Militärputsch in der Türkei:Gülen klingt, als habe er seine Bewegung nicht mehr im Griff

Ob der Prediger, 75, schwere Tränensäcke, schmaler, weißer Oberlippenbart, die Bilder der Panzer, die in Ankara Menschen überrollten, gesehen hat, weiß man nicht. Wenn, dann nur im Internet. Denn Gülen lebt gut 8000 Kilometer von der Türkei entfernt, in Saylorsburg, Pennsylvania, auf einem Anwesen, das wie ein Landschulheim wirkt. Bereits seit 1999 befindet er sich im selbstgewählten Exil, damals musste er schon einmal in der Türkei um Leben und Gesundheit fürchten, nachdem ein Video aufgetaucht war, das angeblich zeigt, wie er Anhängern einschärft, unauffällig in die "Arterien des Systems" vorzudringen, "bis ihr alle Machtzentren erreicht". Gülen nannte das Video manipuliert, ein Prozess gegen ihn in Abwesenheit endete 2008 in der Türkei mit Freispruch. Zurückzukehren wagte er nicht, obwohl er und Erdoğan damals noch Verbündete waren.

In Gülens Zimmer stehen Gläschen mit türkischer Erde und Modelle von Kampfjets der türkischen Luftwaffe, für die er offenbar ein Faible hat. Jets, wie sie in der Putschnacht über Istanbul im Tiefflug Menschen in Schrecken versetzten. In Pennsylvania will Gülen jetzt keine Journalisten mehr empfangen, Helfer erklären das mit seiner fragilen Gesundheit.

Einige wenige Interviews nach dem misslungenen Putsch aber hat er gegeben, und eine Bemerkung in der italienischen Zeitung Corriere della Sera lässt aufhorchen: "Sollten einige Individuen, die meine Schriften lesen und meine Reden hören oder mit meinen Ideen sympathisieren, in diesen Staatsstreich involviert gewesen sein, hätten sie meine grundsätzlichen Werte verraten." Das klingt, als wollte Gülen - der die Anschläge des 11. September 2001 und der Terrormiliz IS stets vehement verurteilt hat - sagen: Ich habe meine Bewegung nicht mehr völlig im Griff - oder: Nun gilt es zu retten, was noch zu retten ist.

Da war es aus mit der Männerfreundschaft zwischen Gülen und Erdoğan

Sehr vieles davon ist ja schon verloren, vor allem in der Türkei; das war schon vor dem Putschversuch so. Die türkische Bank Asya, einst ein bedeutendes Finanzinstitut mit vielen Kleinanlegern, wurde von der staatlichen Bankenaufsicht erst in die Knie gezwungen, indem Großfirmen wie Turkish Airlines Kontakte kappten, und dann 2015 verstaatlicht. Die staatliche Universitätsbehörde machte den Weg für die Übernahme von mehr als einem Dutzend privater Universitäten frei, die in den vergangenen 20 Jahren mit Spenden entstanden waren und Zehntausende Absolventen zählen. Der Verwaltungschef der enteigneten Haliç-Universität in Istanbul, Mansur Topçuoğlu, nannte die Hochschulaufsicht eine "Gang mit persönlichen Interessen".

Diese Unis haben modernste Hörsäle, sie rühmten sich öffentlich ihrer Spender, die nach US-Vorbild ihre Namen an den Gebäudefronten verewigten. Viele dieser großzügigen Geldgeber haben nun größte Schwierigkeiten mit dem Staat, oder wurden gleich wegen Nähe zu Gülen verhaftet, wie Memduh Boydak, Chef einer Holding mit 14 000 Angestellten im anatolischen Kayseri. Der Konzern wurde einst als einer der "anatolischen Tiger" gepriesen. Gülens Credo, dass auch Profit gottgefällig sei (wenn kräftig gespendet wird), passte perfekt zu Erdoğans neoliberaler Politik. Soziologen sprachen von einem "protestantischen" Islam. Nun liegt alles in Scherben.

Es gab zuletzt also durchaus Gründe für Gülen-Getreue, auf ihren Staat wütend zu sein. Tausende Beamte waren bereits in Ungnade gefallen, Polizisten und Staatsanwälte, nach den Korruptionsermittlungen im Dezember 2013. Die erreichten damals den engsten Kreis um Erdoğan. Spätestens da war klar, dass es aus ist mit der Männerfreundschaft zwischen dem Prediger Gülen und dem damaligen Premier.

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