Kanzlerin Merkel in Afrika:Am Hofe der Ölriesen

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Die Reise der Kanzlerin nach Nigeria, Angola und Kenia offenbart die großen Widersprüche der deutschen Politik in Afrika. Im Niger-Delta tobt ein schmutziger Krieg um das Öl, im Ölstaat Angola herrscht Korruption. Doch der Rohstoff ist existentiell für die Wirtschaft. Die Bedeutung Afrikas als Öllieferant wird für Deutschland deshalb weiter wachsen.

Arne Perras

Wer einen so großen und komplizierten Kontinent wie Afrika bereist und sich dafür vier Tage Zeit nimmt, muss eine schwierige Auswahl treffen. Drei Länder besucht die Kanzlerin in dieser Woche: Kenia, Angola und Nigeria. Zwei davon gehören zu den Ölriesen Afrikas.

Kanzlerin Merkel in Kenia

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird in Kenia von Staatspräsident Mwai Kibaki empfangen. Am Abend will die Kanzlerin weiter nach Angola und Nigeria reisen - zwei Länder, die zunehmende Bedeutung als Öllieferanten gewinnen.

(Foto: dpa)

Im Besuch der Petro-Staaten ist einerseits ein ehrliches Signal erkennbar, weil der Rohstoff Öl so existentiell ist für die heimische Wirtschaft in Europa. Die Bedeutung Afrikas als Öllieferant wird weiter wachsen. Andererseits offenbart Angela Merkels Reise große Widersprüche, die nicht nur die deutsche Politik in Afrika, sondern die des Westens im Allgemeinen kennzeichnen. Denn Nigeria und Angola illustrieren beide auf ihre Weise, weshalb in Afrika so oft vom "Fluch der Ressourcen" die Rede ist.

Im Niger-Delta tobt ein schmutziger Krieg um das Öl, vom Segen des Rohstoffes für die Entwicklung ist leider nicht viel zu spüren. Zwar haben die Petro-Dollars die Regierenden Nigerias und deren Getreue reich gemacht. Aber verheerend ist nicht nur die Gewalt, die der Ölboom befördert hat. Viele andere Wirtschaftszweige wurden regelrecht erstickt, weil es bequemer ist, Öl-Milliarden zu verdienen, als in andere Sektoren langfristig zu investieren.

Hinzu kommt die Geißel der Korruption. Sie hat die politische Kultur im Land pervertiert. Sicherlich: Nigeria hat es geschafft, die Militärdiktatur abzustreifen, und kämpft nun darum, das junge Pflänzchen Demokratie am Leben zu erhalten. Das kann man als europäischer Staatsgast würdigen.

Aber vieles bleibt dennoch faul im Staate Nigeria. Das Ölgeschäft zeigt, wie Ressourcenschutz, Umweltschutz und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung gerade nicht funktionieren. Genau diese Ziele aber hat die Bundesregierung kürzlich in ihr neues Afrika-Konzept aufgenommen.

Das ist gut, aber man muss die Ziele dann auch tatsächlich befördern. Eine Reise nach Nigeria sendet unter diesem Blickwinkel ein verwirrendes Signal aus, zumindest dann, wenn Merkel es unterlassen sollte, die Missstände im Land zu benennen.

Auch in Angola haben die Menschen kaum vom Segen des Öls profitiert, aber Machthaber Eduardo dos Santos ist einer der reichsten Männer der Welt. Wäre zu spüren, dass die angolanischen Herrscher nach dem langen Bürgerkrieg einen Aufschwung für alle wenigstens anstreben, könnte die Masse der Menschen den Status quo besser ertragen. Entwicklung braucht Zeit.

Aber so korrupt, wie dieser Ölstaat nun mal ist, lässt wenig darauf schließen, dass der Machtapparat in Luanda den Wandel einleiten wird. Auch in Angola stößt die Kanzlerin also, trotz mancher Fortschritte, auf ein Land, das eher die Umkehrung deutscher Afrika-Ziele praktiziert.

Bei Merkels Reise fallen vor allem die großen Ungerechtigkeiten auf, die das globale Rohstoffgeschäft mit sich bringt - oder im schlimmsten Falle erst produziert: Die Reichtümer nützen wenigen, die Umweltschäden treffen viele. Je nach ideologischer Befindlichkeit kann man dafür entweder die multinationalen Konzerne für schuldig erklären oder afrikanische Kleptokraten, die sich um das Wohl ihrer Völker nicht kümmern.

Beide Interpretationen reichen nicht aus. Tatsächlich greifen politische Defizite in Afrika und das strategische Rohstoffinteresse in der reichen Welt unheilvoll ineinander. Gerade am Äquator ist zu beobachten, wie schwer sich Menschenrechte und wirtschaftliche Interessen vereinbaren lassen.

Niemand hat diesen Widerspruch bislang aufgelöst. Das Afrika-Konzept der Bundesregierung weist im Grunde den richtigen Weg: Dort ist die Rede vom Aufbau alternativer Energien und von Rohstoffpartnerschaften. In Angola und Nigeria aber herrschen ganz andere Verhältnisse. Die Glaubwürdigkeit der Deutschen wird bei den Menschen in Afrika wachsen, wenn Merkel das auch klar zur Sprache bringt.

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