Donald Trump und John McCain Geschichte einer innigen Feindschaft

John McCain im vergangenen Oktober, von Krankheit gezeichnet. Aber immer noch bereit, jeden Kampf mit Trump aufzunehmen.

(Foto: AP)

Der todkranke Senator McCain will den US-Präsidenten nicht auf seiner Beerdigung haben. Zu sehr hat sich Trump ihm gegenüber danebenbenommen.

Von Thorsten Denkler, New York

Womöglich würde Donald Trump tatsächlich kommen wollen. Und sei es auch nur, um dem Toten bei seiner Trauerfeier die Show zu stehlen. Zur Beerdigung von John McCain wird fast jeder eingeladen, der unter den Republikanern was zu sagen hat. Das hat der todkranke Senator bereits entschieden. Auch Vize-Präsident Mike Pence darf kommen, wenn es soweit ist. Nur Trump, der bitte nicht.

McCain ist einer der bekanntesten Republikaner, gefürchtet und geachtet von politischen Gegnern wie von politischen Freunden. Seit geraumer Zeit leidet er an einem Hirntumor. In den vergangenen Wochen ging es dem 81-Jährigen immer schlechter. Er hat seine Liebsten um sich geschart und alte Weggefährten empfangen. Darunter auch den Demokraten Joe Biden, der unter Obama Vizepräsident war. McCain wird nicht mehr lange leben. Das ist seine eigene Prognose.

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Die Mitarbeiterin des Kommunikationsstabs soll bei einem Meeting einen Witz über den nahen Tod McCains gemacht haben. Zuvor hatte sich der Senator gegen Trumps Kandidatin für den CIA-Chefposten ausgesprochen.

Sein Lebenslauf könnte sich kaum stärker von dem des US-Präsidenten unterscheiden. Während Trump mit Immobilien und Fernsehunterhaltung Geld machte, war McCain im Vietnamkrieg, wurde zum Kriegshelden und startete seine politische Karriere. Fünfeinhalb Jahre hat er in nordvietnamesischer Gefangenschaft verbracht. Er wurde gefoltert und war in Isolationshaft. 1973 kam er frei. Wegen seiner Kriegsverletzungen kann er seine Arme nicht über den Kopf heben. Seit 1982 sitzt er für den US-Bundesstaat Arizona im Kongress, seit 1986 als Senator. Im Jahr 2008 war er Präsidentschaftskandidat und verlor deutlich gegen Barack Obama. Er hat seine Niederlage mit großem Anstand und ehrlicher Gratulation an Obama eingestanden, was ihm viel Respekt einbrachte.

Angefangen hat die Fehde spätestens mit Trumps Kandidatur

Mit dem 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten verbindet McCain nicht viel - außer einer innigen Feindschaft. Aus Trumps Sicht ist McCain ein "pain in the ass", eine Nervensäge.

Angefangen hat die Fehde zwischen den beiden spätestens in dem Moment, als Trump im Juni 2015 seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2016 verkündete. McCain war gegen Trump. Trump schlug auf seine Art zurück: auf Twitter. McCain, der sich damals um eine sechste Amtszeit als Senator bewarb, solle in den Vorwahlen verlieren, schrieb Trump. Er behauptete, McCain habe seinen Abschluss an der United States Naval Academy als Klassenletzter gemacht, der "Dummkopf".

Mitte Juli 2015 ist Trump noch persönlicher geworden. Er sagte, McCain sei "kein Kriegsheld". Er werde doch nur als Held gefeiert, weil er gefangen genommen wurde. "Ich mag Leute, die nicht gefangen wurden", sagte Trump.

Um des lieben Friedens willen erklärte McCain seine Unterstützung, nachdem Trump als Präsidentschaftskandidat der Republikaner nominiert war. Kurz vor der Wahl 2016 wurde ein Video öffentlich, in dem Trump damit prahlte, jeder Frau in den Schritt fassen zu können, einfach weil er ein Prominenter sei. Daraufhin kündigte McCain an, weder für Trump noch für die Demokratin Hillary Clinton zu stimmen. Sondern den Namen "eines guten Konservativen" auf den Wahlzettel zu schreiben, der - anders als Trump - qualifiziert sei für das Amt des Präsidenten.

Trump rächte sich umgehend auf Twitter: McCain habe ihn "beleidigt". Dabei habe er Trump doch bei seiner eigenen Kandidatur angefleht, ihn in den Vorwahlen zu unterstützen. Das habe er getan und McCain habe gewonnen. "Und jetzt lässt er mich fallen wegen ein bisschen Locker-Room-Geredes!" Trump verglich das Video mit dem Gerede unter Männern in einer Umkleidekabine.

Als McCain den Daumen senkte, war Trump außer sich

Im vergangenen Jahr hat McCain Trump eine seiner größten Niederlagen beigebracht. Obamas Gesundheitsreformen sollten zurückgenommen werden. Im Juli kam es im Senat zum Showdown. Die Senatoren wurden einzeln zur öffentlichen Stimmabgabe aufgerufen.

Zwei Republikaner hatten schon gegen die Abschaffung gestimmt. Am Ende kam es auf die Stimme von McCain an. Dieser stellte sich vor das Präsidium und hob den rechten Arm. Seine Hand zeigte offen Richtung Präsidium. Dann deutete er mit dem Daumen nach unten. Nein. Er drehte sich um und ging. Ein bisher letzter Versuch, Obamacare abzuschaffen, scheiterte im September.

Trump war außer sich. Auf Twitter schrieb er, McCain habe seinen Heimatstaat Arizona "im Stich gelassen". Aus McCains Sicht ist das der wohl schlimmste Vorwurf, der ihm gemacht werden kann.

McCain wurde später in einem Fernsehinterview gefragt, ob seine persönliche Abneigung gegen Trump eine Rolle gespielt habe, als er den Daumen senkte. Nein, das war es nicht, sagte er. Aber es gebe doch "erhebliche Unterschiede" zwischen ihm und Trump. Unterschiede in der Erziehung und Unterschiede in der Lebenserfahrung. Trump wolle vor allem Geld verdienen. Darum mache er Geschäfte. Und er sei erfolgreich gewesen im Fernsehen, mit "Miss America"-Wettbewerben und ähnlichem.

Das war nicht als Kompliment gemeint, wie die dann folgenden Sätze zeigen: Er selbst sei in einer Soldaten-Familie groß geworden. "Ich wurde aufgezogen mit der Idee, dass Dienst, Ehre und Vaterland die Leitsterne für unser alltägliches Verhalten sind." Eine Idee, von der er Trump weit, weit entfernt sieht.

Im vergangenen Herbst hat McCain ein längeres TV-Interview zum Erbe des Vietnam-Krieges gegeben. Schon seine erste Antwort war eine deutliche Retourkusche gegen Trump. Er sagte dort, dass die Amerikaner mit den niedrigsten Einkommen in den Krieg geschickt worden seien. Und die mit den höchsten Einkommen "haben einen Arzt gefunden, der ihnen einen Knochensporn bescheinigte".

Donald Trump war damals nicht eingezogen worden - wegen eines angeblichen Fersensporns. "Ich hatte einen Arzt, der mit eine Bescheinigung gab, eine sehr klare Bescheinigung wegen meiner Ferse", sagte er im August 2016 der New York Times. McCain hat später bestritten, mit seinem Kommentar Trump gemeint zu haben.

Trump drohte McCain wie ein Mafia-Boss

Eine Rede von McCain im Oktober vergangenen Jahres wurde zur Generalabrechnung mit der isolationistischen Politik von Trump. Die USA hätten fast ein ganzes Jahrhundert lang die Welt geführt, ihr Richtung gegeben und Ideale. Jetzt aber solle die Welt verängstigt werden, würden diese Ideale verraten, und würden die Pflichten von sich gewiesen, die sich aus der internationalen Verantwortung der USA ergäben. Und das nur, um einen "halbgaren, zweifelhaften Nationalismus" zu befriedigen, der von Leuten zusammengebraut worden sei, die "lieber Sündenböcke finden als Probleme lösen".

Wieder reagierte Trump. Er warnte McCain am Tag nach der Rede, vorsichtig zu sein. "Ich bin sehr nett. Ich bin sehr, sehr nett. Ab einem gewissen Punkt aber werde ich zurückschlagen. Und das wird nicht schön", sagte er in einem Radio-Interview. Es klang, als hätte der Boss einer Mafia-Familie gesprochen.

Zu dem Zeitpunkt war längst bekannt, dass McCain an einem aggressiven Gehirntumor leidet. McCain reagierte mit großer Gelassenheit: "Ich stand schon sehr viel größeren Herausforderungen gegenüber", sagte er über die Drohungen.

"Kritik sichert seine Feindschaft", schreibt der Senator über den Präsidenten

Kürzlich hat sich McCain vom Krankenbett aus eingemischt. Er werde die von Trump als neue CIA-Chefin nominierte Gina Haspel nicht unterstützen. Er forderte seine Senatoren-Kollegen auf, es ihm nachzutun. McCains Begründung: Haspel habe unter Präsident George W. Bush Foltermethoden wie Waterboarding praktiziert und forciert. Und in ihrer Anhörung vor dem Senat habe sie sich geweigert, diese Praktiken als "unmoralisch" zu verurteilen.

Kelly Sadler, eine Mitarbeiterin im Weißen Haus, soll dazu gesagt haben, das sei alles nicht so dramatisch, McCain "stirbt ja sowieso". Der Satz löste eine Debatte darüber aus, ob Trump die Grenzen dessen verschoben hat, was im Weißen Haus ungestraft gesagt werden darf. Cindy McCain, die Frau von John McCain, richtete sich auf Twitter direkt an Sadler: "Darf ich Sie daran erinnern, dass mein Mann Familie hat, sieben Kinder und fünf Enkel?" Kelly Sadler hat ihren Posten immer noch. Bisher hat niemand aus dem Weißen Haus öffentlich um Entschuldigung gebeten. Inzwischen hat sich Haspel von Folter jeder Art distanziert, am Freitag hat der Senat sie bestätigt.

Ende Mai erscheint McCains Autobiographie: "The Restless Wave", auf Deutsch etwa "Die ruhelose Welle". Er hat darin auch Trump eine paar Zeilen gewidmet. Dieser lehne es ab, das Verhalten der US-Regierung klar von den Verbrechen despotischer Regime abzugrenzen.

McCain schreibt: "Äußere Härte, oder besser eine falsche Härte wie aus einer Reality Show, scheint ihm mehr zu bedeuten als alle unserer Werte. Schmeicheleien sichern seine Freundschaft. Kritik sichert seine Feindschaft." McCain weiß, wovon er spricht. Er ist Trumps größter Kritiker.

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