemmen, sie aber nicht aufhalten können. Nebenbei enthüllt das neue Leak einige letzte Geheimnisse der Firma und ihrer prominenten Kunden, vor allem aber, wie regelmäßig und routiniert die Kanzlei gegen Anti-Geldwäsche-Richtlinien verstieß. Damit bestätigt das neue Leak die zentrale Erkenntnis des alten.

Die neuen Unterlagen bilden erste Anzeichen der Katastrophe ab, die Anfang April 2016 über Mossack Fonseca hereinbrechen sollte. In E-Mails beschweren sich wütende Geschäftspartner bei der panamaischen Kanzlei, nachdem sie von Journalisten des ICIJ auf geheime Briefkastenfirmen und Dokumente angesprochen worden waren. Dies sei die Zeit gewesen, so hat es Jürgen Mossack später dem US-Sender CNBC erzählt, als man mitbekommen habe, dass etwas nicht stimmte. Die Journalisten hatten offensichtlich eine Menge Informationen, die nur auf den gesicherten Servern von Mossack Fonseca lagern sollten. Eigentlich.

Daten von Mossack Fonseca sind in Händen von Journalisten

Es hatte schon andere Hinweise auf eine undichte Stelle gegeben, als nämlich die mittlerweile ermordete maltesische Enthüllungsjournalistin Daphne Caruana Galizia über geheime Firmen und Trusts des damaligen Energieministers und des Stabschefs des Premierministers berichtete - für beide hatte Mossack Fonseca die Firmen gegründet. Und sie sollten geheim sein. Eigentlich.

In Wahrheit ist jedes "eigentlich" zu dieser Zeit längst pulverisiert. Ein Großteil dessen, was Mossack Fonseca auf seinen Servern gespeichert hatte, ist nicht mehr geheim, sondern in den Händen von Journalisten, die zum Teil schon ein Jahr lang daran arbeiten. Die Recherchen haben gezeigt, dass Mossack Fonseca nicht nur Premierministern und Diktatoren geholfen hat, ihr Geld zu verstecken, sondern auch Drogenkartellen, Mafia-Clans, Betrügern, Waffendealern und Regimen wie Nordkorea oder Iran.

Genau darüber will man natürlich mit Jürgen Mossack sprechen, der ja immer behauptet hatte, gegen keinerlei Gesetze verstoßen zu haben. Aber einige Tage vor dem geplanten Treffen scheint sich Mossack, Sohn eines Waffen-SS-Mannes und späteren CIA-Zuarbeiters, der Anfang der 1960er nach Panama ausgewandert war, plötzlich nicht mehr so sicher zu sein, ob er tatsächlich reden möchte. Es geht wieder und wieder hin und her, seine Anwältin will wissen, ob er die Fragen vorab lesen kann? Wie viele es sein werden? Ob es ein arg konfrontatives Interview werde?

Und plötzlich weiß niemand mehr: Kommt er? Kommt er nicht? Wird er über alles reden - oder nur eine Verlautbarung verlesen?

Offizielle Stellungnahmen seiner Kanzlei gibt es längst, die Botschaft ist immer die gleiche: Mossack Fonseca hat immer alle Gesetze befolgt und sich nichts vorzuwerfen. Mossack Fonseca stehe an der Seite seiner Mitarbeiter - und seine Mitarbeiter an der Seite von Mossack Fonseca.

Die meisten dieser Mitarbeiter ahnen wahrscheinlich am 3. März 2016 erstmals, dass irgendetwas ganz furchtbar schiefläuft in der Kanzlei: Per Rundmail kündigt Mossfon neue Sicherheitsregeln an, die mindestens seltsam anmuten. Alle Mitarbeiter müssen die Passwörter für ihre E-Mail-Konten sowie für das Mossfon-eigene Datensystem ändern. Das könnte man noch abhaken als Standard-Maßnahme, aber zugleich ist es mit sofortiger Wirkung verboten, E-Mails an große öffentliche Anbieter wie Gmail, Yahoo und Hotmail zu schicken. Das würde kaum eine Firma anordnen, wenn keine konkrete Bedrohung vorliegt. Gleichzeitig wird ein neuer verantwortlicher IT-Mitarbeiter für Datensicherheit ernannt, der nun "Weltklasse-Praktiken" bei Mossfon implementieren soll.

