bedeckt München 24°

Jerusalem:Israel schafft Fakten in und um die "ewige und unteilbare" Stadt

Vor fast auf den Tag genau 100 Jahren besetzten dann britische Truppen Jerusalem. In der Folge des Ersten Weltkrieges erhielt London vom Völkerbund, dem Vorläufer der Vereinten Nationen, das Palästina-Mandat. Die Briten sollten die Errichtung eines jüdischen Staates organisieren. Erst 1948 indes wurde der Staat Israel formell gegründet, noch in der Nacht der Staatsgründung marschierten Truppen aus Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, dem Irak und Syrien in Israel ein. Der Palästinakrieg, auch israelischer Unabhängigkeitskrieg genannt, endete mit dem Waffenstillstandsabkommen 1949. Grüne Tinte wurde dabei zur Grenzziehung benutzt. Für die neuen De-Facto-Außengrenzen Israels bürgerte sich der Name Grüne Linie ein. Sie wird von den Palästinensern noch heute als Grenzlinie für ihren zukünftigen Staat angesehen.

Doch die Israelis haben einen anderen Bezugspunkt: den Sechstagekrieg vom Juni 1967. Bis dahin war der Westteil der Stadt unter israelischer Kontrolle; Ost-Jerusalem mit dem jüdischen Viertel und der Klagemauer war mit dem Westjordanland unter jordanischer Kontrolle geblieben. 1967 aber eroberte Dajan den Ostteil und gab seine berühmte Erklärung ab.

Per Gesetz wurden 1980 die beiden Stadtteile zusammengefasst und Jerusalem zur "ewigen und unteilbaren Hauptstadt" Israels erklärt. Staatspräsident, Knesset und Premier haben in Jerusalem ihren Sitz. Weil bisher kein Staat weltweit diese Besetzung und Annexion anerkannt hat, sind die ausländischen Botschaften in Tel Aviv angesiedelt. Nur kurzzeitig gab es 16 Botschaften in Jerusalem, sie wurden aber nach und nach wieder verlegt. Auch der UN-Sicherheitsrat fordert regelmäßig Israels Rückzug.

Jordanien hütet islamische Stätten

Bis heute ist Jordanien Hüter der religiösen islamischen Stätten im arabisch geprägten Ostteil Jerusalems. Das Tempelberg-Plateau mit den beiden Moscheen untersteht der islamischen Wakf-Stiftung. Deshalb engagiert sich auch Jordanien im aktuellen Streit um Jerusalem so intensiv. König Abdullah hielt sich eine Woche in Washington auf und versuchte, Trumps Entscheidung zu verhindern.

Die Palästinenser sahen ihre Chancen auf einen Staat nach dem Oslo-Abkommen 1993 gekommen. In Abu Dis, einer Stadt östlich von Jerusalem, wurde damals damit begonnen, ein Parlament zu bauen. Heute sind nur Ruinen sichtbar. Dass sich unter US-Präsident Trump die Bedingungen nicht verbessern würden, war nach seinen Wahlversprechen klar.

Doch Israel hatte schon in den vergangen Jahren Fakten geschaffen - in und um die Stadt. Im Ostteil Jerusalems werden seit Jahren keine Baugenehmigungen mehr vergeben. Das lässt die Wohnungspreise steigen und zwingt viele Palästinenser, sich günstigere Quartiere am Stadtrand oder im Westjordanland zu suchen.

Währenddessen baute Israel immer neue Siedlungen auf palästinensischem Territorium. Heute zieht sich von Gilo im Süden bis nach Piskat Zeev und Neveh Yaakov im Norden ein Ring von jüdischen Wohnvierteln um den Ostteil der Stadt. Jenseits der sogenannten Grünen Linie leben in Ost-Jerusalem mittlerweile 200 000 Juden neben 270 000 Palästinensern. Der Anteil der ultrareligiösen Juden in der Stadt ist Schätzungen zufolge auf 20 Prozent der Bevölkerung gewachsen. Das hat das Klima in der Metropole komplett verändert. Die extremsten Ultraorthodoxen finden sich in der selbsternannten "Jerusalem Fraktion".

Auch wenn die Amerikaner sich nach wie vor offen für eine Zweistaatenlösung zeigen: Für die Palästinenser platzt mit der Entscheidung Trumps wohl ein Traum, den Nabil Shaath, ein Berater von Präsident Mahmoud Abbas, auf diese Formel gebracht hat: zwei Staaten, zwei Hauptstädte und zwei Jerusalems - Ost-Jerusalem als Hauptstadt der Palästinenser und West-Jerusalem als Hauptstadt der Israelis.

© SZ vom 07.12.2017/leja
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB