bedeckt München
vgwortpixel

Missbrauch bei der Bundeswehr:Abseits der Hochglanz-Truppe

Ministerpräsidentin Malu Dreyer spricht zu Soldaten

Allein unter Männern: Immer wieder klagen Soldatinnen der Bundeswehr über unerwünschte sexuelle Berührungen.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Das Verteidigungsministerium hat Übergriffe bei der Bundeswehr analysiert und Verdachtsfälle zusammengetragen.
  • In mehr als 200 Fällen ging es um "sexuelle Belästigung, Benachteiligung, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" - wobei sowohl Fälle innerhalb der Bundeswehr als auch im privaten Bereich erfasst wurden.
  • Die Meldeverfahren sollen nun gestrafft werden, außerdem soll die Ausbildung von Vorgesetzten verbessert werden.

Ursula von der Leyen (CDU) hatte gerade ihr Amt als Verteidigungsministerin angetreten, da gab sie Anfang 2014 schon das erste ehrgeizige Ziel vor: Die Bundeswehr, verkündete sie, solle zu einem der attraktivsten Arbeitgeber der Republik werden. In der Folge wurden von wohnlicheren Stuben bis zu höheren Zulagen diverse Verbesserungen auf den Weg gebracht - und die Truppe wurde öffentlich, in Broschüren und Imagefilmen, auf Hochglanz getrimmt. "Aktiv, attraktiv, anders", mit diesem Slogan wirbt die Armee um Nachwuchs. Doch in den vergangenen Wochen hat das Bild Kratzer bekommen.

Ende Januar wurde bekannt, dass es in der Staufer-Kaserne in Pfullendorf seltsame, ins Sexuelle hineinspielende Ausbildungspraktiken, Mobbing sowie in einem weiteren Komplex Misshandlungen bei sogenannten Aufnahmeritualen gegeben hatte. In der Folge wurde ein Fall bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall bekannt, wo ein Soldat offenbar sexuell belästigt und diskriminiert wurde.

Bundeswehr Folgenloser Griff an den Po
Bundeswehr

Folgenloser Griff an den Po

Nach männlichem Verständnis sei Grapschen lediglich ein Zeichen von Interesse, meinte die Staatsanwaltschaft und verfolgte die Anzeige einer Soldatin nicht weiter.   Von Christoph Hickmann

Zuletzt konstatierte der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels in der Welt, die Bundeswehr habe ein "Gender-Problem". Er registriere eine zunehmende Zahl an Beschwerden "über sexuelle Belästigung und Mobbing". Daraus ergeben sich Fragen: Ist das, was in jüngster Zeit bekannt wurde, repräsentativ? Wie verbreitet sind solche Übergriffe? Wo kommen sie besonders häufig vor?

Solchen Fragen ist in den vergangenen Wochen eine Projektgruppe im Verteidigungsministerium nachgegangen. Man habe "analysiert, ob möglicherweise Hinweise für weitere mit den Ereignissen am Standort Pfullendorf vergleichbare Verstöße gegen die Grundsätze der Inneren Führung in der Bundeswehr vorliegen", heißt es in einem von Generalinspekteur Volker Wieker unterzeichneten Bericht für den Verteidigungsausschuss, welcher der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Dazu wurden alle bereits bekannten Verdachtsfälle aus den vergangenen zwei Jahren analysiert, ebenso wie Fälle, die im Ministerium bislang nicht bekannt waren, so der Bericht.

Auf die Zahl der Soldaten bezogen, habe man vergleichsweise wenige Fälle, heißt es im Ministerium

Dabei kam einiges zusammen. Nach SZ-Informationen wurden aus den Jahren 2015 bis 2017 insgesamt 7800 sogenannte "Meldepflichtige Ereignisse zur Inneren und Sozialen Lage der Bundeswehr" analysiert, wobei es sich lediglich um 3600 sogenannte Erstmeldungen handelte, also neue Fälle. Davon wiederum wurden 3100 als Meldungen mit "Relevanz Innere Führung" identifiziert - wobei die Spanne hier nach Angaben aus Ministeriumskreisen "von der eigenmächtigen Abwesenheit bis zur vollzogenen Vergewaltigung" reichte.

Hier muss man sich vor Augen halten, dass die Bundeswehr, wie es der Wehrbeauftragte gern ausdrückt, "die Dimension einer mittleren Großstadt" hat - und wegen der besonderen Anforderungen an den Beruf des Soldaten auch solche Verstöße erfasst werden, die im Privatleben begangen werden. So gab es etwa in den beiden zurückliegenden Jahren mehr als 300 Fälle des Verdachts auf "Diebstahl, Unterschlagung, Raub oder Erpressung", fast 500 Unfälle mit Personenschäden sowie mehr als 250 Fälle von "Straftaten und Ordnungswidrigkeiten nach dem Betäubungsmittelgesetz". Und in mehr als 200 Fällen ging es um "sexuelle Belästigung, Benachteiligung, Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" - wobei auch hier sowohl Fälle innerhalb der Bundeswehr als auch im privaten Bereich erfasst wurden.

In gut 16 Prozent dieser Fälle ging es um den Verdacht der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung, in knapp zehn Prozent etwa um "Verbreitung pornografischer Schriften". Den mit knapp 60 Prozent bei Weitem größten Anteil machten Fälle mit dem Verdacht auf "sexuelle Belästigung und Benachteiligung" aus. Doch wie viel davon spielte sich tatsächlich in der Bundeswehr ab, also im Dienst?