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Die Linke:Pommes, Politik und die Sache mit der Kaffeepause

Die Linke Holds Virtual Federal Congress

Dragqueens in der Pommesbude: Für das Rahmenprogramm beim digitalen Parteitag wird der Imbissstand zur Kleinkunstbühne.

(Foto: Adam Berry/Getty Images)

Kipping hält einen gefühligen Abschiedsvortrag. Die Basis streitet über Zeit für Koffeinnachschub. Gysi plaudert mit zwei Dragqueens an der Imbissbude. Der erste digitale Parteitag der Linken zeigt eine erfrischende Unangepasstheit - gepaart mit einer Spur Irrsinn.

Von Boris Herrmann, Berlin

Wenn das mal kein Bild für die Ewigkeit ist: Im Hintergrund eine zur Kleinkunstbühne umfunktionierte Pommesbude, in der zwei Kreuzberger Travestie-Kiezgrößen lauwarmes Mineralwasser ausschenken. Und direkt davor, an einen Bistro-Tisch gelehnt, fragt Gregor Gysi in die Kamera: "Wollen wir jetzt wirklich einen Krieg mit Russland, oder was?"

Wie auch immer man sich den ersten digitalen Parteitag der Linken im Vorfeld ausgemalt haben mag, so eher nicht. Andererseits verdichtet sich in dieser Szene auch schon fast alles, was diese Partei ausmacht: eine erfrischende Unangepasstheit gepaart mit einer Spur Irrsinn. Die Fähigkeit, immer für eine Überraschung gut zu sein, ohne dabei die alten Parolen zu vergessen.

Der einstige Parteichef Gysi ist seit einiger Zeit außenpolitischer Sprecher der Linksfraktion. In dieser Rolle hat er schon öfter die Sanktionen gegen Russland kritisiert und damit die Putinversteher in den eigenen Reihen überzeugt. Aber er hat das vermutlich noch nie im Angesicht zweier Dragqueens getan. Auf dem Parteitag traten alle drei im Rahmenprogramm auf, Gysi als einer Art interner Stargast. "Ich schlage der Bundesregierung vor, Entwicklungshilfe in Uganda zu beantragen", sagte er noch. Denn dort funktioniert nach seinen Informationen das Handynetz besser als in Deutschland.

Allerdings wäre diese Auflockerungsübung gar nicht nötig gewesen. Linke Online-Parteitage sind auch so unterhaltsam genug. Am Samstagvormittag wird es ernst, da geht es darum, ob die Delegierten von den heimischen Wohnzimmern aus die neuen Parteispitze um Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow mit einem überzeugenden Ergebnis ausstatten. Der Freitag aber war für die Aussprache mit der Basis reserviert.

Weil Linke besonders gerne recht haben, gibt es in dieser Partei immer erhöhten Redebedarf. Das unterscheidet diesen Parteitag auch fundamental von seinem technischen und organisatorischen Vorbild, dem der CDU von vor einigen Wochen. Auch die Christdemokraten hatten bei ihrer Digital-Premiere ja ein paar Minuten für die Debatte mit der Basis eingeplant. Aber nur eine Handvoll Leute meldete sich zu Wort, darunter Jens Spahn.

Führende Linke hatten nicht ohne Stolz vorgewarnt, dass es bei ihnen natürlich ganz anders ablaufen würde. Und dass man sich nicht wundern müsse, wenn es deshalb ab und an ruckle und stocke, weil sich auch Genossen aus dem brandenburgischen Funklöchern heraus an den Grundsatzdiskussionen zur Kuba-Blockade beteiligen wollten. Tatsächlich übertrafen die technischen Aussetzer die wildesten Prognosen. Aber irgendwie machte das auch den Charme dieser Veranstaltung aus.

"Gökay, du bist noch im Vorschaltraum für den Live-Stream." "Utz, da unten links gibt es ein Türchen, da müsstest du reingehen". "Aha, Gösta hat noch Verbindungsprobleme". So ging das den ganzen Nachmittag lang. Die Berliner Landesvorsitzende Katina Schubert, der die Moderation der Generaldebatte am Veranstaltungsort in einem umgebauten Berliner Postbahnhof zufiel, machte aus den technischen Mängeln aber eine eigene Showeinlage.

