Klimaerhitzung:Deutschland hat bei weitem nicht genug reduziert

Dabei müsste Deutschland bis 2036 die Null-Emission erreichen, wenn es seinen angemessenen Teil dazu beitragen wollte, dass das in Paris beschlossene "Zwei-Grad-Ziel" erreicht wird, rechnet der Klimaexperte Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgeforschung vor.

Denn Deutschland hat pro Kopf bereits ungeheuer viel Kohlendioxid in den Himmel geblasen. Das Gleiche gilt für alle Industrieländer. Den Gedanken, dass jeder Mensch weltweit das Recht auf die gleiche Menge Treibhausgasemissionen hat, hat selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits 2007 klar formuliert. Inder und Chinesen liegen bei den Pro-Kopf-Emissionen aber klar unter den Werten im Westen.

Die Weltgemeinschaft muss sich auf ein Pro-Kopf-Budget für Emissionen einigen, welches für alle gilt, das allen Wohlstand auf dem gleichen Niveau ermöglicht und das Klima nicht zerstört. Und angesichts der Verschmutzung der Atmosphäre, die der Westen seit Jahrzehnten verursacht, ist die Bringschuld dort deutlich höher als in den Entwicklungsländern oder in Indien und China.

Der Ressourcen- und Energieverbrauch muss also massiv gesenkt werden, und zwar gerade in den Industrieländern. Das aber ist ganz offensichtlich nicht zu schaffen, wenn der Westen sich nicht grundsätzlich zu einem bescheideneren Lebensstil durchringt. Einen Lebensstil auf einem Wohlstandsniveau, das das Klima selbst dann noch verträgt, wenn es irgendwann die ganze Menschheit erreicht hat.

Das aber geht nur, wenn wir uns nicht nur von der Kohle, sondern auch von einem Teil der herrschenden marktwirtschaftlichen Philosophie verabschieden. Die Lebensgrundlagen der Menschheit wie Boden, Luft und Wasser, Umwelt und letztlich das Klima dürfen nicht einfach zur freien Verfügung stehen, damit die, die die Möglichkeit haben, daraus Kapital schlagen. Die Ausbeutung dieser Ressourcen kann nicht vernünftig über einen marktwirtschaftlichen Wettbewerb vor sich gehen, wenn nicht streng reguliert wird. Es muss hier so kontrolliert werden, dass echte Nachhaltigkeit gewährleistet ist.

Das steht auch der Freiheit entgegen, alles kaufen und verkaufen zu können, was Menschen sich wünschen oder zu brauchen glauben. Diese Philosophie war nicht nur immer schon verantwortungslos und unsozial - sie ist angesichts der Klimaerhitzung am Ende. Mit anderen Worten: Manche Menschen können sich einen SUV leisten. Aber die Menschheit kann es sich nicht mehr leisten, solche Verschwendung von Ressourcen einfach zuzulassen.

Unsere Freiheit hört dort auf, wo sie auf Kosten der Lebensgrundlagen anderer geht

Es gibt auch kein Recht auf diese Freiheit des Verbrauchs. Denn die Freiheit des einen hört nicht nur dort auf, wo die Freiheit des anderen anfängt. Sie hört dort auf, wo sie auf Kosten der Lebensgrundlagen anderer geht. Und die anderen sind hier die Menschen in den Entwicklungsländern und die kommenden Generationen.

Auf manches lässt sich einfach verzichten, ohne dass das Wohlbefinden allzu sehr beeinträchtigt wird: Auf den Luxus von alljährlichen Flugreisen zum Beispiel, auf den Computer und TV-Bildschirm schon in jedem Kleinkinderzimmer, auf den Wäschetrockner im Sommer, auf das neueste Smartphone, wenn das ältere es noch tut, auf den übermäßigen Fleischkonsum, oder eine Raumtemperatur von 25 Grad, wenn ein Sweatshirt ausreicht, um sich wohl zu fühlen.

Zu vielen schädlichen Verhaltensweisen werden schon lange Alternativen diskutiert. Man denke nur an die Beiträge des deutschen Zukunftsforschers Frederic Vester und des britischen Ökonoms E. F. Schumacher (Small is Beautiful) zum Verkehr und zur Produktionsweise seit den 70er Jahren. Erinnert sich jemand noch an sie? Etwa an die Idee von kleinen produktiven Einheiten in einem globalen Ordnungssystem, statt der Massenproduktion durch immer größere globale Konzerne?

Bislang hat die Entscheidungsfreiheit der Menschen und die Freiheit des Marktes leider Priorität. Sonst könnte Mobilität zum Beispiel schon lange weitgehend über die Bahn und über den Öffentlichen Nahverkehr gewährleistet sein. Eine Koalition aus Autofahrern und Autoherstellern hat das verhindert. "Wir müssen", sagte jüngst etwa Ernst Ulrich von Weizsäcker bei der Vorstellung des neuen Berichts des Club of Rome im BR, "die Arroganz des Kapitals wieder in die Schranken weisen und das heißt Regulierung auf internationaler und nationaler Ebene".

Nach den verschwendeten Jahrzehnten voller Augenwischerei und Gewöhnung ist die Zeit für kleine Schritte vorbei. Was angesichts der gegenwärtigen Lage notwendig ist, sind revolutionäre Veränderungen in der Wirtschaftspolitik, im Verkehr, in der Landwirtschaft. Während aber alle Welt zwar von der digitalen Revolution spricht, fehlt die Koalition der Vernunft, die bereit ist, die wirklich große Aufgabe anzugehen und Nachhaltigkeit zu gewährleisten.

Es sieht nicht danach aus, dass unter den einflussreichen Politikerinnen und Politikern der Gegenwart jemand den Mut hat, auch nur einzuräumen, dass eine solche friedliche Revolution notwendig ist. Geschweige denn, dass sich jemand traut, sie zu fordern.

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