Journalisten, die Fragen stellen? "Dringend" verhören, fordert Mossack Fonseca

Was auch immer Mossack Fonsecas Führungsteam befürchtet oder vermutet hatte, am nächsten Tag wird daraus Gewissheit: Am 4. März schickt das ICIJ eine E-Mail an die Kanzlei und ihre beiden Gründer Jürgen Mossack und Ramón Fonseca persönlich und stellt 16 eher grundsätzliche Fragen, also etwa: Half Mossack Fonseca jemals, Geld zu waschen? Half Mossack Fonseca jemals Steuern zu hinterziehen? Half Mossack Fonseca Sanktionen zu brechen? 16 Fragen zu den 16 wichtigsten Vorwürfen, die sich aus den Dokumenten der Panama Papers klar ergeben.

Dazu informiert das ICIJ die Kanzlei Mossack Fonseca darüber, dass das Journalistenkonsortium, die SZ und weitere Partner gerade eine "ausführliche Recherche" durchführten, die unter anderem auf Dokumenten über "Tausende von Offshore-Firmen" basierte, die von Mossack Fonseca gegründet worden waren.

Spätestens jetzt müssen bei Mossfon alle Warnlichter rot geleuchtet haben.

Aus den neu geleakten Daten geht hervor, wie die Kanzlei versucht, weiteren Schaden abzuwehren. Offenbar ist die Angst groß, dass über die Smartphones der Mossfon-Mitarbeiter Daten verloren gegangen sind, denn erst wird allen im Büro in Panama, wenig später auch allen Mitarbeitern in den Außenbüros verboten, auf Handys E-Mails zu empfangen. Am selben Tag ergeht, wieder per E-Mail, eine weitere als "wichtig" markierte Order: Vom heutigen Tage an nehme man keine "politisch exponierten Personen" mehr als Kunden an, also etwa Diktatorensöhne, Premierminister oder kremlnahe Oligarchen. Das gilt zwar nur für Neukunden und nicht etwa für Hunderte politisch exponierte Personen, die bereits die Dienste von Mossack Fonseca nutzen; dennoch ist die Kanzlei offenbar hochgradig nervös.

Wenige Tage später informiert Mossack Fonseca seine Mitarbeiter, dass bis auf Weiteres keine E-Mails mehr an Empfänger außerhalb des eigenen Servers versandt werden können. Die Firma ist - jedenfalls was E-Mails angeht - vorübergehend abgeschnitten von der Außenwelt.

An die Türen des Mossfon-Hauptquartiers, eines verglasten, dreistöckigen Gebäudes, das neben den futuristischen Wolkenkratzern des Finanzdistrikts von Panama-Stadt wie übrig geblieben wirkt, klopft dann aber doch genau diese, also: die Außenwelt, und zwar in Person von mehreren Investigativjournalisten aus dem ICIJ-Team, samt zugehörigen Kamerateams. Obwohl wenige Tage vorher eine neue Richtlinie verteilt worden war, die den Umgang mit Journalisten vorsorglich erklärte - bemerkenswertes Detail: der Elektroschocker soll nur im Falle aggressiven Verhaltens eingesetzt werden -, weiß Mossfon nicht so recht, wie man auf die Besucher reagieren soll. Die Richtlinie klärt nicht, was zu tun ist, wenn die Besucher freundlich und stoisch vor der Tür stehen bleiben und filmen. Der Wachmann ist nervös, ein Mitarbeiter teilt irgendwann einen Zettel aus, auf dem die Kanzlei bestreitet, illegal gehandelt zu haben. Aber die Journalisten gehen nicht.

