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Parteitag der Linken:Diese Frauen könnten künftig die Linke leiten

Landesparteitag Linke Thüringen

Links und noch ein bisschen linker: Susanne Hennig-Wellsow (l.) aus Thüringen und Janine Wissler aus Hessen sind die einzigen ernsthaften Kandidaten für die Doppelspitze ihrer Partei.

(Foto: Frank May/dpa)

Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler haben ihre Kandidaturen für den Parteivorsitz abgesprochen. Doch zu einer Schlüsselfrage haben sie deutlich unterschiedliche Vorstellungen.

Von Boris Herrmann, Berlin

Zwei Frauen an der Parteispitze - das kann schon deshalb, weil es im Jahr 2021 immer noch Seltenheitswert hat, nicht die schlechteste Idee sein. Wenn nicht noch ein dunkelrotes Wunder geschieht, dann werden Janine Wissler, 39, und Susanne Hennig-Wellsow, 43, am Samstagvormittag zu den neuen Vorsitzenden der Linken gewählt.

Die Linke kann sich die weibliche Doppelspitze zwar nicht mehr patentieren lassen, weil die Grünen bereits Ende der Neunziger von Gunda Röstel und Antje Radcke angeführt wurden. Gleichwohl sendet die Partei damit ein Signal des Aufbruchs aus, was sie angesichts von Umfragewerten zwischen sechs und acht Prozent im Bundestagswahljahr auch bitter nötig hat.

Gemessen an der streitlustigen Ader der Linken ist es höchst erstaunlich, wie geräuscharm nun der Übergang nach fast neun Jahren unter der Führung von Katja Kipping und Bernd Riexinger abzulaufen scheint. Für zwei zu vergebende Chefposten wurden exakt zwei ernsthafte Bewerbungen eingereicht.

Es kandidieren eine Landespolitikerin aus Thüringen und eine aus Hessen, aus Ost und West also, das spielt bei dieser Fusionspartei immer noch eine große Rolle. Hennig-Wellsow ist links, Wissler noch ein bisschen linker, damit ist auch das seelische Gleichgewicht der Strömungen gewahrt.

Und zu allem Überfluss haben sie sich auch noch abgesprochen und gehen nicht als konkurrierende Doppelspitzenhälften ins Rennen. Ein vielversprechenderes Szenario für einen Generationswechsel hätte man sich in dieser Partei kaum ausmalen können. So jedenfalls scheinen es große Teile der Basis zu sehen, weshalb sich weitere potenzielle Kandidaten lieber nicht aus der Deckung trauten.

Das alles muss aber nicht bedeuten, dass es künftig vor lauter Harmonie langweilig wird im Berliner Karl-Liebknecht-Haus. Denn zumindest zu einer Schlüsselfrage haben Hennig-Wellsow und Wissler recht unterschiedliche Vorstellungen: Will die Linke künftig mitregieren im Bund? Und wenn ja, zu welchem Preis? Es gibt da keinen unüberbrückbaren Widerspruch in den Positionen der beiden, aber es ist durchaus eine Differenz im Tonfall herauszuhören.

Wissler führt eine kleine Oppositionsfraktion

Sehr vereinfacht kann man sagen: Wissler ist eher eine für das linke Herz, Hennig-Wellsow eine für den Kopf. Wissler mag keine Regierungsfolklore, Hennig-Wellsow kein ritualisiertes Dagegensein. Wissler sagte Anfang 2020 auf einer Strategiekonferenz der Linken den bis heute nachklingenden Satz: "Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser. Und auch keine linken Minister." Hennig-Wellsow geht es vor allem darum, mit möglichst vielen linken Ministern in der nächsten Bundesregierung vertreten zu sein.

Die unterschiedlichen Akzente erklären sich auch aus ihren bisherigen Karrierewegen. Janine Wissler finanzierte ihr Politikstudium in Frankfurt als Fachverkäuferin in einem Baumarkt. Sie kam über Bewegungen wie Attac und trotzkistische Gruppen in die Partei. Als Fraktionsvorsitzende im hessischen Landtag führt sie eine kleine Oppositionsfraktion an und hat sich vor allem mit bissigen und gewitzten Reden einen Namen über Hessen hinaus gemacht.

Sie ist auch als stellvertretende Parteivorsitzende eine Heldin der Straßenkämpfer geblieben, bestens vernetzt in den nach links außen tendierenden Basisorganisationen. Nach ihrer Vorstellung muss die Linke in erster Linie an der Seite von sozialen Bewegungen, von Arbeiterschaft und Betriebsräten für konkreten Verbesserungen streiten. Und wenn sich dann irgendwann, irgendwo die Gelegenheit einer Regierungsbeteiligung ergibt, ohne die eigenen Grundwerte zu verraten - ja, warum denn nicht?

Hennig-Wellsow ist Vertraute des einzigen linken Ministerpräsidenten

Susanne Hennig-Wellsow war Leistungssportlerin im Eisschnelllauf und kam zur Linken über eine Stellenausschreibung als Referentin. Als Landes- und Fraktionsvorsitzende in Thüringen ist sie eine enge Vertraute von Ministerpräsident Bodo Ramelow. Sie kennt die Macht von innen. Und sie will möglichst viel vom Erfurter Modell mit nach Berlin nehmen. Aus ihrer Sicht muss die Linke vor allem ihre Zuschauerperspektive verlassen.

Was Hennig-Wellsow tut, folgt einem konkreten Plan, den sie als "Durchsetzungsperspektive" verschlagwortet hat. Die Partei sei es ihrem Kernklientel schuldig, endlich im Bund mitzuregieren. So sieht sie das. Dafür ist sie zur Not auch bereit, schmerzliche Kompromisse einzugehen. Auch das kennt sie aus Thüringen.

Im neuen Führungsdoppel wird es auch darauf ankommen, aus den unterschiedlichen Denkmustern keinen Konflikt entstehen zu lassen, sondern das als Chance zu nutzen, um alle Parteiströmungen einzubinden.

Für ihren ersten digitalen Parteitag hat die Linke einen alten Postbahnhof in Berlin angemietet, dort werden die Reden aufgezeichnet und in die Wohnzimmer der Delegierten übertragen. Wissler war selbstverständlich auch am Freitag während der Aussprache mit der Basis schon am Veranstaltungsort.

Hennig-Wellsows Pragmatismus geht so weit, dass sie den ersten Tag des Parteitages von zu Hause aus vor dem Laptop verfolgte, um nebenbei auf ihren Sohn aufpassen zu können. Sie kommt dann am Samstagfrüh zur Wahl - wenn es ums Konkrete geht.

© SZ/jbb
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