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Jugendarbeitslosigkeit in Italien:Die Jugend verliert das Vertrauen

Besonders die Jungen "verlieren das Vertrauen in die Zukunft". Immer mehr von ihnen hingen vor Spielautomaten herum und ruinierten ihre Familien. Immer Jüngere griffen zum Alkohol. Das Risiko, kriminell zu werden, in Neapel eh schon groß, wachse. Felaco ist so alarmiert, dass er in den Stadtteilen psychologische Dienste organisiert.

Gaia Fragano ist mit 35 Jahren sicher keine Jugendliche mehr, aber auch sie gehört zur "verlorenen Generation". Sie wohnt bei ihrem Onkel, "ich weiß gar nicht mehr, wie das ist, ein eigenes Bett zu haben". Alles, was normal war für ihre Eltern, scheint außer Reichweite zu sein, eine Wohnung, die Gründung einer Familie. Seit einem Jahr findet die gut aussehende Frau keine Arbeit, nicht eine Antwort sei auf ihre vielen Bewerbungen gekommen, obwohl sie 15 Jahre Erfahrung hat im Fremdenverkehr.

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance

Folgen der Euro-Krise

Sie hat ihr Tiermedizin-Studium aufgegeben, Touristik erschien ihr als sicherer. Sie kam herum, aber immer mit befristeten Stellen, wie in der Branche üblich. Deshalb bekommt sie keine Arbeitslosenhilfe. Sie lebt vom Ersparten, dem Wohlwollen des Onkels, gibt Nachhilfe. Ein Praktikum als Konditorin hat sie gemacht, in der Hoffnung, dass das Türen öffnet. Von ihrem bisschen Geld hat sie jetzt in einen Deutschkurs in Neapels Goethe-Institut investiert, um ihre Chancen zu erhöhen.

Michele Nerone ist erst 25, strotzt aber vor Tatendrang. Nur was er sagt, klingt manchmal, als wäre er 40. Er hat seine Erfahrungen. Zwei Jahre machte er den Computer-Support einer Firma. Als sie pleite ging, waren auch die 600 Euro im Monat weg, die er vorher für 12-Stunden-Tage bekommen hatte. Dass er sein Politik-Studium weitermacht, ist eher eine Notlösung.

Vorwürfe von Arbeitsministerin Fornero

Michele hat auch in einem Callcenter gearbeitet: 20 Cent für jeden beantworteten Anruf. Acht Monate lang war er Pizzabäcker in der Stadt, wo die Pizza erfunden wurde. 16 Stunden-Tage seien das gewesen für 800 Euro im Monat. Er würde sich gerne selbständig machen mit seinen Computerkenntnissen, die Regierung hat auch Programme für junge Unternehmensgrün-der aufgelegt.

Nur hat Nerone ausgerechnet, trotz der Steuervergünstigung müsste er so viel Abgaben zahlen, dass ihm nach Büromiete und Unkosten 8000 Euro im Jahr blieben. Zu wenig für das Risiko, womöglich mit Schulden zu enden. Er ist so sauer auf die Politik, dass er einen offenen Brief an Arbeitsministerin Elsa Fornero ins Internet gestellt hat. Die sagte kürzlich, die Jungen sollten nicht so wählerisch sein, sie benutzte das englische Wort "choosy", das Michele nun zynisch zitiert.

Um die, die nichts haben, kümmert sich Giovanni Laino. Der Professor für Stadtplanung ist im Vorsitz des Vereins Quartieri Spagnoli. In diesem malerischen, aber für Armut und Verbrechen berüchtigten Viertel macht der Verein Sozialarbeit für Kinder. Er hat ein Programm entwickelt, das Jugendlichen Berufspraktika vermittelt, damit sie etwas lernen, auch Grundlegendes wie Pünktlichkeit.

Aber der Verein hat Sorgen. Der Staat schuldet ihm 900.000 Euro für die Sozialarbeit. Der Verein kann die Mitarbeiter kaum zahlen, hat sogar Schulden bei Jugendlichen des Projekts, die drei Euro je Stunde erhalten. Die gehören zu den vielen in Neapel, über die Psychologe Felaco sagte: "Die Erwartungen an das Leben werden jeden Tag weniger."

© SZ vom 19.11.2012/gal/rus
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