Landtagswahl in Hessen:Bouffier setzt auf das Prinzip Huckepack

Lesezeit: 4 min

Volker Bouffier, CDU, Landtagswahl Hessen

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier auf einer Wahlkampfveranstaltung der CDU

(Foto: dpa)

Ausgerechnet in Hessen, wo Roland Koch in früheren Wahlkämpfen zuweilen bis über die Schmerzgrenze hinaus polarisierte, setzt CDU-Spitzenkandidat Bouffier auf eine Wohlfühl-Kampagne. Merkel soll mit ihrer Popularität helfen - sie ist Vorbild und Zugmaschine zugleich. Doch selbst im eigenen Lager gibt es Zweifel an dieser Taktik.

Von Jens Schneider

Es gab deftige Kost, und vor allem die Christdemokraten selbst langten richtig zu. Sie lachten und freuten sich über ihre Idee. Es war eine Attacke ganz nach ihrer Art, bewusst gesetzt im hessischen Landtag. Allerdings wählte die hessische CDU für ihre Aktion nicht das Plenum des Landtags. Ministerpräsident Volker Bouffier hielt keine Rede, wie man es für eine Sitzung kurz vor der Landtagswahl hätte erwarten können. Er redete auch gar nicht im Landtag, überließ das politische Geschehen seinen Parteifreunden; die finale Redeschlacht mit seinem Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel von der SPD blieb aus. Bouffier aß Wurst.

Um vor der drohenden vegetarischen Mission der Grünen, dem "Veggie-Day", zu warnen, servierte die CDU-Fraktion im Landtag zu Wiesbaden Würste, und der Regierungschef erklärte, dass er es "prima" finde, wenn sich Menschen gesund ernähren. Ebenso prima fände er es, wenn es überall ein vegetarisches Angebot gebe, nur vorschreiben solle man das den Bürgern nicht. Und aß weiter Wurst. Kontrahenten von SPD und Grünen klagten hinterher, dass sie den Regierungschef lieber in den Debatten im Plenum erlebt hätten, zur Steuergerechtigkeit oder zur Energiewende. Aber die große politische Kontroverse ist nicht Bouffiers Sache, nicht mehr.

Ausgerechnet in Hessen, wo sein Vorgänger Roland Koch in früheren Wahlkämpfen zuweilen bis über die Schmerzgrenze hinaus polarisierte, setzt dieser CDU-Spitzenkandidat auf eine Wohlfühl-Kampagne. Hier hieß es seit Jahrzehnten: die oder wir! Bei extrem engen Wahlausgängen stand das schwarz-gelbe Lager unerbittlich gegen Rot-Grün. Faktisch ist das auch diesmal so, zwischen den Lagern gibt es keine Brücken, einige Spitzenkandidaten trennt tiefe Antipathie. Wenn sie nur kurz nebeneinander stehen müssen, wirken Bouffier und Schäfer-Gümbel schnell angespannt.

Bouffier will auch den Rest

Der 61-jährige Christdemokrat hat sich einst als Innenminister unter Koch einen Ruf als Hardliner und Haudegen erworben, bevor er 2010 dessen Nachfolge übernahm. Seit einigen Monaten aber gibt er den Regierungschef für alle, und zwar wirklich alle: Sein Wahlwerbespot ist eine Provokation für jeden, der an das Wort Kampf in Wahlkampf glaubt: Mehr als ein Dutzend Hessen geben ein kurzes Bekenntnis ab, das aus einem "Ja!" besteht, mal schnurrend, mal lachend, mal gedehnt zufrieden ausgesprochen. Einzelne setzen ein "Super!" hinzu, und am Ende freut sich Bouffier, dass 96 Prozent aller Hessen das Land gut fänden. Genug sei ihm das aber nicht, er wolle auch den Rest.

