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Konstituierende Sitzung des Bundestags:Viel Beifall für die wenigen Freien Demokraten

Das merkt man, als um Punkt elf Uhr der Gong ertönt, alle sich von ihren Plätzen erheben und Heinz Riesenhuber unter Beweis stellen darf, dass er als Alterspräsident mindestens genauso langsam, stolz und gravitätisch zu seinem Platz schreiten kann wie Norbert Lammert. Riesenhuber ist mittlerweile 77. Mehr lächelnd als ernst gemeint fragt er ins Halbrund, ob es einen oder eine ältere gäbe. Als sich niemand meldet, eröffnet er die Sitzung und sorgt dafür, dass alle erst mal sehr viel Beifall klatschen. Beifall für einige lockere Sätze. Vor allem aber Beifall für die Gäste auf der Tribüne. Dazu zählt der Bundespräsident, natürlich ist Joachim Gauck an so einem Tag anwesend. Dazu zählt der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. Dazu zählen Horst Köhler, Rita Süssmuth und der an diesem Tag Geburtstag feiernde Wolfgang Thierse.

New Bundestag Convenes As Old Government Is Dismissed

Tag eins: Die erste Sitzung des neuen Bundestags.

(Foto: Getty Images)

Und dann, man hätte sie ja fast schon vergessen, gibt es ziemlich viel Beifall auch für die wenigen Freien Demokraten, die dieser für die FDP auch irgendwie historischen Sitzung beiwohnen. Darunter sind ein paar Ex-Abgeordnete, die ohnehin ausgeschieden wären, der Verteidigungspolitiker Rainer Stinner zum Beispiel. Von den Ministern dagegen wollte sich trotz einer persönlichen Einladung keiner der Schmach aussetzen. Und von den Abgeordneten, die vom Total-Rauswurf überrascht wurden, hat nur Pascal Kober, der Pfarrer aus Baden-Württemberg, die Kraft gefunden, zu kommen. Dass Riesenhuber für sie noch mal Applaus organisiert, hat ihm den Tag sicher erleichtert.

Lammert hat es da schon wesentlich leichter. Er wird mit satter Mehrheit wieder gewählt und muss danach kurz mit der eigenen Rührung kämpfen. Was so etwas wie der emotionale Höhepunkt ist an diesem 22. Oktober. Denn nach seiner Wiederwahl kippt ein wenig die Stimmung. Es kommt, was die große Koalition provoziert hat: eine kurze und scharfe Debatte darüber, dass Union und SPD künftig sechs Stellvertreter Lammerts durchgesetzt haben. Das hatten sie als quasi ersten Akt gemeinsamen Regierens beschlossen und sich jeweils zwei Stellvertreter zugesprochen. So geht das, wenn die Macht da ist.

Es gab schönere Momente in Oppermanns Parlamentarierleben

Allerdings bekommen ihre beiden ersten parlamentarischen Geschäftsführer sofort zu spüren, wie unangenehm es sein kann, diese Macht auszunützen. Als erst Michael Grosse-Brömer von der CDU und danach Thomas Oppermann von der SPD versuchen, die Aufstockung zu begründen, geben sie keine gute Figur ab. Der erste bittet darum, doch darüber jetzt nicht zu streiten; der zweite erklärt gar, dass es gemessen am Wahlergebnis für die Opposition noch schlimmer hätte kommen können. Ein Blick auf die ersten Reihen von Union und SPD genügt in diesen kurzen Momenten, um zu kapieren: Die allermeisten schauen sehr strikt auf den Boden, verschämt muss man das wohl nennen.

Und so wird aus einer Demonstration der Macht durch die Großen ein erster Punktgewinn für die Kleinen. Insbesondere die neue Geschäftsführerin der Grünen, Britta Haßelmann, bringt Oppermann in Verlegenheit. Mit hochrotem Kopf muss der SPD-Hoffnungsträger zuhören, als Haßelmann trocken erklärt, dass man nun eben gut erkennen könne, wie schnell er "den Schalter umgelegt" habe. Den Schalter vom CDU-kritischen Oppositionspolitiker zum Mitorganisator neuer Machtstrukturen. Man sieht Oppermann an, dass es schönere Momente gegeben hat in seinem Parlamentarierleben.

Gewählt werden am Ende alle sechs. Und so lässt alles zusammen schon am ersten Tag erahnen, wie die nächsten vier Jahre laufen werden.