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Zwischenwahlen:So ticken die US-Wähler

Vor den wichtigen Midterms zeigen sich die Menschen in den USA deutlich politischer als bei vergangenen Zwischenwahlen. Das hat vor allem mit dem umstrittenen Mann im Weißen Haus zu tun. Eine Übersicht in Grafiken.

Solche Zahlen haben die US-Meinungsforscher vom Pew Research Center seit bald 30 Jahren nicht mehr gemessen: Etwa 60 Prozent der registrierten US-Wähler wollen in den Zwischenwahlen am 6. November vor allem für (26 Prozent) oder gegen (33 Prozent) den amtierenden Präsidenten stimmen. Werden jene berücksichtigt, die als unabhängig registriert sind, aber zu einer Partei tendieren, so zeigen sich sogar 50 Prozent als Anhänger der Demokraten, 42 Prozent stehen hinter den Republikanern. Der jeweilige Amtsinhaber war immer schon ein dominierender Faktor in Zwischenwahlen. Aber Donald Trump polarisiert die Massen offenbar außergewöhnlich stark.

Die Midterm Elections (Zwischenwahlen), in denen das Repräsentantenhaus und etwa ein Drittel der Senatoren gewählt werden, läuft es also vor allem auf eine Abstimmung über Trump hinaus, auch wenn der gar nicht auf dem Wahlzettel steht. Dafür kandidieren Hunderte Republikaner, die sich in den Vorwahlen die Frage hatten stellen lassen müssen, wie sie es mit Trump halten. Gegner des Präsidenten hatten so gut wie keine Chance, zu gewinnen.

Wer aber sind die Wähler, die in wenigen Tagen darüber bestimmen werden, ob die Republikaner weiter die Mehrheit im Senat und im Abgeordnetenhaus behalten können? Oder ob die Demokraten wenigstens eine der beiden Kammern zurückgewinnen und Trump damit das Regieren erheblich erschweren können?

Etwa 230 Millionen der 325 Millionen Einwohner der USA gelten als wahlberechtigt. Allerdings ist die Wahlbeteiligung in den USA trotz aufwendiger und teurer Wahlkämpfe immer recht gering. In Präsidentschaftswahlen geben noch etwa 60 Prozent der Berechtigten ihre Stimme ab. An den midterms nehmen in der Regel nur 40 Prozent teil. Das könnte in diesem Jahr anders sein.

Politik USA In den "suburbs" entscheidet sich die Wahl
US-midterms

In den "suburbs" entscheidet sich die Wahl

Wütende Frauen, Hausbesuche, Politiker am Küchentisch: Die US-Kongresswahlen werden in den Vororten gewonnen. Eindrücke aus einem Wahlkampf, bei dem es um mehr geht als um Donald Trump.   Von Alan Cassidy

Die Stimmung ist aufgeheizt. Die Stellen, wo sich Wahlberechtigte registrieren lassen können, melden Rekordzahlen. Die Wahlbeteiligung könnte dieses Mal also deutlich höher liegen als in vorangegangenen Zwischenwahlen. Im Moment sieht es so aus, als wäre das ein Vorteil für die Demokraten.

Was den Republikanern noch Sorge machen muss: Frauen tendieren immer stärker dazu, Demokraten zu wählen. 1994 waren es 48 Prozent. Im vergangenen Jahr bereits 56 Prozent.

Und 54 Prozent aller Wähler mit College-Abschluss würden ihre Stimme eher einem Demokraten als einem Republikaner geben.

Dafür haben die Trump-Republikaner unter weißen Wählern mit höchstens einem High-School-Abschluss mit 58 Prozent so gute Zustimmungswerte, wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Um das herauszufinden, haben die Forscher des Pew Research Centers im vergangenen Jahr mehr als 10 000 Interviews mit registrierten Wählern geführt. Sie stellten auch fest, dass erstmals seit 2009 wieder etwa die Hälfte der Befragten ihre Stimme den Demokraten geben würde.

Ein Wahlsieg ist damit noch nicht sicher. Das hat die Wahl 2016 gezeigt. Trump konnte Präsident werden, obwohl er drei Millionen Stimmen weniger für sich gewinnen konnte als seine Kontrahentin Hillary Clinton. Das reine Mehrheitswahlrecht in den USA kann auch in den midterms dazu führen, dass die Demokraten über das ganze Land gesehen deutlich mehr Stimmen für sich verbuchen als die Republikaner - und doch die Mehrheit im Abgeordnetenhaus und im Senat verfehlen. Das passiert dann, wenn Wähler der Demokraten in Wahlkreisen eine viel größere Zahl stellen, als notwendig ist, um zu gewinnen, während in anderen Wahlkreisen Republikaner knapp siegen.

