Kinderbetreuung "Ich würde lieber Gebühren zahlen, wenn dafür jedes Kind einen Platz bekommt"

Eines der Kernprobleme in der Kinderbetreuung bleibt: Erzieher verdienen zu wenig Geld.

(Foto: imago/photothek)

Berlin schafft die Kitagebühren komplett ab. Warum viele Eltern trotzdem keinen Grund zum Feiern sehen, erklärt Ann-Mirja Böhm von der Initiative "Kitakrise Berlin".

Interview von Hannah Beitzer

"Kitakrise Berlin" heißt eine Initiative wütender Berliner Eltern, die an der Suche nach einem Platz in einer Kindertagesstätte für ihre Söhne und Töchter fast verzweifeln. In Berlin fehlen Schätzungen zufolge 3000 Kitaplätze, in ganz Deutschland sollen es 300 000 sein. Im Mai organisierte "Kitakrise Berlin" eine Demo gegen den Mangel an Betreuungsplätzen in der Hauptstadt. Die Eltern haben viele Vorstellungen davon, was sich in der Kinderbetreuung ändern muss. Was sie dazu sagen, dass Berlin nun als erstes Bundesland die Kitagebühren komplett abgeschafft hat, erklärt Mit-Initiatorin Ann-Mirja Böhm.

SZ: Berlin schafft als erstes Bundesland die Kitagebühren komplett ab - knallen bei den Berliner Eltern jetzt die Sektkorken?

Ann-Mirja Böhm: Natürlich ist es toll, dass wir als Eltern jetzt nicht mehr für den Kitaplatz bezahlen müssten. Aber es ändert nichts an unserem größten Problem. Nämlich, dass es zu wenige Kitaplätze gibt. Viele Eltern sagen: Ich würde lieber Gebühren zahlen, wenn dafür jedes Kind an seinem ersten Geburtstag tatsächlich einen Platz bekommt. Das ist leider nicht der Fall, wie viele von uns in den vergangenen Monaten erleben mussten. Ich kenne Eltern, die nicht wie geplant wieder in den Beruf einsteigen konnten, Familien, in denen dann plötzlich ein Gehalt fehlt, weil die Mutter mit dem Kind zuhause bleiben muss. Da geht es für viele um die Existenz. Im Vergleich dazu sind die 200 bis 300 Euro, die eine Familie der höchsten Einkommensstufe bisher in Berlin für einen Ganztagesplatz gezahlt hat, zu verschmerzen. Und wer weniger verdient, hat bisher auch weniger gezahlt.

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Es gibt in Deutschland seit 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ab dem ersten Geburtstag des Kindes. Warum klagen die Eltern den nicht ein? Oder klagen wenigstens auf Verdienstausfall, wenn sie länger zuhause bleiben müssen als gewünscht?

Einige Eltern machen das. Aber eine Klage kostet Geld, ein Anwalt ist teuer. Viele Eltern können sich das nicht leisten, gerade in einer Zeit, in der ein Gehalt fehlt. Ich kenne auch Leute, die ohne Anwalt im Eilverfahren einen Kitaplatz erstritten haben, aber das fordert viel Zeit und Wissen. Wenn Sie ein zehn Monate altes Baby zuhause haben, dann machen Sie das nicht einfach mal nebenher. Dazu muss man sich als Mutter oder Vater immer klar machen, dass jede Klage schlimmstenfalls zu einer Überbelegung führen kann. Also: Dass mehr Kinder in eine Gruppe gehen, als eigentlich erlaubt. Das will auch nicht jeder verantworten.

Sie haben sich Anfang des Jahres mit anderen Eltern zusammengetan, weil Sie allesamt keinen Platz für Ihre Kinder fanden. Wie ist Ihre Situation jetzt?

