Kampf um Konstantinopel:Am Ende seines Lebens saß der Kaiser verstört am Ufer und weinte bei der kleinsten Welle

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Die Eroberung der Kaiserstadt sollte den Triumphzug des Islam krönen, der um 630 begonnen hatte, und seinen zähesten und härtesten Gegner niederwerfen: das oströmische, byzantinische Reich.

Das griechisch geprägte Ostrom hatte das Ende des Westreiches 476 überstanden, es beherrschte den Balkan, Kleinasien, Palästina, Ägypten.

In der langen Regierungszeit des Kaisers Justinian (527 bis 565) eroberten seine Söldnerheere die westliche Mittelmeerwelt von den germanischen Herrschern der Völkerwanderungszeit, Vandalen und Goten, zurück.

Griechisches Feuer

Das „flüssige Feuer“ vernichtete 717/18 die arabische Flotte (Chronik des Skylitzes, 11. Jahrhundert).

(Foto: Gemeinfrei)

Mit seinen teuren, endlosen Kriegen hatte Justinian jedoch die Kräfte heillos überspannt. Nach seinem Tod brachen alle Dämme, eine slawische Völkerwanderung überrannte den Balkan, bis auf Nordafrika gingen die Eroberungen weitgehend verloren.

Der große Kaiser Herakleios wehrte in einem mörderischen siebenjährigen Krieg 622 bis 629 zwar einen Vernichtungsfeldzug der Perser ab, nie zuvor hatten Roms alte Widersacher eine solche Niederlage erlitten - in diesem Moment des Triumphes aber brach aus den Wüsten Arabiens der Sturm des Islam los.

Kampf um Konstantinopel: Rekonstruktion der beiden inneren Mauerringe durch deutsche Archäologen.

Rekonstruktion der beiden inneren Mauerringe durch deutsche Archäologen.

(Foto: Fritz Krischen)

Die arabischen Reiterheere, befeuert durch die neue Religion, stießen auf die erschöpfte, verheerte Welt der Spätantike. Sie fegten das Reich der persischen Sassaniden fort, schlugen 636 am Yarmuk den alten Kaiser Herakleios; im folgenden Jahr zog der Kalif Omar in Jerusalem ein.

Effektives System von Militärbezirken mit einer Art Wehrpflicht

Sie entrissen den Byzantinern die durch Krieg, Religionszwiste und Steuerdruck entfremdeten Provinzen Palästina, Syrien, Ägypten und gegen Ende des 7. Jahrhunderts noch das westliche Nordafrika. Die hellenistisch geprägte Welt des Nahen Ostens versank binnen weniger Jahre.

Für viele Unterworfene war der Islam durchaus attraktiv, wer sich ergab oder gar konvertierte, lebte oft unter weniger drückenden Verhältnissen als zuvor. Die Araber vernichteten bis 711 wie im Vorübergehen das Westgotenreich in Spanien.

"Im Westen wie im Osten stehen wir am Grab der alten Kulturen", schrieb der Historiker Ernst Kornemann über das Ende einer Welt. Nichts und niemand schien die Mohammedaner aufhalten zu können.

Außer dem Reich der Rum, wie die Araber sagten, dem schwer angeschlagenen, aber nicht besiegten Ostrom. Herakleios, von dem es heißt, er habe die letzten Monate vor seinem Tod 641 verstört am Ufer des Bosporus gesessen und sei bei den kleinsten Wellen in Tränen ausgebrochen, hatte die Araber nicht schlagen können, aber sein Restreich abwehrbereit gemacht.

Ein effektives System von Militärbezirken mit einer Art Wehrpflicht ersetzte die unzuverlässigen Söldnertruppen Justinians. Die Männer, die nun der neuen Weltmacht entgegentraten, kämpften um ihr Land und ihre Religion, das griechische Christentum.

Aber ihr Feind war von beängstigender Stärke. Aus den arabischen Stammeskriegern hatte der Religionsgründer Mohammed erstmals eine politisch und religiös einheitliche Bewegung geformt; aus ihr entstand das zunächst von Damaskus aus regierte Riesenreich des Kalifats der Umayyaden, vom Hindukusch bis an die Grenzen Südfrankreichs.

Und nun griff der Kalif Sulayman nach Konstantinopel. Maslama befahl immer neue Stürme auf die Landmauern, ließ sie durch riesige Katapulte beschießen, er verbrannte die Paläste der reichen Byzantiner entlang des Meeres.

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