Landtagswahl:"So eine App, die jeder Laie nutzen könne, gab es noch nie"

Experten wie Simon Hegelich warnen davor, die Siege der CDU nur auf die App zurückzuführen. Er erinnert an die überzogene These, die Big-Data-Firma Cambridge Analytica sei allein für den Wahlsieg von Trump verantwortlich. "Empirisch ist schwer zu sagen, wie viel Prozent das ausmacht. Die starke Mobilisierung der SPD nach der Kür von Martin Schulz hat sicher zu einer Gegenreaktion geführt", sagt der Professor für Political Data Science der Hochschule für Politik an der TU München. Er lobt den Ansatz der Union. Es sei klug, hier Netzwerke aufzubauen: "Das wirkt bieder, aber es ist sehr stabil. Die gesammelten Informationen lassen sich für die künftige Wahlkämpfe nutzen."

Auch Martin Fuchs, Politikberater und Blogger, lobt Connect17. Zwar würden Apps seit Jahren in der Politik genutzt, doch der Ansatz sei neu, Big Data für den Tür-zu-Tür-Wahlkampf einzusetzen. "So eine App, die jeder Laie nutzen könne, gab es noch nie." Er hebt noch einen anderen Aspekt hervor: Die App schaffe einen Feedback-Kanal zwischen den Zehntausenden Wahlhelfern im Land und der Zentrale. "Bisher kamen die Parteien nie ganz tief runter, höchstens bis zur Kreisebene. Nun können die Aktivisten nach Berlin melden, worauf die Bürger sie ansprechen, so dass in relativ kurzer Zeit gegengesteuert und Reden angepasst werden könnten", sagt Fuchs. Dieses Potenzial sei noch nicht ausgeschöpft - mit den nötigen Ressourcen ließe sich etwa auf Facebook für die jeweiligen Regionen angepasste Werbung ausspielen.

Von den Milliardensummen, die in den USA für Wahlkämpfe ausgegeben werden, ist Deutschland weit entfernt. Und den Erwerb von extrem genauen Datenprofilen einzelner Wähler lässt der strengere deutsche Datenschutz nicht zu. Connect17 kombiniert also alte Wahlergebnisse mit zusätzlich angekauften Adressdaten der Post-Tochter "Post direkt", die sonst vor allem die Werbeindustrie nutzt. Diese gelten pro Straßenzug und sind keinem Einzelhaus zuzuordnen. In Schulungen, so JU-Mann Clemens, erkläre man den Unterstützern, dass sie die App während der Begegnung an der Haustür in der Tasche lassen und sich ganz auf das Gespräch mit den Bürgern konzentrieren sollen.

Erst im Anschluss tippen sie auf Smileys und geben an, was die Wähler über die CDU denken. Das Speichern der Daten geschieht erneut hochgerechnet auf Ebene der Straßenzüge. Beim ersten Einsatz im Saarland prüfte die dortige Datenschutzbeauftragte, ohne etwas zu beanstanden.

Dass die CDU ebenso wie alle anderen Parteien hier sensibel vorgeht, wundert nicht: Mögliche Verstöße wären ein Desaster für das eigene Image. Laut Politikberater Fuchs wird die Linke in wenigen Wochen eine App zum Download anbieten, die auch in der Lage sein soll, Sympathisanten in der Nachbarschaft direkt zu vernetzen. Und was macht die SPD, die sonst am stärksten auf Haustür-Wahlkampf setzte und 2015 an fünf Millionen Türen klopfte? Die Genossen haben ebenfalls eine App, doch die ist nicht mehr als ein simples Online-Formular.

Dass es in Nordrhein-Westfalen nicht gut für die Sozialdemokraten lief, war in den vergangenen Tagen deutlich zu spüren. In Gesprächen wurde über die übereifrigen JU-Mitglieder gespottet und auf der Website der NRW-SPD wurden Verhaltenstipps für den Fall gegeben, dass die Konservativen in den "knallorangenen Jacken kommen" und an der eigenen Tür klingeln: "Erst mal einen Kaffee anbieten" oder Gegenfragen stellen wie "Ist das Polohemd eigentlich von Lacoste?"

Der Online-Artikel offenbart einerseits eine ziemliche Überheblichkeit und zeigt andererseits ein Unverständnis, wie die App der Konkurrenz funktioniert. Und beides ist ziemlich verheerend in Wahlkämpfen, in denen jede Stimme zählt.

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