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Kohl-Biografie:Machtgenie im Mittelpunkt

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Helmut Kohl: Was macht die spezifische Qualifikation des Staatsmannes eigentlich aus?

(Foto: AFP)

Der Journalist Patrick Bahners zeichnet in seinem Buch die Kunst Helmut Kohls nach, Machtkonstellationen zu erkennen und zu nutzen. Dabei kam sogar seine Körpersprache zum Einsatz.

Die ganze Strahlkraft europäischer Symbolwelt kam zur Geltung, als der Ehrenbürger Europas, Helmut Kohl, zu Grabe getragen wurde. Ein Gedenkakt im Europäischen Parlament mit etlichen würdevollen Reden vom Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker bis hin zum ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton; dann die Überfahrt von Straßburg nach Speyer mit bildhaften Parallelen zur Beerdigung Konrad Adenauers 1967. Die politische Klasse hielt für einen Moment den Atem an - und viele Millionen Beobachter ebenso.

So wird man erneut auf die Frage gestoßen: Was macht die spezifische Qualifikation des Staatsmannes Helmut Kohl eigentlich aus? Die Frage nach seinem politisch-strategischen Profil, seiner besonderen historischen Leistung für Deutschland und Europa steht ebenso zur Beantwortung an wie der Blick auf die Entwicklungsfähigkeit dieses machtpolitischen Talents aus der Pfalz. Angesichts des nun erneut zugespitzten Fragehorizonts greift man gespannt nach der neuen Kohl-Biografie ("Der Charakter der Macht", C.H. Beck, 18 Euro) aus der Feder des FAZ-Journalisten Patrick Bahners, der Helmut Kohl über viele Jahre begleitend beobachten konnte.

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Bei Beginn der Lektüre drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass besondere Freude weniger die nach dem Geheimnis von Helmut Kohl suchenden Leser haben werden, sondern eher die philosophischen, insbesondere geschichtsphilosophischen Seminaristen. Denn es werden lang und breit zitiert: Jacob Burckhardt, Max Weber, Machiavelli, Caesar, Montesquieu, Rousseau, Görres ... und andere mehr. Zwar folgt das Buch der großen chronologischen Struktur der Biografie Helmut Kohls - Aufstieg, Opposition, Regierung, Einheit, Europa, Sturz -, aber die Systematik des Machtphänomens bestimmt eher im Detail die Komposition des Textes, der je nach machtsystematischer Erkenntnis dann zeitlich sprunghaft ist. Man merkt bald: Eigentlich geht es dem Autor vorrangig um den Charakter der Macht - Helmut Kohl ist nur der Lieferant des Materials.

Kohl als Sprecher der Modernisierer

Manches, was einem Kenner des Machtphänomens Kohl unter den Nägeln kitzelt, taucht leider erst spät im Buch auf, erst am Ende, nachdem man als Leser schon ungeduldig aufgeben wollte: Kohl als Sprecher der Modernisierer und dann, wie er viele Unterstützer und Kooperationspartner gewann, indem er sie nach ihrer historischen Biografie befragte: "Aber wer ihn kennenlernte, wurde sofort gefragt, wo er herkam, und merkte, dass Kohl über die Geschichte der Heimatregion seines Gegenübers mindestens ebenso viel wusste wie über die dortigen Ortsverbände der CDU."

Und Kohl vergaß auch nie, seine dominante, kraftvolle Körpersprache einzusetzen. Hier hätte zusätzlich eine andere machtpolitische Raffinesse Kohls Erwähnung verdient: Er rief bei vielen, auch unbedeutenden Funktionsträgern direkt persönlich an, ohne sich vom Vorzimmer vermitteln zu lassen. Das beeindruckte das Gegenüber regelmäßig. Oder er hielt dem Gesprächspartner lange Vorträge über ihre Heimatgeschichte, so auch den amerikanischen Präsidenten, insbesondere Bill Clinton. Man lauschte ihm ergriffen und dankbar, weil man viele neue Erkenntnisse geliefert bekam.

Patrick Bahners beschreibt die Fähigkeit Kohls, seit früher Jugend eine ihn unterstützende Machtinfrastruktur aufzubauen, Talente ausfindig zu machen, Loyalitäten der Kooperation zu bilden. Diese Unterfütterung der Macht war noch viel intensiver, noch viel weiter ausgebreitet, als es im Buch erwähnt wird, das sich auf einige wenige Namen allgemeiner Bekanntheit beschränkt wie Biedenkopf, Weizsäcker, Herzog.

Die Welt des Helmut Kohl hatte einen weitaus größeren, intensiveren, komplexeren Machthorizont. Bezeichnend dafür war auch, wie er sich auf die Suche nach einem - so Kohl wörtlich - "strategischen Kopf" machte, um Europa zu retten. Und schließlich fand er ihn gemeinsam mit Mitterrand: Jacques Delors.