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Frankreich:Fast wie ein Tritt ins Gesicht

Nice mourns after deadly knife attack

"In Freude wie in Trauer werden wir vereint bleiben": Andacht nach dem Anschlag in der Kirche Notre-Dame in Nizza.

(Foto: Eric Gaillard/REUTERS)

Warum sich viele Franzosen nach der Serie islamistischer Attentate in ihrem Land von der Welt im Stich gelassen fühlten.

Von Nadia Pantel

Von Fernsehkameras begleitet, besuchte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Dienstagmittag die österreichische Botschaft in Paris. "In Freude wie in Trauer werden wir vereint bleiben", schrieb Macron auf Deutsch in das ausliegende Kondolenzbuch. Bereits am Montagabend hatte Macron zu den ersten Staatschefs gehört, die auf das Attentat in Wien reagierten. Ein "befreundetes Land wurde angegriffen", twitterte Macron. Es ist genau die Art lautstarker Solidarität, die Frankreich in den vergangenen Wochen wenig erfuhr.

Innerhalb der vergangenen sechs Wochen wurden in dem Land drei islamistisch motivierte Attentate verübt. Am 25. September griff ein 25-Jähriger zwei Menschen mit einem Beil an, da er sie für Mitarbeiter der Charlie-Hebdo-Redaktion hielt. Am 16. Oktober enthauptete ein 18-Jähriger den Lehrer Samuel Paty, nachdem Paty Opfer einer Online-Hetzjagd geworden war. Paty hatte im Unterricht Mohammed-Karikaturen gezeigt, um die Meinungsfreiheit zu erklären. Am 29. Oktober tötete ein mutmaßlicher Islamist drei Menschen in der Kathedrale von Nizza.

Nach dem Anschlag 2015 reisten 60 Staatsoberhäupter an - jetzt kam niemand

Die Terrorwelle begann kurz nach der Eröffnung des Charlie-Hebdo-Prozesses in Paris. Das Satireheft veröffentlichte zum ersten Prozesstag auf der Titelseite erneut Mohammed-Karikaturen. Die begleitende Überschrift "All das dafür" erinnerte daran, dass am 7. Januar 2015 bei einem Angriff auf die Charlie-Redaktion zwölf Menschen erschossen wurden. Beim Prozess geht es auch um die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt, bei der ein Verbündeter der Attentäter vier Menschen ermordete.

2015 reisten nach dem Angriff auf Charlie Hebdo knapp 60 Staatschefs nach Paris, um sich solidarisch mit Frankreich zu zeigen. 2020 sieht sich Frankreich hingegen vielfach dem Vorwurf ausgesetzt, es verletze mit seiner Politik Muslime auf der ganzen Welt und im eigenen Land. Macron hatte auf Patys Trauerfeier bekräftigt, dass in Frankreich weiterhin Mohammed-Karikaturen veröffentlicht werden dürften.

In mehrheitlich muslimischen Ländern, aber auch in Berlin wurde Macron auf Demonstrationen daraufhin symbolisch ins Gesicht getreten. Das populärste Anti-Macron-Motiv ist ein Foto des französischen Präsidenten mit Fußabdruck im Gesicht. In einem Interview mit dem arabischen Fernsehsender Al-Jazeera stellte Macron am Samstag klar, dass es "nicht die französische Regierung ist, die diese Karikaturen macht, sondern die freie Presse". Weder könne noch wolle er als Präsident diese Karikaturen verbieten.

In Frankreich wurde zweierlei wahrgenommen: einerseits massive anti-französische Ressentiments in der muslimischen Welt. Andererseits eine Berichterstattung in amerikanischen Medien wie der New York Times und der Washington Post, die sich eher auf rassistische Strukturen innerhalb Frankreichs konzentrierte denn auf die Attentate. Macron ereiferte sich vor seinem Kabinett über die Berichterstattung der liberalen amerikanischen Blätter. Clément Beaune, Europa-Staatssekretär, sagte in einem Interview mit dem Nachrichtensender BFM nach dem Anschlag in Wien: "Alle, die in den vergangenen Tagen gesagt haben, dies sei ein Problem der französischen Laizität, sehen nun, dass das damit nichts zu tun hat. Es sind die europäischen Werte, die angegriffen werden." Seit 2015 sind in Frankreich 270 Menschen bei islamistischen Angriffen getötet worden, von denen die wenigsten in direktem Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen standen.

Ende September hatte Macron in der Pariser Vorstadt Mureaux eine lange erwartete Rede zu "islamistischem Separatismus" gehalten. In dieser Rede hatte Macron auch davon gesprochen, dass sich der "Islam in einer Krise" befände. Diese Aussage wurde von einigen Beobachtern als Grenzüberschreitung gewertet, da so eine Analyse einem Staatschef nicht zustehe. Gleichzeitig ging unter, dass Macron in seiner Rede um Ausgewogenheit bemüht war. Es ging nicht nur um die Bekämpfung des Islamismus, sondern auch um die stärkere Verankerung des Islam in Frankreich, um zum Beispiel die Ausbildung von Imamen und die Finanzierung von Moscheen zu erleichtern.

Der Präsident erhielt Unterstützung vom Rektor der Großen Moschee

Seit der Ermordung Patys hat sich Macrons Rhetorik und die seiner Regierung deutlich verschärft. Islamisten sollten in Frankreich "nicht mehr ruhig schlafen" können, sagte der Präsident. Sein Innenminister spricht von Krieg und ließ muslimische Vereine verbieten, denen er vorwirft, gegen die Republik zu hetzen. In seiner Separatismus-Rede hatte Macron noch betont, dass Frankreich an den "Traumatismen seiner kolonialen Vergangenheit" leide. Auch daraus und aus der Armut in den Vorstädten ließen sich Probleme der Integration erklären. Nun sprach Premierminister Jean Castex von "Selbstgeißelung", man könne nicht alles mit dem Kolonialismus entschuldigen.

Unterstützung erhält Macron von einigen führenden muslimischen Intellektuellen des Landes, darunter der Rektor der Großen Moschee von Paris, Chems-Eddine Hafiz, die in einem Gastbeitrag für Le Monde schreiben: "Wer könnte ernsthaft behaupten, dass Frankreich seine Muslime ungerecht behandelt? Keiner, außer vielleicht diejenigen, die Zwietracht innerhalb der nationalen Gemeinschaft säen wollen."

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