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Türkei:Deutsche "Erdoğan-Phobie" irritiert Türken

  • Der Putschversuch in der Türkei wird dort ganz anders wahrgenommen als in Deutschland. Viele Türken sind irritiert von der Kritik aus Deutschland an Präsident Erdoğan.
  • Mit dem Putsch hat die türkische Politik wieder ein Thema gefunden, das eint - zum ersten Mal seit Jahren.
  • Sowohl die Regierung als auch die Opposition machen die Gülen-Bewegung für den Putsch verantwortlich.

Eine demokratisch gewählte Regierung hat einen Putschversuch überstanden. Aber Fatih Er, Nachrichtenchef von TRT World, dem türkischen Staatsfernsehen in englischer Sprache, hat den Eindruck, die Deutschen könnten sich nicht mit Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan darüber freuen. Warum? Er sagt: "Ich nenne es eine Erdoğan-Phobie."

Anstatt mit den Demokraten zu feiern, schütteten Politik und Medien kübelweise Kritik über Erdoğan aus. Das früher nicht immer gute, aber doch stabile Verhältnis zu Deutschland hat Risse bekommen. Die Wahrnehmung des Putsches in Deutschland ist so eine ganz andere als die türkische. Kaum irgendwo sonst spiegelt sich das wie bei der Demonstration im Köln.

In der Türkei drängt sich der Eindruck auf, die Behörden würden alles unternehmen, um die Demonstration zu verbieten. Der Kölner Polizeipräsident brüstete sich noch damit, einen Auftritt des türkischen Außenministers verhindert zu haben. Mustafa Yeneroğlu, seit 2015 für die AKP Abgeordneter im türkischen Parlament, ist irritiert über dieses Demokratieverständnis. Sonst lasse Deutschland keine Gelegenheit aus, die Türkei zu kritisieren, ihr zu erklären, was Demokratie bedeutet. Und nun dies.

Demonstration in Köln

Für Erdoğan und gegen "Erdowahn"

Die Türkei ist für die Deutschen zum Untergangsland geworden. Licht wolle niemand sehen, glaubt nicht nur Yeneroğlu.

In Köln gehen die Gegner Erdoğans auf die Straße. Sie demonstrieren gegen die Erdoğan-Anhänger. Die türkische Community in Deutschland: tief gespalten. In Ankara? Da gehen Erdoğans Gegner, die Chefs von zwei der drei großen Oppositionsparteien, einen gewaltigen Schritt auf diesen schier übermächtigen Staatspräsidenten zu. Sie besuchten ihn nach dem gescheiterten Putsch in seinem Palast. Ein Protzbau, für den die Opposition sonst nur Verachtung übrig hatte.

Die türkische Politik hat erstmals seit Jahren wieder ein gemeinsames Thema gefunden

Zwei Wahlen hatte das Land im vergangenen Jahr hinter sich gebracht. Zahlreiche blutige Terroranschläge hat das Land seit Sommer vergangenen Jahres überstanden. Egal wie groß die Not, wie groß der Kummer im Land war, keines dieser Ereignisse konnte Kemal Kılıçdaroğlu, Vorsitzender der größten Oppositionspartei CHP, und Devlet Bahçeli von der ultranationalistischen MHP dazu bewegen, die Schwelle zum Palast zu überschreiten. Es musste erst der versuchte Militärputsch am 15. Juli 2016 kommen.

Anfang vergangener Woche trafen sich die beiden Oppositionspolitiker im Palast mit Erdoğan. Für einen Augenblick schien die Feindschaft ausgeblendet zu sein. Das erste Mal seit Jahren hat die türkische Politik wieder ein Thema gefunden, das eint. Selbst die prokurdische HDP, die von der Regierung als verlängerter Arm der Terrororganisation PKK betrachtet und bekämpft wird, ist in diesem Punkt einer Meinung mit Erdoğan, auch wenn sie nicht zu diesem Treffen eingeladen war: Nichts ist so schlimm wie ein Putschregime.

Während in Deutschland die Meinung vorherrscht, der Putsch ist der letzte Schritt, um die Alleinherrschaft Erdoğans in der Türkei zu zementieren, keimt in der Türkei ganz zaghaft ein anderes Gefühl. Es ist zwar ein bisschen früh, um von Versöhnung zu sprechen. Aber auf vielen Seiten ist das Bemühen nicht mehr zu übersehen, ein weiteres Auseinanderbrechen des Landes verhindern zu wollen. Am Sonntag vor einer Woche durfte die CHP auf dem Istanbuler Taksim eine Großkundgebung gegen den Putschversuch und für die Demokratie im Land abhalten. Die Erdoğan-Partei AKP hat den Aufruf sogar unterstützt, und vereinzelt waren auch ihre Anhänger unter den Teilnehmern.