Krise im Vatikan Franziskus ist Lösung und Problem in einem

Papst Franziskus hat kirchenintern viele Kritiker - nicht nur in der Kurie.

(Foto: AP)

Das Ringen um die Zukunft der katholischen Kirche ist in vollem Gange. Der Papst muss Skandale aufklären. Sich selbst schonen darf er dabei nicht.

Kommentar von Matthias Drobinski

Krieg, Bürgerkrieg, Machtkampf, Intrige - es ist erstaunlich, welche Wörter gerade die Zustände an der Spitze der katholischen Kirche beschreiben, wo doch die Güte und die Liebe wohnen sollten. Ein Erzbischof, Carlo Maria Viganò, hat Papst Franziskus öffentlich zum Rücktritt aufgefordert - unerhört in einer Kirche, in der die Bischöfe ihrem Papst die Treue schwören. Der Vorwurf, den Viganò erhebt, wiegt schwer: Franziskus habe gewusst, dass der US-amerikanische Erzbischof Theodore McCarrick junge Männer bedränge und missbrauche, und zunächst nichts dagegen unternommen. Viele Details des wütenden Briefs sind zweifelhaft. Doch dass der Papst zu den Anwürfen schweigt und über Jesus predigt, der kein Wort sprach, als die Menge "kreuziget ihn!" rief, macht nichts besser.

Man kann das in vielen Formulierungen homophobe Schreiben, das den Papst als Bündnispartner der vatikanischen Schwulenlobby beschreibt, als Racheakt eines verbitterten alten Mannes sehen, der sehr gerne Kardinal geworden wäre. Man kann den Vorgang als Intrige der konservativen Franziskus-Gegner interpretieren. Zyniker unter den Vatikan-Beobachtern merken sarkastisch an, dass der Brief, der einige Outings enthält, auch für die Auseinandersetzung zweier schwuler Gruppen im Vatikan steht: derer, die ihre Sexualität verdrängen oder unter großer Geheimhaltung leben, und derer, die dies relativ offen tun. Das alles erklärt nicht die Wucht der Auseinandersetzung, die sich da gerade offenbart.

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Denn der Subtext des Skandals ist der grundsätzliche Streit darüber, welche Kirche die größte Glaubensorganisation der Welt sein will, wo sie sich politisch verortet im Mit- und Gegeneinander der Religionen. Diese Auseinandersetzung ist dramatisch und scharf geworden, seit Franziskus im Amt ist. Der Papst aus Argentinien wünscht eine Kirche an der Seite der Armen, er wirft dem globalisierten Kapitalismus vor, Mensch und Menschenwürde zum Handelsgut zu machen. Er geht den reichen Ländern auf die Nerven, damit sie mehr für Flüchtlinge und den Klimaschutz tun. Vorsichtig hat er Debatten ermöglicht, die undenkbar schienen: Wie umgehen mit Homosexuellen, Geschiedenen, dem Thema Sexualität?

Das muss Konflikte provozieren, erst recht in einer Kirche, die bislang auf diskursfreies Bewahren gesetzt hat. Es stehen sich aber gerade nicht einfach die Bewahrer des Gestrigen und die Künder des Morgens gegenüber. Auch der Gegenentwurf zur Franziskus-Kirche ist ein Zukunftsmodell: eine Kirche, die sich und die eigene Tradition gegen Andere abgrenzt, sich in Konkurrenz zum Islam und zu den Linken und Liberalen sieht, die das Abendland ausverkaufen.

Diese Form der identitären Religiosität ist eine in unheimlicher Weise moderne Antwort auf die Unsicherheiten der Gegenwart - bis in deutsche AfD-Kreise hinein. Der Konflikt tobt ja auch deshalb so unerbittlich in der von Missbrauchsskandalen erschütterten katholischen Kirche der USA, weil dort ein Teil der Bischöfe sich Donald Trump nahe sieht - und es kaum ein schärferes Anti-Trump-Modell gibt als Papst Franziskus. Vielen osteuropäischen Bischöfen, die ihren autoritären Regierungen nahe stehen, ist der Papst ebenso ein Gräuel wie jenen afrikanischen Hirten, die es mit einem fundamentalistischen Islam zu tun haben. Die katholische Kirche ist hier Teil der großen weltweiten Auseinandersetzung, wozu Religion dienen soll: zum Heil und Nutzen der ganzen Menschheitsfamilie oder zur Identitätsgestaltung der eigenen Gruppe.

Der Weg des Papstes ist für die katholische Kirche nicht ohne Risiko. Er bedeutet, Zweifel zuzulassen und lehramtliche Unschärfen; es bedeutet, wie es Franziskus formuliert hat, dass sich die Institution verbeulen lässt um der Menschen willen. Das schmerzt, bringt Verluste mit sich, macht angreifbar. Umso dramatischer ist es, dass der Papst nun selber in der Krise steckt. Denn in den zahlreichen Missbrauchsfällen, die nun, wieder einmal, offenbar werden, ist Franziskus Aufklärer und Problem in einem. Er hat McCarrick die Kardinalswürde entzogen - aber hätte offenbar früher handeln können. Er hat schonungslose Aufklärung versprochen, aber auch Bischöfe verteidigt, wo es nichts zu verteidigen gab. Und in Australien steht Kardinal George Pell vor Gericht, den Franziskus zu einem der mächtigsten Männer im Vatikan machte. Wandert Pell ins Gefängnis, ist auch Franziskus beschädigt.

Es hilft dem Papst nicht mehr, vom schweigenden Jesus zu predigen. Er muss auch dann aufklären, wenn er sich damit selber verbeult. Er muss wissen: Eine im Innern unglaubwürdige Kirche, in der ein Teil des Spitzenpersonals ein Doppelleben führt, kann kein glaubwürdiges Zeugnis für Menschlichkeit und Menschenwürde nach außen ablegen. Würde sie dagegen Homosexualität als Teil der von Gott geschenkten Liebesfähigkeit des Menschen begreifen, würden Briefe wie der des Erzbischofs Viganò verpuffen.

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