Die Demographie der Vereinigten Staaten hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten radikal verändert. Auch das spiegelt sich im Wahlverhalten wider: Die Mehrheit der Wähler stellen zwar immer noch Weiße (69 Prozent). Allerdings werden heute 29 Prozent der registrierten Wähler entsprechend ethnischer Merkmale oder ihrer Herkunft nach als schwarz, hispanisch oder asiatisch bezeichnet. 1997 waren es noch 16 Prozent.

In diesen Gruppen aber ist die Sympathie für die Demokraten deutlich ausgeprägter als die für die Republikaner. Unter demokratischen Wählern sind heute 39 Prozent nicht weiß (1997: 24 Prozent). Der Anteil nicht-weißer Wähler der Republikaner liegt dagegen nur bei 14 Prozent (1997: 8 Prozent).

Ein Vergleich der Altersklassen zeigt, dass es die Republikaner versäumt haben, jüngere Generationen für sich zu gewinnen. Sie liegen nur unter jenen Wählern vor den Demokraten, die zwischen 1928 und 1945 geboren wurden. In allen anderen Altersklassen führen die Demokraten mehr oder minder deutlich.

Die Millennials, geboren zwischen 1981 und 1996, waren schon mehrheitlich demokratisch gesinnt, als sie das erste Mal wählen durften. Der Abstand zu den Republikanern ist seitdem allerdings immer größer geworden. 53 Prozent für Demokraten zu 38 Prozent für Republikaner waren es 2002. Heute steht es 59 Prozent gegenüber 32 Prozent.

Eine der wichtigsten Unterstützergruppen der Republikaner bleiben die weißen evangelikalen Christen. Heute würden sich 77 Prozent aus dieser Gruppe für die Republikaner entscheiden, nur 18 Prozent für die Demokraten. 1994 war der Abstand mit 61 zu 31 Prozent deutlich geringer. Er wuchs seitdem kontinuierlich an.

Katholiken stehen zwar nach wie vor mehrheitlich auf Seiten der Demokraten. Aber der Abstand ist mit 47 Prozent zu 46 Prozent auf einen Prozentpunkt zusammengeschmolzen. Und unter weißen, nicht-hispanischen Katholiken liegen die Republikaner seit 2010 deutlich vor den Demokraten. 2017 stand es hier 54 Prozent zu 40 Prozent. Die hispanischen Katholiken gleichen das mit einer deutlichen Präferenz für die Demokraten aus.

Immer deutlicher werden die Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Stadt und Land. In urbanen Regionen fühlen sich 62 Prozent der registrierten Wähler den Demokraten nahe, und nur 31 Prozent den Republikanern. 1999 war der Abstand geringer: 55 Prozent waren Anhänger der Demokraten, 37 Prozent wählten Republikaner. Je weiter es aufs Land hinaus geht, desto stärker kehren sich die Verhältnisse um. In den Vororten liegen die Zahlen der Anhänger von Demokraten und Republikanern noch gleichauf. Auf dem Land aber sind 54 Prozent eher den Republikanern zugeneigt und nur noch 38 Prozent den Demokraten. Vor 20 Jahren führten die Demokraten hier noch knapp mit 45 zu 44 Prozent.

Aber was erwarten die Wählerinnen und Wähler in den USA eigentlich von den Parteien? Hier könnten die Unterschiede zwischen Demokraten und Republikanern größer kaum sein. Kaum ein Thema wird von Anhängern beider Seiten gleichermaßen als wichtig betrachtet. Klimawandel? Unter Anhängern der Demokraten halten ihn 72 Prozent für ein großes Problem, aber nur 11 Prozent der Republikaner. Waffengewalt betrachten 81 Prozent der Unterstützer demokratischer Kandidaten für ein wichtiges Thema, aber nur 25 Prozent der Republikaner. Ähnliche Abstände finden sich, wenn die Themen Rassismus, Armut, Sexismus, Chancengleichheit oder Zugang zur Gesundheitsversorgung oder zum Arbeitsmarkt aufgerufen werden.

Relativ einig sind sich Sympathisanten beider Seiten lediglich darin, dass sie die Drogenkrise oder das horrende Haushaltsdefizit der USA für Probleme halten, die dringend angegangen werden sollten.

Die Zahlen zeigen, dass die Wahl für die Demokraten noch lange nicht gewonnen und für die Republikaner noch lange nicht verloren ist. Um auf dem Land Wahlen zu gewinnen, müssen die Demokraten konservative Kandidaten aufstellen. Die Republikaner brauchen dagegen für die Städte moderate Kandidaten, wenn sie dort gewinnen wollen. Welcher Partei es besser gelingt, diese Verhältnisse unter den Wählern zu berücksichtigen, wird sich erst am 6. November zeigen.