Nordrhein-Westfalen:"Sie werden es bei der Wahl merken"

Laschet besucht Hochwassergebiete

Laschet möchte Kanzler werden. Doch ein Wahlkampftermin sollte sein Besuch in den Hochwassergebieten nicht werden.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Armin Laschet besucht ein zerstörtes Dorf im Flutgebiet, hört zu, nickt und verspricht Hilfe. Doch immer wieder wird deutlich, wie enttäuscht und verärgert manche Opfer des Hochwassers sind.

Von Jana Stegemann, Odendorf

Kai Imsande klopft auf seine Hosentasche, in die er gerade einen weißen Zettel gesteckt hat. Minuten zuvor hat Armin Laschet ihm darauf handschriftlich eine Telefonnummer und eine Mailadresse notiert. "Wir haben unsere Kontaktdaten ausgetauscht. Ich verwahre das gut und morgen hat er die 300 Fragen auf dem Tisch", sagt Imsande.

"Hoffen wir, dass es was bringt. Wir müssen ihn jetzt daran messen, was daraus wird", sagt Imsande, der als Freiwilliger ehrenamtlich die private Hilfe im überfluteten Ort Odendorf koordiniert und die Fragen der Betroffenen extra für den Besuch Laschets gesammelt hatte. Imsande trägt ein Käppi, schwere Schuhe, er steht in Arbeitskleidung auf dem Kirchplatz des 4000-Einwohner-Dorfes. Um ihn herum sind weiße Zelte aufgebaut, es nieselt. In dem einen Zelt gibt es eine warme Mahlzeit, in dem anderen werden die Kleiderspenden sortiert und gesammelt.

Den Ort Odendorf der Gemeinde Swisttal im Süden Nordrhein-Westfalens hat das Hochwasser besonders heftig getroffen: Die Gemeinde war nach der Hochwasserkatastrophe fünf Tage lang evakuiert und gesperrt. Nur zehn Kilometer entfernt liegt die Steinbachtalsperre, die nach den Fluten tagelang zu brechen drohte.

Am frühen Montagmorgen kam die Nachricht, dass das Leitungswasser im Ort nicht länger abgekocht werden müsse. Einige Stunden später kam Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident vorbei. Gemeinsam mit Kai Imsande, der Bürgermeisterin, Kamerateams und Schaulustigen ging Laschet die besonders stark beschädigte Orbachstraße entlang. In deren Mitte fließt der Orbach. Eigentlich ein kleiner Fluss, doch nach Starkregen verwandelte er sich in einen wilden Sog, der sogar Gebäude mitriss. Hauswände sind teils abgerissen, in anderen klaffen metergroße Löcher. Noch immer sind ganze Keller voller Schlamm und Schwemmholz, im ganzen Ort liegt meterhoch Sperrmüll.

Betroffene klagen über mangelnde Hilfe

Laschet spricht mit Betroffenen und Helferinnen. Immer wieder wird deutlich, wie verärgert, wie enttäuscht die Anwohner in der Orbachstraße sind. Er habe weder Hilfe vom Land noch von der örtlichen Verwaltung bekommen, sagt ein Mann: "Stattdessen haben hier junge Leute beim Aufräumen geholfen." An einem Fachwerkhaus bleibt Laschet stehen, zwei Männer schauen durchs kaputte Fenster heraus. "Wollense mal reinschauen", fragt einer der Männer Laschet. Der nickt. An einem anderen Haus beklagt ein Mann "riesengroßes Versagen" der Landesregierung, in Laschets Richtung sagt er: "Sie werden es bei der Wahl merken."

Am 26. September ist Bundestagswahl, Laschet möchte Kanzler werden. Doch ein Wahlkampftermin sollte sein Besuch in den Hochwassergebieten nicht werden, Laschet sagte mehrmals, er sei vor Ort, "um sich ein Bild zu machen", und werde sich um Unterstützung kümmern. "Dann kommt die große Aufgabenstellung, der Wiederaufbau. Da werden Bund und Land zusammenarbeiten." Am kommenden Montag will Laschet in einer Sondersitzung des Landtags über die Situation in den Hochwassergebieten beraten. Den Wiederaufbaufonds für die Flutopfer will er per Bundesgesetz absichern, wie Laschet auf der nächsten Station seiner Tour, in Schleiden, ankündigen wird.

Ein Helfer verlangt eine Perspektive und "nicht Blabla"

Mehr als eine Stunde hält sich der CDU-Chef und Unions-Kanzlerkandidat in Odendorf auf. War er vor Wochen in Erftstadt noch mit unpassendem Lachen aufgefallen, hört er in der Orbachstraße mit ernster Miene fast eine Stunde aufmerksam zu, nickt, drückt Hände und Oberarme, reagiert auf heftige Kritik verständnisvoll.

Johanna Fischer hilft ihrer Tante beim Aufräumen des überfluteten Hauses. "Im Vergleich zu einigen Wochen sieht das hier wieder gut aus", sagt die 24-jährige Studentin und zeigt auf das Trümmerfeld. Soforthilfe ist bei ihnen bisher nicht angekommen. Ihre lilafarbenen Gummistiefel sind ebenso wie die Latzhose dreckverschmiert. Die Bürgermeisterin will Laschet jetzt den örtlichen Imbissbetreiber Hasan Uzungelis vorstellen. "Bodrum-Grill und Pizzeria" steht auf dessen blauer Weste. "Das, was ich mir jahrelang aufgebaut habe, war in drei Minuten weg", sagt Hasan Uzungelis, er kämpft jetzt gegen die Tränen. Armin Laschet steht umringt von den Kamerateams und Reporterinnen neben dem weinenden Uzungelis, er streicht ihm über den Arm, verspricht Hilfe.

Von Wahlkampf hat Kai Imsande nichts bemerkt, sagt er später. "Den Eindruck macht er nicht, er war sehr nett." Wichtig sei nun, dass Laschet die Versprechen halte, die er heute in Odendorf abgegeben habe, so Imsande: "Das Wichtigste ist, dass den Leuten eine Perspektive geboten wird. Nicht Blabla, sondern konstruktiv und zielführend. Nicht erst im halben Jahr, sondern in den nächsten Wochen."

© SZ/jbb
Zur SZ-Startseite
Ministerpräsident Laschet in Sachsen-Anhalt

SZ PlusWahldemografie
:In Deutschland wählt Jung gegen Alt

Selten war die Bevölkerung derart gespalten zwischen älteren und jüngeren Wählern wie in diesem Jahr. Was das für Laschet, Baerbock und Scholz bedeuten könnte.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB