bedeckt München 13°

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Folgen der Euro-Krise

In Spanien, Portugal und Griechenland wehren sich die Arbeitnehmer mit Generalstreiks gegen die rigiden Sparkurse ihrer Regierungen. Doch nicht nur Armut und Arbeitslosigkeit machen den Krisenländern zu schaffen: Italien verkauft seine Schlösser, in Irland werden Bauruinen zur tödlichen Falle. Und kritische spanische Journalisten werden ersetzt.

1 / 11

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Generalstreiks in den Krisenstaaten

Generalstreiks in Krisenstaaten

Quelle: AFP

In Spanien, Portugal und Griechenland wehren sich die Arbeitnehmer mit Generalstreiks gegen die rigiden Sparkurse ihrer Regierungen. Doch nicht nur Armut und Arbeitslosigkeit machen den Krisenländern zu schaffen: Italien verkauft seine Schlösser, in Irland werden Bauruinen zur tödlichen Falle. Und kritische spanische Journalisten werden ersetzt. Folgen der Euro-Krise in Bildern.

Auf einmal geht nichts mehr. Schulen bleiben geschlossen, der öffentliche Nahverkehr kommt zum Erliegen. Europaweit haben Gewerkschaften am 14. November zum Protest gegen die Sparpolitik der Regierungen aufgerufen. In Spanien und Portugal treten viele den ganzen Tag in den Generalstreik. Medienberichten zufolge beteiligen sich in der Automobilindustrie, im Schiffsbau, in der Bau- und der Energiewirtschaft  fast hundert Prozent der Beschäftigten.

Das Bild zeigt Demonstranten in Spanien. Auch in Italien, Griechenland oder Belgien legen die Menschen zeitweise die Arbeit nieder. (Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung dieser Bildunterschirft stand, die abgebildeten Demonstranten seien Angestelle des öffentlichen Dienstes in Griechenland. Das ist falsch. Wir haben den Fehler nach einem Leserhinweis verbessert und bitten ihn zu entschuldigen.)

2 / 11

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Stillstand in Portugal und Spanien

General strikes in Spain, Portugal over austerity measures

Quelle: dpa

Weil kaum Busse, Bahnen und Züge fahren, bilden sich an Haltestellen wie hier in Lissabon lange Schlangen. Auch zahlreiche Flüge wurden gestrichen.

Im vergangenen Jahr protestierten die Menschen in den betroffenen Staaten mehrfach gegen die Politik ihrer Regierungen, indem sie die Arbeit niederlegten. Bereits im März legte ein Generalstreik Spanien zeitweise lahm. Anfang November dasselbe in Griechenland. Bereits Mitte Oktober war es in dem von der Krise am härtesten getroffenen Staat nach landesweiten Streiks zu Ausschreitungen gekommen.

3 / 11

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Südeuropas extreme Arbeitslosenquoten

General Strike Hits Spain

Quelle: Getty Images

Am Dienstag Abend folgten in Portugal und Spanien Menschen dem Aufruf zum Streik (im Bild: Streikende blockieren die Zufahrt zu einem Großmarkt in Barcelona). Die Wut in der Bevölkerung wächst, auch weil immer mehr Menschen in den Krisenländern ihre Arbeit verlieren: In Portugal ist die Arbeitslosigkeit von Januar 2008 bis September 2012 fast stetig von 8,4 auf 15,7 Prozent gestiegen. In Spanien kletterte sie im selben Zeitraum von 9,0 auf sogar 25,8 Prozent. In Griechenland waren im August dieses Jahres 25,4 Prozent ohne Arbeit (Januar 2008: 7,8 Prozent). Vor allem im öffentlichen Dienst werden Mitarbeiter entlassen.

Noch härter trifft es die Jugendlichen. In Griechenland (57 Prozent) und Spanien (54,2 Prozent) hat jeweils mehr als die Hälfte derjenigen, die jünger als 25 Jahre sind, keinen Job. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Arbeitslosenquote in dieser Altersgruppe bei acht Prozent.

Und die Krise hat aber noch weitere Auswirkungen auf die Krisenstaaten.

4 / 11

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Spaniens TV-Kahlschlag

State-owned Spanish Radio and Television Corporation (RTVE) ancho

Quelle: dpa

Die renommierte Journalistin Ana Pastor hat ihren Job beim staatlichen spanischen Fernsehsender RTVE verloren. Die hoch defizitäre Anstalt muss ihr Budget nach Weisung der konservativen Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy um 20 Prozent kürzen und setzt dabei auch unbequeme Journalisten vor die Tür. 

Dabei hat Kritikern zufolge die Regierung die Hände im Spiel: Sie setzte ein Gesetz außer Kraft, das Personalentscheidungen bei RTVE an eine Zweidrittel-Mehrheit im Parlament knüpfte und installierte einen neuen Senderchef. Der entließ sodann die Nachrichtenchefin des Senders und ersetzte sie durch einen nachweislich der konservativen Partei PP (Partido Popula) nahestehenden Journalisten. Im Sommer hat der Sender schon einige namhafte Journalisten entlassen. Dabei handelt es sich vorwiegend um Kritiker von Rajoys Sparkurs.

5 / 11

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Venedigs Modepalast

Die Rialto-Brücke in Venedig: Die Venezianer stimmen derzeit über ihre Unabhängigkeit ab.

Quelle: Sandor Jackal - Fotolia

Einst diente der Fondaco dei Tedeschi deutschen Händlern als Niederlassung in Venedig, mittlerweile gehört der Renaissance-Palazzo einer italienischen Firma: 53 Millionen überwies die Benetton Group der hochverschuldeten Stadt Venedig Anfang 2012.

Der Plan der Modefirma sah eigentlich vor, aus dem Palast ein Kaufhaus zu machen, inklusive des aufwändigen Einbaus von Rolltreppen und Dachterrasse. Denkmalschützer und Bürger protestierten jedoch heftig gegen die Veränderungen am Gebäude aus dem 12. oder 13. Jahrhundert, weshalb die Genehmigung aktuell auf Eis liegt. Wie es mit dem Fondaco dei Tedeschi weitergeht, ist derzeit unklar.

6 / 11

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Italiens Schlösser-Ausverkauf

-

Quelle: Mpietrasik / CC-by-sa-3.0

Aufgrund der angespannten Haushaltslage bietet Italien noch weitere Gebäude an, zwischenzeitlich sollen es 350 gewesen sein, darunter das abgebildete Schloss Castello Orsini im italienischen Soriano nel Cimino oder den Palazzo Bolis Gualdo in Mailand.

Insgesamt sollen so 1,5 Milliarden Euro in die Staatskassen fließen, berichtet das Wall Street Journal. Allerdings sind Investoren skeptisch: Sie fürchten die hohen Renovierungskosten.

7 / 11

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Portugals spiegelverkehrte Kolonialisierung

-

Quelle: AFP

Angolas Präsident Jose Eduardo dos Santos ist ein wichtiger Mann: Für die Wirtschaftszeitung Jornal de Negócios, die jährlich eine solche Liste aufstellt, haben weltweit derzeit nur sechs Menschen mehr Einfluss auf die portugiesische Wirtschaft.

Einst war Portugal eine durchaus mächtige Kolonialmacht, die über Länder wie Angola und Brasilien herrschte. Nun hat sich die Lage ins Gegenteil verkehrt: Während das europäische Land in der Euro-Krise wirtschaftlich darbt, profitieren die beiden ehemaligen Kolonien von einem Rohstoffboom. Angolanische Unternehmen beteiligten sich zuletzt an portugiesischen Banken, Energie- und Ölfirmen, Telekommunikationsanbieter und Medien. Auch brasilianische Unternehmen stiegen in Branchen wie die Zementindustrie ein. Der brasilianische Flugzeugbauer Embraer eröffnete im September zwei Werke in Evora im Süden Portugals.