Einmal sagte sie: "Wenn ihr uns hier mit unseren Handys rumhantieren seht: Wir spielen kein Candy Crush. Das ist unsere Art, wie wir mit der Regie kommunizieren." Den Namen Bodo Ramelow, der gerne während der Ministerpräsidentenkonferenzen auf seinem Smartphone Bonbons explodieren lässt, erwähnte sie in dem Zusammenhang nicht.

Zwischendurch wurden auch ein paar ruckelfreie Reden von der Showbühne aus gehalten. Der scheidende Parteichef Bernd Riexinger verabschiedete sich mit einem Appell, der seinen Ruf als grünster Roter untermauerte: "Die Klimafrage ist längt eine Überlebensfrage."

Seine langjährige Co-Vorsitzende Katja Kipping dürfte mit ihrem so gefühligen wie kämpferischen Vortrag selbst ihren internen Widersachern ein paar Abschiedstränen abgerungen haben. "Ja seit der Geburt meiner Tochter nehme ich Politik persönlicher. Schließlich führt sie mir täglich vor Augen, es geht um mehr als abstrakte Programme, es geht darum, welche Welt wir ihnen überlassen", sagte sie.

Alle privaten Schlenker dieser Rede aber bereiteten ihre Kernbotschaft, um nicht zu sagen ihr Vermächtnis vor: der leidenschaftliche Aufruf zum Regieren im Bund. "Lasst uns ausstrahlen: Mit uns ist zu rechnen", rief Kipping in die weitgehend leere Halle hinein. Den tosenden Applaus musste man sich an der Stelle dazu denken.

Der Fraktionsvorsitzende Dietmar Bartsch, ein notorischer Gegenspieler des scheidenden Führungsduos, handelte seinen Dank an Riexinger und Kipping knapp und pflichtschuldig ab. In der eigentlichen Sache aber passte kaum ein Blatt zwischen die langjährigen Kontrahenten. Auch Bartsch will mitregieren.

Das brachte er mit einer überraschend klaren Wahlempfehlung für Wissler und Hennig-Wellsow zum Ausdruck, obwohl sein Reformerlager lange über eine Gegenkandidatur nachgedacht hatte. "Gerechtigkeit ist wählbar in diesem Jahr. Und geschlossen und gemeinsam können wir viel erreichen", sagte Bartsch. Er stellte damit den Erfolg im Superwahljahr über persönliche Befindlichkeiten, was in linken Kreisen nicht alle für selbstverständlich gehalten hätten.

Gerade noch kontrovers genug, um den Linksparteitag auch als solchen zu erkennen, wurde es in der Generaldebatte, die nicht zuletzt auch eine Pausendebatte war. Von 16.40 Uhr bis 17 Uhr hatten die Organisatoren dem Parteitag ein Kaffeepäuschen ins Programm geschrieben. Wegen der Verzögerungen im Betriebsablauf war die Tagungsleitung der Meinung, diese Unterbrechung mal eben handstreichartig übergehen zu können.

Aber da hatte sie ihre Rechnung ohne die linke Basis gemacht, die es fertigbrachte, eine halbe Stunde darüber zu beratschlagen, ob es im Sinne des Zeitplans gerechtfertigt sei, auf eine 20-minütigen Pause zu verzichten. Es meldete sich unter anderem ein Genosse aus Hamburg, der zu bedenken gab, dass kein Augenarzt empfehlen würde, pausenlos auf einen Bildschirm zu starren. Listen zur Gegen- sowie zur Fürrede wurden eröffnet und wieder geschlossen.

Schließlich stimmte der Parteitag mit 195 zu 166 Stimmen bei 22 Enthaltungen für die Abschaffung der Kaffeepause. Natürlich wurde Gregor Gysi trotzdem ein Kaffee angeboten. Von den Komikerinnen an der Pommesbude.

© SZ/aner
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