Eine halbe Stunde später kommt der Pressesprecher herunter. Er sagt nicht viel mehr. Ein paar der Journalisten geben ihre Visitenkarten ab - falls jemand von Mossfon doch reden möchte.

Noch am selben Tag, am 10. März 2016, stellt ein Anwalt von Mossack Fonseca Strafanzeige, sie ist in den neuen Daten zu finden. In dem Schreiben an den panamaischen Generalstaatsanwalt heißt es, man habe am Vortag bemerkt, dass interne Daten kopiert worden seien. Nun fordert Mossack Fonseca Ermittlungen gegen alle Personen, die an dieser angeblichen Straftat beteiligt gewesen seien. Außerdem fordert Mossack Fonseca den Staatsanwalt auf, "dringend", sechs namentlich genannte Journalistinnen und Journalisten aus Frankreich, Dänemark, Australien, den USA und Deutschland zu vernehmen, die im Hilton-Hotel in Panama-Stadt abgestiegen seien. Das sind jene Journalisten, die kurz zuvor versucht hatten, mit der Kanzlei ins Gespräch zu kommen - und ihre Namen am Empfang hinterlassen hatten. Sie bleiben allerdings unbehelligt.

Dann passiert nicht mehr viel, bis gut drei Wochen später, am Abend des 3. April, um 20 Uhr deutscher Zeit, die Wellen über der Kanzlei zusammenschlagen. Tagelang dominieren die Panama Papers die Nachrichtenlage, Barack Obama und Wladimir Putin nehmen Stellung, außerdem Sprecher der UN, der OECD, der EU, des Vatikan. Es gibt Massendemonstrationen in mehreren Ländern, der isländische Premierminister tritt zurück, der Fußballverband Uefa wird durchsucht, eine Panama-Papers-Story jagt die nächste. Am Ende werden weltweit mehr als 5000 einzelne Geschichten aus dem Leak hervorgegangen sein. 5000 Geschichten, in denen wieder und wieder und wieder Mossack Fonseca erwähnt werden wird.

Das Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit leuchtet grell in das Mossfon-Hauptquartier, wo eine neue Zeitrechnung beginnt: die Zeit nach dem Leak.

Die erste Frage an Jürgen Mossack hätte gelautet: "Wie geht es Ihnen?" Aber das Treffen in Panama-Stadt findet nicht im Mossfon-Hauptquartier statt, sondern rund drei Kilometer weiter im Edison Corporate Center. Aus einem euphorischen "Si claro" wird am Telefon ein "No". Und so sitzt auf der anderen Seite des Tisches auch nicht Jürgen Mossack, sondern Guillermina McDonald. Seine Anwältin.

"Tut mir leid, ich bin nicht Jürgen, aber fast so etwas wie seine Mama", sagt sie, eine fröhliche Frau mit einer Stimme, die noch Stunden später in den Ohren hallt. McDonald war 17 Jahre lang Staatsanwältin, inzwischen hat sie sich einen Namen als Strafverteidigerin für die besonders harten Fälle gemacht. Sie betreut Jürgen Mossack und Ramón Fonseca, aber beispielsweise auch die Söhne Ricardo Martinellis, des wegen Korruption verhafteten ehemaligen Staatspräsidenten Panamas.

McDonald weiß, was sie tut und was sie will - und jetzt will sie Jürgen Mossack und die Presse zusammenbringen. Mossack - ausdrücklich nicht Fonseca. Der - jedenfalls vor dem Leak - landesweit bekannte Autor und einflussreiche Politiker rede ohnehin mit allen und jedem, und zwar zu viel. "Fonseca ist ein Schriftsteller, ein Bohemien. Er sagt manchmal Dinge, die er später bereut, ich muss ihn ein bisschen ausbremsen."