Kampf gegen den IS:Was die Türkei in Syrien plant

Kampf gegen den IS: Eine Wende? Bisher hatte die türkische Regierung den Kurden den Kampf gegen den IS überlassen.

Eine Wende? Bisher hatte die türkische Regierung den Kurden den Kampf gegen den IS überlassen.

(Foto: Delil Souleiman/AFP)
  • Das Attentat von Suruç hat eine Wende in der türkischen Außen- und Sicherheitspolitik bewirkt.
  • Ankara hat den Kampf gegen den IS aufgenommen und will die islamistischen Mordkumpane aus dem syrischen Grenzland vertreiben.
  • Doch eine geplante Schutzzone wirkt gleichzeitig wie ein Keil zwischen den Kurdengebieten im Nachbarland. Wen also bekämpfen die Türken wirklich?

Von Mike Szymanski, Istanbul

Die Türkei hat den Gotteskriegern des Islamischen Staates (IS) den Krieg erklärt. Sie hat Kampfjets starten und Panzer rollen lassen. Sie errichtet an der Grenze zu Syrien neue Mauern und höhere Zäune. Drohnen und Zeppeline steigen auf. Eine "IS-freie" Zone soll entstehen. Die Verbündeten, allen voran die Amerikaner, wollen helfen. Ein großer Kampf beginnt.

Osman Sözen hätte sich gewünscht, dass er in Adıyaman startet, einer kleinen Stadt auf türkischem Boden, etwa 100 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Um genau zu sein: in einem kleinen Teehaus mit dem Namen "Islam", wenige Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Dann hätte man vielleicht auch gar kein Kriegsgerät gebraucht. Sözen, 50 Jahre alt, arbeitet in der südanatolischen Stadt mit 270 000 Einwohnern für eine Menschenrechtsorganisation. Dort melden sich verzweifelte Eltern, wenn ihre Söhne und Töchter in die Fänge des IS geraten sind und die Behörden nichts tun.

Die Stadt ist zu einer Keimzelle des Terrorismus geworden. 200 Männer und Frauen aus Adıyaman hätten sich den Fanatikern bereits angeschlossen, berichtet er. Wenn sie in diesem grausamen Krieg fallen, werden ihre Leichen still und heimlich in Adıyaman beerdigt. Unter ihnen war auch Şeyh Abdurraham Alagöz, ein 20-jähriger Student, über den der Vater sagt, er habe "keiner Ameise etwas zu Leide" tun können. Und dann riss sein Sohn nach Erkenntnissen der Polizei vor einer Woche 31 Männer und Frauen in der Grenzstadt Suruç mit einer Bombe in den Tod - der Bombe, die nun alles verändert hat.

Der Selbstmordattentäter und sein Bruder hatten den Teeladen zu einem inoffiziellen IS-Stützpunkt ausgebaut - ohne, dass sich die Behörden groß daran störten. Es dauerte Monate, bis sie den Treffpunkt schlossen, obwohl sich Nachbarn über die, wie es hieß, "merkwürdigen" Besucher beschwerten. Aber da waren die Brüder längst in den Krieg gezogen und von ihren Eltern als vermisst gemeldet.

Der IS rekrutiert Kämpfer auch in der Türkei - er lockt mit Geld

Polizeiliche Untersuchungen gebe es in der Regel nicht, sagt Sözen. "Es fehlt die Abschreckung." Wer sich den Terror-Milizen anschließe, bekomme nicht einmal das Gefühl, etwas Kriminelles zu tun. Stattdessen lockt die Aussicht auf ein bisschen Geld, das die IS-Kämpfer ihren Familien nach Hause schicken könnten - Armut und Arbeitslosigkeit sind weit verbreitet. Bei den jüngsten landesweiten Razzien sind nach Sözens Informationen acht angebliche IS-Anhänger festgenommen worden. Sie sind angeblich schon wieder frei. "Die Beziehungen zum IS sind dunkel", sagt Osman Sözen. Aber niemand wolle Licht machen.

Hat sich das jetzt wirklich geändert? Wird endlich Licht gemacht? Grell ist jedenfalls der neue Aktionismus, den die Türken seit vergangener Woche an den Tag legen. Das Attentat von Suruç hat eine Wende in der türkischen Außen- und Sicherheitspolitik bewirkt. Bis dahin hatte das Land den IS mehr oder weniger gewähren lassen und sich zurückgehalten - zum Ärger der internationalen Verbündeten im Kampf gegen die Extremisten. Seit Freitag aber fliegen die türkischen Streitkräfte Einsätze gegen IS-Stellungen.

