Süddeutsche Zeitung

Klimaerhitzung:Die Zeit der kleinen Schritte ist vorbei

Manche Menschen können sich einen SUV leisten. Aber die Menschheit kann es sich nicht mehr leisten, Ressourcen so zu verschwenden. Wir müssen unseren Lebensstil ändern.

Kommentar von Markus C. Schulte von Drach

1989 kürte das Time Magazine, wie jedes Jahr, eine "Person des Jahres". Doch diesmal fiel die Auswahl ungewöhnlich aus: "Planet of the Year: Endangered Earth" titelte das Blatt. Auf dem Cover ruhte an einem Strand ein Globus im Abendrot, vom Verpackungskünstler Christo in Klarsichtfolie gehüllt und mit Stricken gefesselt.

"What on EARTH Are We Doing?" fragte damals der US-Journalist Thomas A. Sancton in der Titelgeschichte, und kam zu dem Schluss: "Während der Mensch in das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eintritt, findet er sich an einem entscheidenden Wendepunkt: Was jene tun, die jetzt leben, wird über die Zukunft entscheiden, und vielleicht sogar über das Überleben der Gattung Mensch".

Es klingt pathetisch, was Sancton damals schrieb. Aber seine Forderungen waren und sind richtig: "Wir müssen mehr recyceln, weniger produzieren, Lichter ausschalten, den Nahverkehr nutzen, in unserem Alltag tausend Dinge anders machen. Das schulden wir nicht nur uns selbst und unseren Kindern, sondern auch den ungeborenen Generationen, die eines Tages die Erde erben werden."

Im Jahr darauf titelte das Magazin natur: "1990 - 2000: Unsere Zukunft - Das Jahrzehnt der Entscheidung". Dieses Jahrzehnt ist schon eine Weile her.

Wissenschaftler haben seit damals immer lauter und zunehmend verzweifelter auf die drohenden Folgen der Umweltzerstörung und des Klimawandels hingewiesen, die inzwischen auch zu spüren sind: Wetterextreme wie Stürme und Dürren nehmen zu, die Eispanzer im Süden und Norden schmelzen, der Meeresspiegel steigt - das alles ist seit Jahren bekannt. Die jüngsten Schreckensmeldungen: In Deutschland sind über die vergangenen Jahre 76 Prozent der Insekten verschwunden. Allein 2015 starben neun Millionen Menschen weltweit durch Umweltverschmutzung.

Jetzt muss es schnell gehen

2016 ist die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre so schnell angestiegen wie nie zuvor. Es müsse rasch etwas getan werden, fordert der Chef der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) in Genf, Petteri Taalas.

Es muss also nun schnell gehen, nachdem die Menschheit viel Zeit hatte, um etwas zu tun. Denn statt angemessene Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen, halten Politiker engagierte Reden, geben auf den alljährlichen UN-Klimakonferenzen große Versprechen - um dann doch nur ineffektive Verträge wie das Kyoto-Protokoll zu beschließen und unzureichende, unverbindliche Zusagen zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen zu geben.

Die Politik hat den Eindruck vermittelt - und wird das auch auf der gegenwärtig in Bonn stattfindenden UN-Klimakonferenz wieder tun - , dass sich die Klimaerwärmung aufhalten ließe, ohne dass wir unseren Lebensstil und unsere Produktionsweise ändern.

Schließlich sind weltweit die CO₂-Emissionen seit einigen Jahren kaum noch gestiegen. Wir blasen also nicht immer noch mehr Treibhausgase in die Atmosphäre, sondern nur weiterhin genauso viel. Das soll ein Durchbruch sein. (Update: Einer Studie des Tyndall Centre for Climate Change Research an der britischen University of East Anglia zufolge steigen die Emissionen nun wieder.)

Tatsächlich ist es inzwischen so weit, dass sich ein Kollege, geboren 1977, traurig bei den kommenden Generationen für den Lebensstil entschuldigt, mit dem wir den Planeten unwiderruflich schädigen.

Dabei beherzigen Teile der Bevölkerung weltweit, was 1989 im Time Magazin gefordert wurde. Auch in Deutschland. Aber ohne großen Erfolg.

Denn: In Deutschland fahren immer mehr und immer mehr große Autos, so dass trotz besserer Motoren die Treibhausgasemissionen im Verkehr nicht zurückgehen.

Es werden zwar stromsparende Geräte gekauft und der Strom zu etwa 30 Prozent mit erneuerbaren Energien produziert (Anteil an der Bruttostromerzeugung). Aber die Menschen benutzen auch immer mehr Geräte und lassen sie im Stand-by-Modus glimmen. Der Stromverbrauch ist in Deutschlands Haushalten kaum gesunken - und der Stromverbrauch insgesamt stagniert.

Es wird recycelt. Doch seit einigen Jahren nimmt der "haushaltstypische Siedlungsabfall" wieder kontinuierlich zu. Pro Kopf ist die Menge seit 1999 von etwa 440 Kilogramm auf fast 560 Kilogramm gestiegen. Und auch wenn die Recyclingquote gewachsen ist, bleibt eine Menge Abfall übrig, der vor allem verbrannt wird.

Fair-Trade-Kaffee wird aus Coffee-to-Go-Bechern getrunken, Bioprodukte in Unmengen von Plastik verpackt. Viele wollen Öko-Strom, aber keine Windkraftwerke oder Stromtrassen vor der Haustür. Dafür bekommen Zwölfjährige ein neues Smartphone, wenn sie gute Noten haben. Flugreisen sind eine Selbstverständlichkeit - ob innerhalb Deutschlands oder in die Ferne.

Deutschland trägt also trotz aller Klimaschutzmaßnahmen noch immer kräftig dazu bei, dass die Menge an Kohlendioxid und anderen gefährlichen Gasen in der Atmosphäre wächst und wächst und wächst. So sind die jährlichen CO₂-Emissionen seit acht Jahren nicht mehr nennenswert gesunken, wie der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) in seiner jüngsten Stellungnahme schreibt.

Deutschland hat bei weitem nicht genug reduziert

Dabei müsste Deutschland bis 2036 die Null-Emission erreichen, wenn es seinen angemessenen Teil dazu beitragen wollte, dass das in Paris beschlossene "Zwei-Grad-Ziel" erreicht wird, rechnet der Klimaexperte Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgeforschung vor.

Denn Deutschland hat pro Kopf bereits ungeheuer viel Kohlendioxid in den Himmel geblasen. Das Gleiche gilt für alle Industrieländer. Den Gedanken, dass jeder Mensch weltweit das Recht auf die gleiche Menge Treibhausgasemissionen hat, hat selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits 2007 klar formuliert. Inder und Chinesen liegen bei den Pro-Kopf-Emissionen aber klar unter den Werten im Westen.

Die Weltgemeinschaft muss sich auf ein Pro-Kopf-Budget für Emissionen einigen, welches für alle gilt, das allen Wohlstand auf dem gleichen Niveau ermöglicht und das Klima nicht zerstört. Und angesichts der Verschmutzung der Atmosphäre, die der Westen seit Jahrzehnten verursacht, ist die Bringschuld dort deutlich höher als in den Entwicklungsländern oder in Indien und China.

Der Ressourcen- und Energieverbrauch muss also massiv gesenkt werden, und zwar gerade in den Industrieländern. Das aber ist ganz offensichtlich nicht zu schaffen, wenn der Westen sich nicht grundsätzlich zu einem bescheideneren Lebensstil durchringt. Einen Lebensstil auf einem Wohlstandsniveau, das das Klima selbst dann noch verträgt, wenn es irgendwann die ganze Menschheit erreicht hat.

Das aber geht nur, wenn wir uns nicht nur von der Kohle, sondern auch von einem Teil der herrschenden marktwirtschaftlichen Philosophie verabschieden. Die Lebensgrundlagen der Menschheit wie Boden, Luft und Wasser, Umwelt und letztlich das Klima dürfen nicht einfach zur freien Verfügung stehen, damit die, die die Möglichkeit haben, daraus Kapital schlagen. Die Ausbeutung dieser Ressourcen kann nicht vernünftig über einen marktwirtschaftlichen Wettbewerb vor sich gehen, wenn nicht streng reguliert wird. Es muss hier so kontrolliert werden, dass echte Nachhaltigkeit gewährleistet ist.

Das steht auch der Freiheit entgegen, alles kaufen und verkaufen zu können, was Menschen sich wünschen oder zu brauchen glauben. Diese Philosophie war nicht nur immer schon verantwortungslos und unsozial - sie ist angesichts der Klimaerhitzung am Ende. Mit anderen Worten: Manche Menschen können sich einen SUV leisten. Aber die Menschheit kann es sich nicht mehr leisten, solche Verschwendung von Ressourcen einfach zuzulassen.

Unsere Freiheit hört dort auf, wo sie auf Kosten der Lebensgrundlagen anderer geht

Es gibt auch kein Recht auf diese Freiheit des Verbrauchs. Denn die Freiheit des einen hört nicht nur dort auf, wo die Freiheit des anderen anfängt. Sie hört dort auf, wo sie auf Kosten der Lebensgrundlagen anderer geht. Und die anderen sind hier die Menschen in den Entwicklungsländern und die kommenden Generationen.

Auf manches lässt sich einfach verzichten, ohne dass das Wohlbefinden allzu sehr beeinträchtigt wird: Auf den Luxus von alljährlichen Flugreisen zum Beispiel, auf den Computer und TV-Bildschirm schon in jedem Kleinkinderzimmer, auf den Wäschetrockner im Sommer, auf das neueste Smartphone, wenn das ältere es noch tut, auf den übermäßigen Fleischkonsum, oder eine Raumtemperatur von 25 Grad, wenn ein Sweatshirt ausreicht, um sich wohl zu fühlen.

Zu vielen schädlichen Verhaltensweisen werden schon lange Alternativen diskutiert. Man denke nur an die Beiträge des deutschen Zukunftsforschers Frederic Vester und des britischen Ökonoms E. F. Schumacher (Small is Beautiful) zum Verkehr und zur Produktionsweise seit den 70er Jahren. Erinnert sich jemand noch an sie? Etwa an die Idee von kleinen produktiven Einheiten in einem globalen Ordnungssystem, statt der Massenproduktion durch immer größere globale Konzerne?

Bislang hat die Entscheidungsfreiheit der Menschen und die Freiheit des Marktes leider Priorität. Sonst könnte Mobilität zum Beispiel schon lange weitgehend über die Bahn und über den Öffentlichen Nahverkehr gewährleistet sein. Eine Koalition aus Autofahrern und Autoherstellern hat das verhindert. "Wir müssen", sagte jüngst etwa Ernst Ulrich von Weizsäcker bei der Vorstellung des neuen Berichts des Club of Rome im BR, "die Arroganz des Kapitals wieder in die Schranken weisen und das heißt Regulierung auf internationaler und nationaler Ebene".

Nach den verschwendeten Jahrzehnten voller Augenwischerei und Gewöhnung ist die Zeit für kleine Schritte vorbei. Was angesichts der gegenwärtigen Lage notwendig ist, sind revolutionäre Veränderungen in der Wirtschaftspolitik, im Verkehr, in der Landwirtschaft. Während aber alle Welt zwar von der digitalen Revolution spricht, fehlt die Koalition der Vernunft, die bereit ist, die wirklich große Aufgabe anzugehen und Nachhaltigkeit zu gewährleisten.

Es sieht nicht danach aus, dass unter den einflussreichen Politikerinnen und Politikern der Gegenwart jemand den Mut hat, auch nur einzuräumen, dass eine solche friedliche Revolution notwendig ist. Geschweige denn, dass sich jemand traut, sie zu fordern.

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