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Kinderbetreuung:"Geschmäckle eines wahlpolitischen Geschenks"

Für das Diakonische Werk, einen anderen Träger, sagt Sprecher Sven Quittkat: "Man muss wissen, dass man durch die Gebührenfreiheit nicht investiert hat in Qualitätssicherung, in Sprachfördermaßnahmen, Integrationsmaßnahmen, in Fortbildungen und Vorbereitungszeiten für die Erzieherinnen." Und AWO-Mann Bitterberg findet: "So wie die Beitragsfreiheit umgesetzt wurde, hat sie das Geschmäckle eines wahlpolitischen Geschenks."

Noch weiter als Niedersachsen geht Berlin. Als erstes Bundesland schafft die rot-rot-grün regierte Hauptstadt die Gebühren für Kitas komplett ab - also auch für Kinder unter einem Jahr. Es ist der letzte Schritt eines auch hier umstrittenen Stufenprogramms. 2007 hatte der Berliner Senat damit begonnen. Das Land sei damit "Vorreiter für mehr Chancengleichheit", verkündet der Regierende Bürgermeister Michael Müller. "Ich freue mich, wenn andere Länder nachziehen."

Doch in Berlin ist wenig Begeisterung zu spüren. Kritiker monieren auch hier, dass die Entlastung nett sein mag, aber an den Problemen vorbeigehe. Gemeint ist auch die Frage der Qualität - wobei der Senat zum August auch den Betreuungsschlüssel für die Kitas gesenkt hat. Derzeit aber wünschten viele Eltern, sie könnten überhaupt einen Kita-Platz in der Metropole finden. Im Frühjahr gründete sich wegen des großen Mangels eine landesweite Elterninitiative gegen die "Kita-Krise". Tausende Eltern demonstrierten für mehr Betreuungsplätze - manche beklagten, dass sie wegen des fehlenden Kita-Platzes ihren Job nicht antreten könnten. Sie würden im Zweifel gern Gebühren zahlen, hieß es.

In der Hauptstadt fehlten im Frühjahr Schätzungen zufolge rund 3000 Plätze. Aktuell dürfte sich die Lage nach Einschätzung der Bildungsverwaltung zunächst etwas entspannen - weil 30 000 Schulanfänger die Kitas verlassen. Aber es sei klar, dass Berlin mehr Kita-Plätze brauche, heißt es auch aus der von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) geführten Behörde. Es gibt ein ehrgeiziges Ausbauprogramm, seit 2013 wurden jährlich rund tausend Erzieher zusätzlich eingestellt.

Doch das reicht nicht. Die Elterninitiative zur "Kita-Krise" fordert bessere Arbeitsbedingungen und höhere Gehälter für Erzieher. Scheeres unterstützt das - aus eigenem Interesse. Für den Ausbau braucht Berlin bis Ende 2020 rund 5000 zusätzliche Erzieher.

© SZ vom 01.08.2018/jael
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Kinderbetreuung

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