In Syrien verfolgte die Türkei bislang ihre eigenen Ziele. Das Land wollte das verhasste Assad-Regime stürzen und war nicht wählerisch, wenn es syrische Rebellen zu diesem Zwecke mit Waffen ausstattete - auch der IS wurde wohl versorgt. Diesen Verdacht jedenfalls konnte die Regierung in Ankara bis heute nicht ausräumen.

Denn mehr als den IS im Nachbarland fürchtet die Türkei das Erstarken der Kurden. Als entschlossene Kämpfer gegen die Extremisten hatten sie sich international Anerkennung verschafft und weite Gebiete in Nordsyrien unter ihre Kontrolle gebracht. Mit jeder eroberten Stadt dehnten sie das Areal entlang der Grenze zur Türkei aus - auf ein sich mittlerweile über Hunderte Kilometer erstreckendes Gebiet. Das macht den Türken Angst.

"Werden niemals die Gründung eines neuen Staats erlauben"

Wochen bevor der IS in Suruç zuschlug, wurde über einen Einmarsch türkischer Truppen in Syrien spekuliert. Das Militär schien Vorbehalte zu haben. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sagte Ende Juni schon ganz deutlich: "Wir werden niemals die Gründung eines neuen Staats erlauben." An diesen Zielen hat sich nichts geändert. Nur an der Strategie, sie zu erreichen. Das lässt sich an der neuen Zusammenarbeit mit den USA erkennen.

Kurz nach dem Anschlag von Suruç haben US-Präsident Barak Obama und Erdoğan telefoniert. Es ging um Syrien. Beide haben ihre Interessen in diesem Konflikt. Die USA wollen den türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik für die Einsätze gegen den IS nutzen. Die strategisch günstige Lage macht die Antiterrorkämpfer schlagkräftiger. Die Türkei weigerte sich lange.

Kurden sehen sich plötzlich in einer neuen Rolle

Die Türken wiederum hatten immer eine Flugverbotszone im Grenzgebiet gefordert - die konnte nur gegen das Assad-Regime gerichtet sein, denn der IS verfügt nicht über Kampfflugzeuge. Nun haben sich Türken und Amerikaner auf die Schaffung einer "IS-freien" Zone jenseits der Grenze verständigt: westlich des Euphrat knapp 100 Kilometer lang, 40 Kilometer breit. Der Begriff ist bedeutsam. Türkische Medien berichten, die USA wollten weder von einer Sicherheitszone, schon gar nicht von einer Flugverbotszone sprechen. Washington wolle vermeiden, dass das Vorgehen als Kampf gegen Assad gedeutet werden könnte - es gehe allein um den IS.

Die Türkei kann im Moment gut damit leben. Es sei "kein Platz entlang der türkischen Grenze" für den IS, sagt der türkische Premier Ahmet Davutoğlu. Die Türkei habe sich zwar nicht mit allen Forderungen in den Gesprächen mit den USA durchgesetzt. Bis zu einem "bestimmten Grad" würden aber die türkischen Belange berücksichtigt. Welche er meint, lässt sich auf Landkarten ablesen. Die Pufferzone liegt wie ein Keil zwischen zwei bereits von Kurden kontrollierten Gebieten und wird derzeit vom IS beherrscht.

Die Türkei hat konkrete Vorstellungen davon, wer künftig das Gebiet unter dem Schutz von US-Kampffliegern kontrolliert: "Es ist liegt an uns, wie wir das erreichen, aber wir wollen, dass gemäßigte syrische Rebellen das Gebiet übernehmen", erklärte Davutoğlu. Ein großer Teil der fast zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien, die in die Türkei gekommen sind, könnten ebenfalls dort leben, wenn das Grenzgebiet wieder sicher ist. Bodentruppen wollten weder er noch die Amerikaner einsetzen. Die Türkei brüstet sich schon damit, die Wende im zähen Kampf gegen den IS herbeizuführen.

Die Kurden, die bisher an der Seite der USA Erfolge errungen haben, sehen sich plötzlich in einer völlig neuen Rolle. Das türkische Militär geht mit voller Härte auch wieder gegen Stellungen der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei-PKK im Nordirak vor. In der Nacht zu Montag soll es einen Angriff auf das kurdische Dorf Sur Maghar in Syrien gegeben haben. Ankara bestreitet den Vorfall. Aus den USA war bisher kaum Kritik am Vorgehen der Türken zu vernehmen. Die hätten vielmehr das Recht, gegen Terroristen vorzugehen.

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