Die meisten aus unserer Gruppe haben inzwischen einen Platz. Das heißt aber nicht, dass alles gut ist. Ich musste zum Beispiel mein Kind einige Monate durch die halbe Stadt zu einer Tagesmutter fahren. Jetzt habe ich für mein Kind bald Gott sei Dank einen Platz in einer Kita in der Nähe.

Das größte Problem ist jedoch: Wenn Sie 70 oder 80 Kitas anschreiben, überall betteln müssen, überhaupt auf die Warteliste zu kommen, dann nehmen Sie irgendwann alles, was Ihnen angeboten wird. Ob Ihnen die Kita gefällt, ob Sie zu Ihnen und Ihrem Kind passt, ob Sie sich mit den Erzieherinnen verstehen, ob das jetzt Montessori oder eine katholische Kita ist - all das spielt keine Rolle mehr. Das ist natürlich kein schönes Gefühl. Viele Eltern erzählen mir auch, dass in ihren Kitas zu wenige Erzieher zu viele Kinder betreuen. Sie müssten das eigentlich melden, weil ja ein festgesetzter Betreuungsschlüssel gilt. Aber niemand will das, aus Angst, den Platz zu verlieren. Und ich bin mir sicher, dass für den nächsten Jahrgang Eltern Anfang nächsten Jahres das Drama wieder von vorne losgeht.

Nach Ihrer Demo im Mai trafen Sie sich mit der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres zu einem Krisengipfel - was ist dabei herausgekommen?

Wir sind sehr froh, dass wir die Politik mit unserem Protest so aufrütteln konnten. Und einige positive Nachrichten gab es. Zum Beispiel, dass Berlin tatsächlich die Erzieherinnen und Erzieher besser bezahlen möchte. Die Frage ist nur, ob die Erhöhungen, die bald verhandelt werden, ausreichen. Auch das zentrale Registrierungssystem für Kitaplätze, das der Senat plant, ist eine gute Idee. Wenn alle Seiten es richtig nutzen, kann es eine große Hilfe bei der Suche sein. Die Suche ist für viele Eltern sehr belastend. Der größte Erfolg aber ist, dass Frau Scheeres sich jetzt nicht mehr hinstellen kann und sagen: Es gibt keine Krise. Denn wir sind der Beweis, dass es sie gibt.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit es für alle Kinder Plätze gibt?

Wenn wir in den Kitas fragen, warum es überall zu wenige Plätze gibt, dann ist die Antwort immer: Weil wir nicht genügend Erzieherinnen haben. In Berlin verdienen Erzieherinnen und Erzieher 300 Euro weniger als in Brandenburg - da fahren natürlich viele lieber raus aus der Stadt. Es wäre daher ein erster Schritt, die Berliner Gehälter anzugleichen. Aber selbst das reicht unserer Meinung nach nicht aus. In ganz Deutschland fehlen Schätzungen zufolge bis 2025 etwa 300 000 Erzieherinnen und Erzieher. Sie müssten also überall mehr verdienen, damit mehr Menschen diesen Beruf ergreifen. Auch die Personalschlüssel in den Kitas müssten verbessert werden, damit die Erzieherinnen nicht mehr so überlastet sind.

Also lieber noch eine Weile Gebühren zahlen - und dafür das Gehalt der Erzieher anheben?

Es wäre natürlich toll, wenn die 200 oder 300 Euro Gebühren, die wir bisher gezahlt haben, direkt an die Erzieherinnen weitergegeben werden könnten. Aber uns ist natürlich auch klar, dass das so nicht funktionieren würde. Welche Gelder wo und wie im Bildungssystem fließen, ist ein komplizierter Prozess. So, wie Bildungspolitik insgesamt sehr kompliziert ist. Es wäre vermessen, wenn wir sagen würden: Wir haben hier mal eben die Lösung. Das ist auch nicht unsere Aufgabe als Eltern. Wir können nur auf unsere Situation hinweisen und die Missstände aus unserer Sicht aufzeigen. Damit werden wir auch nicht aufhören.

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