Kabelfernsehen am Tag nach Obama-Sieg:"Amerika hat den Präsidenten bekommmen, den es verdient"

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Zur gleichen Zeit muss sich Sean Hannity bei Fox News sichtlich zurückhalten. Der Hitzkopf mit treuer Fangemeinde und separater Talkradio-Show ist sichtlich schlecht gelaunt - womöglich weil er die kommenden vier Jahre weiter auf Obama schimpfen muss. "Immerhin hört nun eines auf: Obama kann nicht mehr alles auf seinen Vorgänger schieben", ätzt er.

Seine Enttäuschung kann und will der 50-Jährige nicht verbergen: "Amerika hat es so gewollt und den Präsidenten bekommen, den es verdient. Jeder weiß, wie verheerend Obamas Politik ist." Er selbst, seufzt Hannity, werde diese Entscheidung auch in tausend Jahren nicht verstehen. Wie so oft stänkert der Krawallmacher dann gegen die verhassten Mainstream-Medien: Er habe seine Zweifel, dass diese endlich kritisch über Obama berichten und ihn zu Rechenschaft ziehen würden.

O'Reilly wünscht sich Obama-Berater

Auch an diesem besonderen Abend ist die interessanteste Sendung auf Fox News "The O'Reilly Factor". Moderator Bill O'Reilly debattiert schon mal mit dem liberalen TV-Satiriker Jon Stewart und ist nicht nur der beliebteste, sondern auch der unabhängigste Moderator des Senders. Romney habe die Wahl aus zwei Gründen verloren: Seine Berater waren schlechter und die Partei verkenne die Realitäten in Amerika.

"Wenn Romney einen so smarten Strategen wie David Axelrod [Obamas Chefberater, Anm. d. Red.] hätte, dann würde er heute feiern", urteilt O'Reilly. Und der Ex-Gouverneur habe in den Vorwahlen den Fehler gemacht, in Einwanderungsfragen Härte zu zeigen und von "Selbstdeportation" gesprochen. Romney hätte den kubanischstämmigen Senator Marco Rubio zum Vize machen sollen, um den Hispanics zu zeigen, dass er sie respektiere. So hätte der Republikaner Florida gewonnen und Obama nicht landesweit 70 Prozent der Latino-Stimmen bekommen, analysiert der 63-Jährige.

Sein Fazit: "Die Republikaner werden in Amerika keine Wahlen mehr gewinnen, wenn sie nur um Weiße werben." Die gleiche Analyse hatte O'Reilly übrigens schon am Wahlabend abgegeben. Hätte Karl Rove dabei genau hingehört, hätte er sich die "Meuterei" (so die liberale Website Talking Points Memo) Stunden später sparen können. Künftige Historiker hätten dann jedoch auf ein bedeutendes Dokument amerikanischer TV- und Zeitgeschichte verzichten müssen.

Linktipps: Eine exzellente Erklärung, wieso es am Wahlabend bei Fox News zum Streit kam, ist auf der Website des New York Magazine nachzulesen. Dort findet sich auch ein Video, das der "Rove-Episode" die Jubel-Arien der Zeit davor voranstellt. Die vielfältigen Rollen des Karl Rove beleuchtet die New York Times.

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