Kita-Mangel Aufstand der Excel-Mütter

Der lange Weg zum Kitaplatz: Bewerbungen schreiben, zum Vorstellungsgespräch dackeln, einen Kuchen vorbeibringen - Absage kassieren.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)
  • In Berlin fehlen in diesem Jahr 3000 Kitaplätze; das liegt vor allem daran, dass es an Erzieherinnen und Erziehern mangelt.
  • Mehrere Familien haben schon Klage eingereicht, um ihren Rechtsanspruch auf einen Platz durchzusetzen.
  • Am 26. Mai ist eine Großdemo in Berlin geplant.
Von Hannah Beitzer

Entspannt sitzt sie im Café, trinkt Latte macchiato, das Kind schlummert im Oberklassekinderwagen, warm eingekuschelt in Naturtextilien. Das ist das Klischee über die Berliner Mittelschichtsmutter. Und das ist die Realität:

In Excel-Tabellen tragen Hunderte Mütter in Berlin die Kitas in ihrer Umgebung ein, in denen sie schon nach einem Platz für ihr Kind gefragt haben. Sie notieren Wartelisten-Plätze, Termine für Informationsveranstaltungen und ob die Kita lieber per Mail, telefonisch oder persönlich kontaktiert werden will. Am häufigsten aber notieren sie: Absage.

Im Frühjahr gab das Berliner Gericht einer Familie recht

3000 Kitaplätze etwa fehlen in Berlin in diesem Jahr. Das liegt vor allem daran, dass es an Erzieherinnen und Erziehern mangelt. Mehrere Familien haben schon Klage eingereicht, um ihren Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz durchzusetzen. Das Berliner Oberverwaltungsgericht gab im Frühjahr in einem ersten Fall einer Familie recht: Die zuständige Behörde - in Berlin sind das die Bezirke, in denen die Familien wohnen - muss innerhalb von fünf Wochen einen Kitaplatz in angemessener Entfernung bereitstellen.

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Nicht nur in Berlin haben die Bezirke damit Probleme. Einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln zufolge fehlten in ganz Deutschland 2016 etwa 300 000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren. Berlin, wo sich die Situation gerade so zuspitzt, lag in der Studie mit einer Lücke von 11,9 Prozent noch im Mittelfeld. In fast allen westdeutschen Bundesländern ist die Lücke größer, am größten ist sie mit 20 Prozent in Bremen.

Zum Symbol der Kitakrise in Deutschland wurde im vergangenen Jahr ein von oben aufgenommenes Foto einer Kitabesichtigung in Leipzig, zu der Hunderte Eltern bis auf die Straße Schlange standen. In Leipzig haben sich schon 2012 Eltern zur "Kitainitiative Leipzig" zusammengetan. Sie haben im vergangenen Jahr nicht zum ersten Mal gegen den Mangel an Kitaplätzen in ihrer Stadt demonstriert. Und auch in Berlin haben sich die enttäuschten Eltern jetzt zusammengetan. Online tauschen sie sich über Kita-Klagen aus. Am 26. Mai ist eine Großdemo geplant.

Katja Cattien ist eine der Berliner Excel-Mütter. Die 40-jährige Diätassistentin hat einen neun Monate alten Sohn. Sie hat sich bereits bei 30 Kindertagesstätten in ihrem Stadtteil beworben - und von allen eine Absage bekommen. "Ich bin nur ein einziges Mal überhaupt bis zum Vorstellungsgespräch gekommen", sagt Katja Cattien in einem Café im Stadtteil Friedrichshain, ihr Sohn Linus schläft auf der Bank am Fenster. Cattien will jetzt ihren Kitaplatz einklagen.

Betroffen sind Mütter, die der Staat eigentlich fördern will

Neben ihr steht Elise Hanrahan und schaukelt ihre elf Monate alte Tochter Martha im Tragetuch. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, wollte eigentlich spätestens wieder anfangen zu arbeiten, wenn ihre Tochter ein Jahr alt ist. Auch Elise Hanrahan musste ihren Chef um eine Verlängerung der Elternzeit bitten. Und auch sie dachte sich: Das kann ja wohl nicht sein.

Eigentlich sind Katja Cattien und Elise Hanrahan genau die Sorte Mütter, die die Politik mit dem Elterngeld und dem Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz zu mehr Kindern animieren wollte: gut ausgebildete, selbstbewusste Frauen, die ihren Beruf mögen, vielleicht auch Karriere machen möchten, erfüllt vom Wunsch, eine gleichberechtigte Beziehung zu führen. Soweit der Plan, auch wenn der gerade sehr gefährdet ist. Aber Katja Cattien und Elise Hanrahan geben nicht auf.

Cattien zum Beispiel war sich immer sicher, nach einem Jahr Elternzeit wieder arbeiten zu wollen. In der Charité wird gerade ein neues Ernährungsteam aufgebaut, sie hat fest damit gerechnet, dabei zu sein. "Und jetzt habe ich Angst, dass ich eine der Frauen werden könnte, die wegen der Kinder weniger arbeiten und am Schluss in Altersarmut abrutschen." Ganz davon abgesehen, dass es auch in der Gegenwart finanziell eng wird für ihre Familie, wenn das Elterngeld nach einem Jahr ausläuft. Auch in Berlin sind die Zeiten längst vorbei, in denen man mit nur einem Gehalt problemlos über die Runden kommt.