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Verteidigung:Ungewöhnlich offene Kritik Macrons an Kramp-Karrenbauer

Macron kritisiert UN-Sicherheitsrat

Undiplomatisch direkt: Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron.

(Foto: Ludovic Marin/dpa)

In einem Interview nennt Frankreichs Präsident Aussagen der Verteidigungsministerin zum transatlantischen Verhältnis eine "Fehlinterpretation der Geschichte".

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat Äußerungen von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) kritisiert, wonach sie die Idee einer strategischen Eigenständigkeit Europas skeptisch beurteilt. "Ich halte das für eine Fehlinterpretation der Geschichte", sagte der 42-Jährige in ungewöhnlicher Offenheit in einem am Montag erschienenen Interview der Pariser Zeitschrift Grand Continent. Mit Blick auf Angela Merkel (CDU) fügte er hinzu: "Zum Glück verfolgt die deutsche Kanzlerin nicht diese Linie, wenn ich es richtig verstanden habe."

Kramp-Karrenbauer hatte unmittelbar vor der US-Präsidentenwahl Anfang November beim Internetportal Politico einen Gastbeitrag mit dem Titel "Europe still needs America" (Etwa: "Europa braucht Amerika immer noch") veröffentlicht. Die CDU-Politikerin schrieb dort, "Illusionen einer europäischen strategischen Unabhängigkeit" müssten enden: "Die Europäer werden nicht in der Lage sein, die entscheidende Rolle Amerikas als ein Sicherheitsanbieter zu ersetzen."

Macron sprach in dem Interview bei Grand Continent lediglich von der "deutschen Verteidigungsministerin" und nannte Kramp-Karrenbauer nicht mit Namen. Der Präsident ging auch nicht im Detail auf ihre Äußerungen in Politico ein. Aus seinem Umfeld wurde auf Anfrage aber bestätigt, dass sich seine Kritik explizit auf den Politico-Beitrag vom Monatsbeginn bezieht.

Macron forderte in dem Interview, Europa müsse eigenständiger werden. Die USA würden die Europäer nur als Verbündete akzeptieren, "wenn wir uns selber ernst nehmen, und wenn wir in unserer eigenen Verteidigung souverän sind". Der Europafreund fordert seit Langem eine "europäische Armee".

Macron begrüßte explizit, dass die EU-Kommission zur Finanzierung der Corona-Wiederaufbauhilfen künftig erstmals eigene Schulden aufnehmen soll. Nur so könne der Euro zu einer "echten Währung" aufgebaut werden, sagte er: "Das entspricht einer Transferunion, die auf einer gemeinsamen Unterschrift, einer gemeinsamen Verschuldung beruht. Dies ist also ein wirklich entscheidender Punkt, um die Souveränität des Euro aufzubauen und ihn zu einer echten Währung zu machen, die nicht oder deutlich weniger von anderen abhängt, und um in unserem Bündnis eine Haushaltssouveränität zu schaffen."

© SZ/dpa/Reuters/kit
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