Also breitet er seine Arme im Wahlkampf weit aus: Da mag Rot-Grün beklagen, dass Hessen faktisch beim Ausbau der Kinderbetreuung zurückliegt, wie auch beim Ausbau der Ganztagsschulen. Bouffier verspricht, dass er sich für berufstätige Eltern ebenso einsetzen will wie für alle, die bei ihren Kindern bleiben. Sogar beim größten Streitthema in Hessen, der Schulpolitik, gibt er sich offen: Er will sowohl das G 8 als auch das G 9 zulassen, sogar Gesamtschulen lässt er gelten.

Zweifel an Bouffiers Imagewandel

Für den soften Kurs entschied Hessens CDU sich zu Jahresbeginn, als Schwarz-Gelb in Umfragen weit zurücklag. Bouffier sah seine Chance in Berlin, in doppelter Hinsicht: Die Bundeskanzlerin sollte Vorbild sein und eine Art Zugmaschine. Sie erreicht große Popularität, indem sie Zuspitzungen vermeidet und sich auf die gute wirtschaftliche Lage verlässt. Auch Hessen geht es wirtschaftlich gut. Darauf setzt Bouffier, und auf den Huckepackeffekt: Der Landtag wird gleichzeitig mit dem Bundestag gewählt - wer im Bund CDU ankreuzt, soll das, so die Hoffnung, auch im Land tun.

Es erscheint aber fraglich, ob Bouffier mit seinem Imagewandel seinen Teil zu einem Wahlsieg beizutragen vermag. Selbst im eigenen Lager zweifeln manche, dass dem einstigen Hardliner die liebliche Tour geglaubt wird. Sie argwöhnen, dass ihr Boss auf einen Amtsbonus setzt, den er in Wahrheit gar nicht hat. Er ist laut Umfragen weniger beliebt als der smarte Grüne Tarek Al-Wazir. Und auch sein Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel, 43, hat Bouffier fast eingeholt, wenn es um die Frage geht, wen die Bürger als Ministerpräsidenten wollen.

Vor vier Jahren verlor Schäfer-Gümbel die Wahl, damals war er eine Art Zählkandidat für die SPD, die zerstritten am Boden lag. Andrea Ypsilanti war zuvor mit dem Versuch gescheitert, ein rot-rot-grünes Bündnis zu bilden. Es hieß, die SPD werde sich davon sehr lange nicht erholen. Doch der neue Chef hat sie mit einem klaren und zugleich weniger konfrontativen Führungsstil viel früher so weit gebracht, dass sie jetzt auf einen Regierungswechsel hoffen kann. In den Umfragen führt mal das eine, mal das andere Lager. Schäfer-Gümbel setzt auf klassisch sozialdemokratische Themen und verspricht mehr soziale Gerechtigkeit: Die Herkunft dürfe nicht über die Chancen eines Kindes entscheiden, mahnt der Sohn eines Lkw-Fahrers und einer Putzfrau. Auch er kleidet seinen Kampfeswillen in gemäßigte Worte.

Gallige Töne liefern demgegenüber die beiden Juniorpartner, wann immer sie aufeinandertreffen. Hessens FDP-Chef und Justizminister Jörg-Uwe Hahn sowie der Grüne Al-Wazir zelebrieren ihre Verachtung intensiv. Die Grünen empört vor allem, dass sie von Liberalen aus Hessen als "Ökofaschisten" tituliert wurden - und Hahn sich davon nur halbherzig distanzierte: Dies sei nicht seine Wortwahl.

Seit Kurzem wächst jedoch in beiden Lagern die Sorge, dass am Ende keines der beiden Lager gewinnt, wegen der Linken. SPD-Chef Schäfer-Gümbel verkündet fortwährend, dass die Partei bei der Landtagswahl scheitern und ihre Westerweiterung damit vorbei sein werde. Aber die von der eloquenten Janine Wissler geführte Fraktion hat Spuren hinterlassen und sich manchmal geschickt mit Protesten außerhalb des Parlaments verbunden, etwa den Initiativen gegen den Lärm am Frankfurter Flughafen. Und auch sie hofft auf einen Huckepackeffekt: Wenn die Partei bundesweit in Umfragen anziehe, soll es auch in Hessen reichen. Im Landtag wird längst spekuliert, was die weitere Entwicklung in Syrien für Wiesbaden bedeuten kann.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema