Klimaschutz:"Kurzfristig werden wir steigende Emissionen sehen"

Lesezeit: 2 min

Hohe Strompreise, knappes Gas: Vermehrt kommen auch in Deutschland Kohlekraftwerke zum Einsatz. Wie die deutsche Klimabilanz durch den Krieg in der Ukraine zusätzlich belastet wird.

Von Michael Bauchmüller

Die große Abrechnung ist für das Frühjahr 2024 vorgesehen. Dann soll das Bundeswirtschaftsministerium prüfen, "ob und wie viele zusätzliche Treibhausgasemissionen im Rahmen der Gesetzesanwendung ausgestoßen wurden". So will es jenes Gesetz, das den Ersatz von Gaskraftwerken etwa durch Kohleanlagen erleichtern soll - jenen Kohlekraftwerken, die eigentlich schon 2030, spätestens aber 2038 das Zeitliche segnen sollten. Dem Klima zuliebe.

Stattdessen soll nun etwa das niedersächsische Steinkohlekraftwerk Mehrum wieder ans Netz gehen, das eigentlich zur Stilllegung vorgesehen war. Diese Entscheidung ist für den Betreiber, den tschechischen Energiekonzern EPH, durchaus lukrativ. Denn nicht nur die Gaspreise sind durch die Decke gegangen, sondern auch die für Strom: Sie liegen an vielen Tagen um das Drei- bis Vierfache über den Preisen von vor einem Jahr. Kraftwerke zu betreiben, lohnt sich gerade richtig. "Man kann davon ausgehen, dass alles, was Strom produzieren kann, am Markt ist", sagt Simon Müller, Deutschland-Direktor des Berliner Thinktanks Agora Energiewende. Zwar wolle nicht jeder, der ein Kraftwerk stillgelegt habe, es nun wieder zurück ans Netz bringen. Wer aber eines in Betrieb hat, der lastet es voll aus - und sei es, um Strom zu exportieren. Etwa nach Frankreich, wo derzeit einige Atomkraftwerke schwächeln.

Das geht an der deutschen Klimabilanz nicht spurlos vorbei. Nach Schätzungen von Agora Energiewende dürften die klimaschädlichen Emissionen hierzulande alleine im ersten Halbjahr um zehn Millionen Tonnen gestiegen sein. "Wir gehen davon aus, dass wir über das ganze Jahr gesehen bei 20 bis 30 Millionen Tonnen zusätzlichen Emissionen landen", sagt Müller. Und das in einem Jahr, in dem Sonne und Wind deutlich mehr Energie beisteuern als 2021. Da lag der Ausstoß von Treibhausgasen in Deutschland laut Bundesumweltamt bei insgesamt gut 760 Millionen Tonnen. "Kurzfristig werden wir steigende Emissionen sehen", sagt der Energieexperte. Dabei verlangen alle deutschen Klimaschutzgesetze das glatte Gegenteil. Aber einen Krieg kannten die Gesetze nicht.

Der Kohle-Effekt wird nur teilweise durch Einsparungen kompensiert

Der Kohle-Effekt wird nur teilweise durch Einsparungen an anderer Stelle kompensiert. So ließe sich der Erdgas-Verbrauch um sechs Prozent senken, würden alle Haushalte die Raumwärme um ein Grad senken. Schon durch die hohen Gaspreise hätten sie dazu Anreiz. Ob sie es aber in der Breite tun, ist ungewiss. Auch dürften die hohen Spritpreise zumindest die Emissionen im Verkehr dämpfen. Allerdings kaum so, wie nun der zusätzliche Kohlestrom ins Gewicht fällt. Und während viele Industrieunternehmen nach Möglichkeiten suchen, den Gasverbrauch in der Produktion zu senken, stellen andere die Brennstoffe um. Statt mit Gas erzeugen sie industrielle Hitze mit Öl oder Kohle. Die verbrennen allerdings deutlich klimaschädlicher.

Das dicke Ende allerdings könnte auf anderem Wege kommen. Denn die hohen Gas- und Ölpreise lassen Investitionen in neue Bohrfelder, in Pipelines oder Flüssigerdgas-Terminals immer attraktiver werden. Einen wahren "Goldrausch" etwa machte kürzlich die Analyse-Plattform Climate Action Tracker aus, die weltweit die Klimapolitik verfolgt. "Wenn sich alle diese Pläne materialisieren", so hielt sie in einer Studie fest, "dann enden sie entweder in massiven unnützen Investitionen - oder sie verdammen die Welt zu einer unumkehrbaren Erwärmung."

Zur SZ-Startseite

Debatte um Laufzeitverlängerung für AKW
:Grüne unter Strom

Die Tür zu einer Verschiebung des Atomausstiegs öffnet sich, auch wenn Wirtschaftsminister Habeck und andere Grüne noch so sehr dagegen drücken. Jetzt schaltet sich Ex-Umweltminister Trittin in die Debatte ein.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB