Zum Tod von John McCain Er war der Letzte seiner Art

Kriegsgefangener, Konservativer und selbst ernannter Außenseiter: Das Leben des verstorbenen US-Senators John McCain spiegelt die US-Politik der vergangenen 50 Jahre.

Von Johannes Kuhn, Austin

Hanoi, Vietnam, Oktober 1967. Die vietnamesische Armee schießt ein Kampfflugzeug der US-Navy mit einer Rakete ab. Der Pilot überlebt schwer verletzt. Mit gebrochenen Armen und einem kaputten Bein ziehen sie ihn aus dem Wasser. Die Menge am Ufer staunt nicht über den amerikanischen Soldaten, sondern verprügelt den 31-Jährigen aus Wut über die ständigen amerikanischen Bombardements.

Auch heute noch kniet John McCain, der Soldat von damals, mit erhobenen Händen am Ufer des Sees Hồ Trúc. Eine Figur aus Stein erinnert an die Gefangennahme des "Luftpiraten Tchn Sney Ma Can", wie sie den Mann aus dem fernen Arizona in Vietnam nennen.

Nach seinem Abschuss wurde aus McCain, dem mittelmäßig begabten wie abenteuerlustigen Spross einer angesehenen Admiralsdynastie, ein Kriegsgefangener: Fünfeinhalb Jahre Gefängnis, monatelange Einzelhaft im berühmten Hoa-Lo-Gefängnis, auch zynisch "Hanoi Hilton" genannt. Die regelmäßigen Folter-Verhöre färbten sein angegrautes Haar schneeweiß. Er habe einen guten Schlaf, erzählte er später einmal, doch wenn er nachts einen Schlüsselbund rasseln höre, schrecke er noch immer auf.

John McCain US-Senator John McCain ist tot
US-Politik

US-Senator John McCain ist tot

Der an einem Hirntumor erkrankte Senator aus dem Bundesstaat Arizona und frühere Präsidentschaftskandidat erlag am Samstag seinen Leiden.

Als seine Peiniger ihm die Freilassung anboten, lehnte McCain dennoch ab: Der amerikanische Militär-Kodex verbot es, vor länger in Gefangenschaft lebenden Kameraden zu gehen. Diese Mischung aus Leidenserfahrung und Prinzipientreue begründete die Autorität des späteren Politikers John McCain.

Dass er sich 20 Jahre später, trotz all seiner Erfahrungen, für die Aussöhnung mit Vietnam einsetzte, kritisierten Angehörige von Veteranen scharf. McCains Bereitschaft zur Versöhnung war allerdings nicht grenzenlos - seine Bewacher verabscheute er bis zuletzt: "Ich bin immer noch wütend auf sie", sagte er einmal, "nicht wegen dem, was sie mir getan haben. Sondern wegen dem, was sie einigen meiner Freunde angetan haben - einschließlich der Tatsache, dass sie manche von ihnen ermordet haben."

Das sichtbarste Zeichen seiner Gefangenschaft waren die Arme, die er zeitlebens nicht mehr über den Kopf heben konnte. Die Jahre im Gefängnis haben aber vor allem sein Inneres verändert, seine Sicht auf die Welt: Er habe viel Zeit zum Nachdenken gehabt, schrieb McCain später in seiner Autobiografie, und so sei in ihm der Wille entstanden, der Gesellschaft zu dienen. "Anerkennung", so schrieb er, "verdient, wer stets etwas Größerem als sich selbst treu ist: einer Sache, seinen Prinzipien, den Menschen, auf die du baust und die sich im Gegenzug auf dich verlassen."

Erfolge und Prinzipien

In das Spannungsfeld zwischen Erfolg und Prinzip sollte er nach seiner Rückkehr 1973 häufiger geraten. Seine Ehefrau, die sechs Jahre auf ihn gewartet hatte und nach einem Autounfall inzwischen im Rollstuhl saß, betrog der dreifache Familienvater zunächst mehrfach. Schließlich verließ er sie für die 17 Jahre jüngere Cindy Lou Hensley, eine Lehrerin aus Arizona und Erbin eines einträglichen Bier-Großvertriebs. Ihre Unterstützung, moralisch wie finanziell, ermöglichte ihm eine politische Laufbahn: Aus dem Verbindungsoffizier im Kongress - ein Job, den bereits sein Vater innegehabt hatte - wurde ein Abgeordneter im Repräsentantenhaus und schließlich ein Senator. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor.

Als besonders prinzipientreu war der Republikaner dort jedoch zunächst nicht bekannt: 1987 war McCain einer von fünf Senatoren ("Keating Five"), die sich bei Regulierungsbehörden erfolgreich für ein finanziell marodes Kreditunternehmen einsetzten. Der Eigentümer Charles Keating gehörte zu McCains größten Wahlkampfspendern und hatte ihn auch mehrmals in seinem Privatjet mitgenommen. McCain kam mit einer Rüge davon und sprach später von seinem "größten Fehler". Die Bank brach 1989 zusammen, ihre Abwicklung kostete den Steuerzahler zwei Milliarden US-Dollar, 23 000 Menschen verloren ihre Ersparnisse.

John McCain: Ein Leben in Bildern

Vom Kriegsveteran zum Trump-Kritiker

Dass sich der Senator aus Arizona Ende der Neunziger massive für die Reform der Wahlkampffinanzierung einsetzte, war auch der Versuch der Wiedergutmachung.

Ein Außenseiter für alle Fälle

In dieser Zeit wurde McCain, der trotz seines Kriegshelden-Status lange eine Nebenfigur im politischen Washington geblieben war, zu einem einflussreichen Politiker. Dabei machten ihn nicht nur seine schnörkellosen Aussagen und sein legendärer Jähzorn bekannt, sondern seine Bereitschaft, gegen die Partei-Orthodoxie zu opponieren.

Ob die Forderung nach einer höheren Tabaksteuer, die Bereitschaft zu einer CO2-Abgabe oder die Ablehnung von Steuersenkungen für Reiche: seine Unberechenbarkeit machte ihn für Medien ebenso interessant wie für Demokraten, die kompromissbereite Konservative suchten. In der eigenen Partei dagegen erntete er häufig Kopfschütteln.

Für ein besonders enges Verhältnis zu seinen Wählern war der Senator nicht bekannt: Zum Volkstribun taugte McCain nie, das ständige Ausverhandeln kleiner Begünstigungen für den eigenen Bundesstaat lehnte er ab. Dass er sich nach der Jahrtausendwende mehr und mehr der Geo- und Sicherheitspolitik zuwandte, als Mitglied des Streitkräfteausschusses um die Welt reiste und auf Veranstaltungen wie der Münchner Sicherheitskonferenz quasi zum Inventar gehörte, zeigt die Blickrichtung: weg von den Mühen der innenpolitischen Ebene.