8 / 11

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Irlands gefährliche Geistersiedlungen

The Waterways, an empty and unsold housing development, is pictured in the village of Keshcarrigan

Quelle: REUTERS

2800 Bauruinen mit insgesamt 33.000 Wohnungen gibt es laut dem Dubliner Umweltministerium in Irland (im Bild eine verlassene Siedlung in der Ortschaft Keshcarrigan): Die sogenannten "Ghost Estates" sind das, was vom einstigen Boom im Land übrig geblieben ist. Seit der Krise kann nicht weiter gebaut werden und inzwischen sind die Baustellen eine Gefahr für die Allgemeinheit. Im Februar ertrank ein zweijähriges Kind in einem offenen Abflussgraben eines solchen Bauplatzes. Der irische Staat hat laut New York Times eine zweistellige Millionensumme bereitgestellt, um die Ruinen sicherer zu machen und beispielsweise offene Schachteinstiege oder unvollendete Kanalsysteme abzudecken.

9 / 11

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Spanien verlängert Laufzeit des Dinosaurier-Atomkraftwerks

Employees work in the control room of the Garona nuclear plant, near the city of Burgos

Quelle: REUTERS

Das Atomkraftwerk Garoña im Norden Spaniens gilt als wichtiger Wirtschaftsfaktor, der örtlichen Handelskammer zufolge sind 1500 Familien wirtschaftlich von der Anlage abhängig. Allerdings ist das älteste Kraftwerk Spaniens bereits länger als 40 Jahre am Netz, weshalb die damalige Regierung 2009 beschloss, es 2013 abzuschalten. Die konservative Rajoy-Regierung hat die Schließung nun zurückgenommen. Womöglich darf die veraltete Anlage sogar bis 2019 am Netz bleiben. Dem Wirtschaftsfaktor, so hieß es in einer Mitteilung, komme während des schlechten wirtschaftlichen Klimas eine erhöhte Bedeutung zu.

10 / 11

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Spaniens sterbende Kulturszene

Spanish actor Javier Bardem attends a protest against government austerity measures in Madrid

Quelle: REUTERS

Künstler, Musiker und Schauspieler (im Bild: Javier Bardem) gingen im Sommer in Spanien wochenlang auf die Straße: Die Regierung hat die Mehrwertsteuer für Konzert-, Kino- und Theaterkarten von acht auf 22 Prozent erhöht. Nachdem die Besucherzahlen seit 2008 um fast ein Drittel eingebrochen sind, befürchten viele im Kulturbetrieb den Zusammenbruch. Einige kleinere Institutionen kämpfen bereits ums Überleben, weil die Regierung auch die Kulturförderung gekürzt hat.

11 / 11

Streiks, Geisterstädte, Atom-Renaissance:Die Filmnostalgie der Griechen

MERCOURI-DASSIN

Quelle: AFP

Macht die Krise nostalgisch? Oder ist es der Humor, der von den drastischen Sparmaßnahmen ablenken soll? Einheimische Filme aus den 50er und 60er Jahren haben im griechischen Fernsehen wieder Hochkonjunktur, vor allem harmlose Komödien erfreuen das TV-Publikum. Laut Le Monde finden sogar Karaoke-Abende statt, an denen die besten Sprüche der Komödien im Chor zum Besten gegeben werden.

Im Bild: Die griechische Schauspielerin Melina Mercuri mit dem amerikanischen Regisseur Jules Dassin (1966)

Welche unerwarteten Folgen der Euro-Krise sind Ihnen aufgefallen? Schicken Sie ihren Hinweis @sz unter dem Hashtag #krisenfolgen!

© Süddeutsche.de/joku/josc/beitz/rus
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema