bedeckt München

Besuch in China:"Als sei es eine Show von Günther Jauch"

So unspektakulär die Präsentation aussieht, so verschlossen wirkt das Gesicht der deutschen Regierungschefin. Einfach mal neugierig und begeistert sein - das passt nicht so recht in diese neue, bittersüße Welt der großen Möglichkeiten. Als Merkel vor Jahren in Sichuan einen riesigen Gemüse- und Obstmarkt besuchte, leuchteten ihre Augen. So bunt und vielfältig waren Gerüche und Farben.

Hier aber, in diesem kühl-teuren Büro des chinesischen Unternehmens, läuten bei Merkel eher die Alarmglocken. Zu gut weiß sie, welche Debatten sich in Deutschland mit solchen Firmen und solchen neuen Geschäftsfeldern verbinden. Und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die chinesischen Gastgeber in Shenzhen einen sehr stolzen Eindruck machen.

Dass Merkel nach Shenzhen gekommen ist, hat sie selber entschieden. Sie wollte erspüren, wie es in dieser sogenannten "fast economic zone" zugeht. Wollte einen Einblick bekommen, "was da läuft in China - und das ist viel", wie die Kanzlerin ganz lapidar hinzufügt.

Orwell ist nichts dagegen

Es ist eine Mischung aus Faszination und Entsetzen, mit der sie beobachtet, wie die Chinesen sich auf die totale Datennutzung und Überwachung einlassen. "Als sei es eine Show von Günther Jauch", entfährt es ihr irgendwann auf dieser Reise. Einer Show, bei der jeder beweisen will, dass er der noch bessere Schuldner, der noch treuere Bürger, der noch effizientere Mitarbeiter ist.

Am Ende ihres Besuchs in Shenzhen gibt Merkel ein kleines Resümee. Interessant sei das alles. "Man sieht, dass wir uns ganz strategisch mit der Digitalisierung befassen müssen." Natürlich gebe es nach wie vor deutsche Unternehmen, die auch in diesem Bereich führend seien. Das aber müsse man sich "jeden Tag neu erarbeiten". Und was heißt das mit Blick auf China? "Dass wir die strategische Zusammenarbeit auf ganz neue Füße stellen müssen." Sie sagt das eher leise, weil müde. Trotzdem ist es für Merkel'sche Verhältnisse mehr als ein kleiner Weckruf. Es geht nicht darum, alles zu kopieren, sondern darum, sich alles bewusst zu machen.

George Orwell? 1984? Seine Phantasie von Überwachung? So mancher in der Delegation hat bei der Situation in China das Gefühl, dass Orwell im Vergleich dazu ein laues Lüftchen gewesen wäre.

© SZ.de/ghe/rus/cat
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema