Krieg in der Ukraine:Rückzug, auch gegen Moskaus Willen

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Krieg in der Ukraine: Trauer im befreiten Lyman: ein ukrainischer Soldat, der zuvor die Leiche eines Kameraden in der kürzlich zurückeroberten Stadt identifiziert hat.

Trauer im befreiten Lyman: ein ukrainischer Soldat, der zuvor die Leiche eines Kameraden in der kürzlich zurückeroberten Stadt identifiziert hat.

(Foto: Evgeniy Maloletka/dpa)

Im Süden vermelden die ukrainischen Truppen weitere Rückeroberungen und kommen offenbar auch im Osten voran. Experten halten einen russischen Atomwaffeneinsatz für unwahrscheinlich.

Von Andrea Bachstein

Die Armee der Ukraine kommt bei ihrer Gegenoffensive im Süden des Landes nach eigenen Angaben weiter voran. Fünf Orte seien zurückerobert, schrieb auf dem Nachrichtendienst Telegram der Chef des ukrainischen Präsidentenbüros, Andrij Jermak, am Dienstag. Videos aus diesen Orten, etwa aus dem lang umkämpften Dorf Dawydiw Brid, kursieren im Internet. "Die Ukraine diktiert im Moment das Tempo", sagte ein Vertreter westlicher Sicherheitskreise laut dpa vor Journalisten in London. Die ukrainische Gegenoffensive bereite den russischen Einheiten nach Expertenansicht an mehreren Fronten enorme Probleme. Einige Einheiten sähen sich zum Rückzug gezwungen, teils gegen den Willen der russischen Führung.

Auch in Richtung der Grenze der Region Luhansk, eine der vier völkerrechtswidrig von Russland annektierten Regionen, sollen die ukrainische Kräfte vorangekommen sein. Dem Institute for the Study of War (ISW) zufolge rückte das ukrainische Militär auch um Lyman und in der Nordregion Cherson erheblich vor. Die an diesen Fronten besiegten russischen Einheiten galten laut ISW früher als einige der besten konventionellen Streitkräfte Russlands.

Keine ungewöhnliche Aktion bei Russlands Nuklear-Arsenal, sagt ein Experte

Unterdessen haben Videos, die einen mit Militärgütern beladenen russischen Zug zeigen, zu Spekulationen geführt, dass Russland Atomwaffen Richtung Ukraine transportiere. Die britischen Zeitungen The Times und Daily Mail berichteten, Experten brächten den Zug in Verbindung mit dem 12. Hauptdirektorat des russischen Verteidigungsministeriums, das auch zuständig ist für die Bereitstellung von Atomwaffen. Auf Twitter bewertete der Militäranalyst Konrad Musyka, Chef des privaten Informationsdienstleisters Rochan Consulting, das Video. Ihm zufolge ist unwahrscheinlich, dass Russlands Machthaber Wladimir Putin einen Atomschlag vorbereite. Es handle sich eher um einen Bluff, so Musyka, der dem Westen signalisieren solle, dass Moskau bereit sei, den Konflikt zu eskalieren.

Die Times hatte auch berichtet, die Nato habe die Mitgliedsländer gewarnt, dass Putin seine Bereitschaft zum Einsatz von Nuklearwaffen mit einem Atomwaffentest nahe der Grenze zur Ukraine demonstrieren wolle. Die Agentur Reuters zitierte jedoch anonym einen westlichen Regierungsvertreter, der sagte, es gebe keine Anzeichen für ungewöhnliche Vorgänge im Zusammenhang mit den russischen Atomwaffen: "Wir haben keine Indikatoren oder Aktivitäten gesehen, die aus unserer Sicht außerhalb der Norm liegen würden. Wir haben keine Aktivitäten gesehen, die über das übliche Maß hinausgehen." Moskau wies Berichte zu dem geplanten Atomtest zurück. Kremlsprecher Dmitrij Peskow sagte am Dienstag, man wolle sich nicht beteiligen an der "nuklearer Rhetorik" westlicher Medien, Politiker und Staatsoberhäupter.

Krieg in der Ukraine: Tesla-Chef Elon Musk hat auf Twitter seinen Friedensplan für die Ukraine präsentiert, der aber dort nicht gut angekommen ist.

Tesla-Chef Elon Musk hat auf Twitter seinen Friedensplan für die Ukraine präsentiert, der aber dort nicht gut angekommen ist.

(Foto: Susan Walsh/AP)

Ebenfalls am Dienstag sagte US-Präsident Joe Biden dem ukrainischen Staatschef Wolodimir Selenskij weitere Unterstützung im Umfang von 625 Millionen US-Dollar zu. Dem Weißen Haus zufolge gehören dazu auch weitere Himars-Mehrfachraketenwerfersysteme. Biden habe Selenskij versichert, die USA würden die Annexion der ukrainischen Gebiete niemals anerkennen.

Selenskij unterzeichnete unterdessen ein Dekret, das Verhandlungen mit dem russischen Machthaber Putin faktisch verbietet, heißt es in einem Text auf der offiziellen Website des ukrainischen Staatschefs. Sie könnten nur mit einem anderen russischen Staatsoberhaupt geführt werden. Erbost hat die Regierung in Kiew auf einen Vorschlag reagiert, den US-Milliardär Elon Musk zur Beendigung des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine per Twitter gemacht hat.

Musk verbreitete, ein Weg zum Frieden könne sein, dass die Ukraine einen neutralen Status annehme und auf die 2014 von Russland annektierte Halbinsel Krim verzichte. In den vergangenen Freitag von Russland annektierten Ostregionen der Ukraine sollten neue Referenden unter Aufsicht der UN stattfinden, in denen die Bevölkerung ausdrücken könne, zu welchem Staat sie gehören wolle. Nach der Empörung der ukrainischen Regierung twitterte Musk, auf der Krim solle ebenfalls ein solches Referendum stattfinden. Er startete auch eine Twitter-Umfrage, in der er die Bürger der unter Bruch des Völkerrechts annektierten Gebiete antworten sollen, ob sie in Russland oder in der Ukraine leben wollen.

Auch der Kreml winkt ab bei Musks Ideen für ein Ende des Kriegs

Der Amerikaner erhielt auch aus Moskau eine Abfuhr für seine Ideen. Kremlsprecher Peskow sagte dazu am Dienstag der Nachrichtenagentur Ria Nowosti zufolge: "Es ist doch positiv, dass jemand wie Elon Musk nach einem friedlichen Ausweg aus der Situation sucht." Allerdings, so Peskow: "Was aber die Durchführung von Referenden betrifft, haben die Einwohner bereits ihre Meinung geäußert." In den nur teilweise russisch besetzen Gebieten hatten die pro-russischen Behörden vor der Annexion Referenden durchgeführt, in denen sich angeblich etwa 90 Prozent für die Zugehörigkeit zu Russland aussprachen. Doch gibt es zahlreiche Zeugenberichte, wonach die Teilnahme an den Abstimmungen mit Bedrohungen und auch Gewalt erzwungen wurde und eine geheime Abstimmung unmöglich war.

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