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Eiserner Vorhang:Europa hat die Wahl

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Treffen anlässlich der Grenzöffnung vor 30 Jahren im ungarischen Sopron zusammen: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

(Foto: AP; Bearbeitung SZ)

Merkel oder Orbán, Freiheit oder neue Zäune? Auch 30 Jahre nach Öffnung der ungarischen Grenze muss der Kontinent immer wieder entscheiden, welchen Weg er gehen will.

Als in Ungarn vor 30 Jahren der Grenzzaun zu Österreich zerschnitten wurde, war der junge Viktor Orbán auch so etwas wie ein Öffnungsgewinner. Ausgestattet mit einem Stipendium seines späteren Erzfeindes George Soros studierte er in Oxford, profilierte sich als demokratischer Jugendaktivist und Parteigründer, zog ins Parlament ein und ging fortan seinen Weg in der Fidesz-Partei und als nationalpatriotischer Politiker mit einem feinen Gespür für Macht und Stimmungen.

Dass er heute selbst hinter ein paar selbstgebauten Zäunen regiert, ist eine ironische Note der Geschichte. Orbáns Biografie zeugt davon, dass Freiheitswunsch und Machthunger nicht immer widerspruchslos zu verbinden sind.

Der ungarische Premier wählte das Vehikel des Nationalpatriotismus, um seinen politischen Ambitionen ein Dach zu geben. Im Licht der ungarischen Geschichte waren Identität und Vaterland leichte Beute für seine neue Partei. Als er sie einfangen und nahezu monopolisieren konnte, hatte er leichtes Spiel.

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Orbán zählte in den Nachwendejahren zu den Lieblings-Reformern der westeuropäischen Konservativen. Helmut Kohl, Jean-Claude Juncker oder Wolfgang Schüssel sahen in ihm einen natürlichen Verbündeten, einen Garanten für die Fortsetzung christdemokratischer Politik in Mitteleuropa. Orbáns Wendungen in den Jahrzehnten seitdem, seine Zaunbauten und die politische Radikalisierung wurden ihm deswegen lange nachgesehen. Viel zu lange.

Kulminationsmoment einer ins Freie strebenden Ostblock-Gesellschaft

30 Jahre bieten eine schöne Strecke für den historischen Adlerblick. Orbáns Treffen mit Angela Merkel an diesem Montag macht die Bestandsaufnahme noch einmal leichter, weil auch die deutsche Bundeskanzlerin ein politisches Kind der ungarischen Zaunöffnung ist. Sie ging ihren politischen Weg allerdings in weitgehend festgefügten Bahnen. Selbst wenn sie es gewollt hätte: Sie konnte gar nicht die Schwankungen und Radikalisierungen einer jungen, unerprobten Demokratie ge- und missbrauchen, so wie das Orbán tat.

Wenn die beiden also ein historisches Jubelereignis begehen, dann bietet das nicht nur Gelegenheit zur frommen Rückschau, sondern liefert auch ein Lehrstück für die Gefährdung, der eine offene Gesellschaft stets ausgesetzt ist. Die Zaunöffnung war kein singuläres, zufälliges Ereignis, sondern Kulminationsmoment einer ins Freie strebenden Ostblock-Gesellschaft. Die Zeit war reif, die Menschen wollten es.

Die Begegnung Orbáns mit Merkel 30 Jahre danach erinnert nicht nur dank der Biografien der beiden Regierungschefs daran, dass Europa auch heute noch die Wahl hat, welchem politischen Herzschlag es folgen möchte.

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