Krieg um Aleppo "Als warte man auf den Tod"

Krieg in Syrien "Wir wollten nichts anderes als Freiheit" Video

Videobotschaften aus Aleppo

"Wir wollten nichts anderes als Freiheit"

Menschen im umkämpften Aleppo wenden sich mit Videobotschaften an die Welt.

Kurz bevor die Rebellen eine Einigung auf eine Waffenruhe verkünden, berichten Zivilisten aus dem letzten umkämpften Gebiet Aleppos von Bombardierungen und Verzweiflung.

Von Dunja Ramadan

Auf die Frage, wie es ihm in Aleppo gehe, hat Asmar Alhalabi in den vergangenen Monaten immer "Alhamdulillah", "Gott sei Dank" geantwortet. Ohne zu zögern. Der 28-Jährige leitet ein Waisenhaus in Ost-Aleppo und wollte die Kinder nicht verlassen. Sein befreites Aleppo nicht verlassen.

Am Dienstagnachmittag berichtet er aus dem letzten noch nicht von Assad-Truppen besetzten Teil der Stadt. Er schreibt: "Es ist die Hölle. Ich kann nicht sprechen, ich bin einfach mit den Nerven am Ende." Er sei mit den Kindern im Untergeschoss des Waisenhauses, sie weinten, hörten Bomben. Heute könne er sie nicht mehr beruhigen.

Die Truppen des syrischen Machthabers Baschar al-Assad sind in den vergangenen Tagen in Ost-Aleppo immer weiter vorgerückt. Stadtviertel um Stadtviertel haben sie aus der Hand der Aufständischen zurückerobert, mit massiven Bombardierungen und offenbar ohne Rücksicht auf Zivilisten. Inzwischen scheint auch das letzte verbliebene Rebellengebiet gefallen zu sein, zuletzt umfasste das den Vereinten Nationen (UN) zufolge gerade noch einen Quadratkilometer.

Nun melden die Aufständischen eine Einigung auf eine Waffenruhe - doch was das genau bedeutet, für die Kämpfer und vor allem für die Zehntausenden Zivilisten, die in dem Gebiet eingeschlossen sind, ist völlig unklar.

"Die Armee ist nah, sehr nah", schreibt Waisenhausleiter Asmar Alhalabi bereits am Nachmittag per Whatsapp. Auf die Frage, ob es möglich sei, mit ihm zu telefonieren, fragt er: "Warum?" Warum solle er noch sprechen, warum sei es wichtig, dass die Menschen außerhalb von Aleppo von ihrem Schicksal hörten, wenn es ja doch nichts bringe. "Warum?", fragt er. Dann antwortet er nicht mehr.

Etwa zeitgleich meldet das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef), dass in dem umkämpften Gebiet möglicherweise bis zu 100 Minderjährige in einem unter Beschuss stehenden Gebäude festsitzen. Ob es sich dabei um die Kinder in dem Waisenhaus handelt oder um andere, lässt sich von Deutschland aus nicht feststellen.

"Die Menschen sterben und die, die noch leben, sind verletzt"

Auch Basel Ayyoubi, der in einer syrischen Hilfsorganisation arbeitet, ist noch in Ost-Aleppo. Er schickt eine Sprachnachricht auf Whatsapp: "Die Krankenhäuser sind alle zerbombt. Die Menschen sterben und die, die noch leben, sind verletzt und rennen zu Praxen, die noch offen haben", sagt er, während die Kämpfe noch andauern. "Es ist fast so, als warte man auf den Tod", sagt Ayyoubi. Die Rebellen seien am Ende.

Auch die syrische Aktivistin Lina Shamy ist noch in Ost-Aleppo. Sie fordert ihre mehr als 16 000 Follower noch am Morgen auf, aktiv zu werden und vor russischen und iranischen Botschaften zu demonstrieren. Auf Twitter schreibt sie: "Ihr Menschen dieser Welt, schlaft nicht. Ihr könnt etwas tun. Geht demonstrieren! Stoppt den Völkermord!"

In einem Video sagt Shamy, dass die Einwohner Aleppos entweder durch den Bombenhagel sterben oder durch Hinrichtungen, sobald die syrische Armee die restlichen Gebiete einnimmt. Eine Feststellung, die keineswegs unwahrscheinlich ist angesichts der erschreckenden Nachrichten, die aus der Stadt dringen: Den UN zufolge haben Regierungssoldaten nach der Eroberung einzelner Stadtviertel in den vergangenen Tagen mehr als 80 Zivilisten getötet, darunter elf Frauen und 13 Kinder.

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In den zurückeroberten Teilen der Stadt posieren Regierungssoldaten für Selfies. Für die Zivilisten in Ost-Aleppo ist die Zeit der Angst noch nicht vorbei.