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Japan und Olympia:Licht aus im Kampf gegen Corona

Die Olympischen Ringe spiegeln sich in der Scheibe eines Restaurants in Tokio. Trotz des Notstands sagt die Regierung, an den Plänen für Olympia ändere sich nichts.

Die Olympischen Ringe spiegeln sich in der Scheibe eines Restaurants in Tokio. Trotz des Notstands sagt die Regierung, an den Plänen für Olympia ändere sich nichts.

(Foto: Jae C. Hong/AP)

In der Metropole Tokio und anderen Städten herrscht wieder Notstand. Die Regierung versichert, das ändere nichts an den Plänen für den Sommer. Doch ist das Land mit Pandemie und Olympia nicht überfordert?

Von Thomas Hahn, Tokio

Es ist erst 20 Uhr am Bahnhof von Shibuya, und trotzdem wird es schon dunkel über der großen Kreuzung zwischen den hohen Häusern. Dass hier, an einem der lebhaftesten und konsumträchtigsten Orte Tokios, zur Nachtzeit überhaupt jemals ein größeres Licht ausgehen würde, hätte man vor der Pandemie nicht gedacht. Aber Tokios Gouverneurin Yuriko Koike wollte das so, damit zur Covid-19-Vorbeugung weniger Menschen rausgehen.

Und tatsächlich werden Punkt acht auf einen Schlag die riesigen Werbe-Bildschirme und Leuchtreklamen schwarz. Allerdings nicht alle. Ganz dunkel wird es nicht, und weil viele Geschäfte jetzt erst schließen, sind noch viele Leute da. Hilft weniger Licht wirklich gegen Corona?

Tokio befindet sich wieder im Notstand, es ist der dritte seit Beginn der Pandemie. Ein Drama muss man daraus nicht machen, denn nach den offiziellen Zahlen gibt es schlimmere Covid-19-Krisengebiete auf der Welt. 1027 Neuinfektionen haben Tokios Behörden am Donnerstag gemeldet, so viele wie seit 28. Januar nicht mehr. Aber einen explosiven Anstieg gibt es nicht, und wenn man bedenkt, dass die Präfektur Tokio Japans Wirtschafts- und Kultur-Zentrum ist, in dem 14 Millionen Einwohner auf relativ wenig Raum leben, wirken die Daten nicht sehr bedrohlich. Das deutsche Bundesland Bayern, das fast genauso viele Einwohner hat wie Tokio, wäre dankbar für solche Tagesergebnisse.

Trotzdem schaut die Welt auf Tokios Corona-Lage, denn in weniger als drei Monaten sollen hier die Olympischen Spiele beginnen. Zehntausende Aktive, Funktionäre und Medienschaffende aus fast allen Ländern werden beim größten Sportfest der Welt erwartet. Die Risiken eines solchen Ereignisses in Zeiten einer Pandemie mit hochansteckenden Mutanten des Coronavirus liegen auf der Hand.

"Kurz und kraftvoll" soll der Notstand sein

Aber Japans Regierung und das Internationale Olympische Komitee (IOC) scheinen die Bedenken nicht zu teilen. Als Japans Premierminister Yoshihide Suga vergangenen Freitag den Notstand für Tokio, Osaka, Hyogo und Kyoto ausrief, sagte er, an den Spielen ändere das gar nichts. Skeptiker hingegen fragen sich, ob der Notstand so kurz vor Olympia nicht darauf hindeutet, dass Japan auch ohne Großereignis belastet genug ist von der Pandemie.

"Kurz und kraftvoll" solle der Notstand sein, hat Suga gesagt. Es geht vor allem darum, den nationalen Ferien- und Freizeitverkehr klein zu halten, denn am Donnerstag hat die Goldene Woche begonnen, eine Abfolge von japanischen Feiertagen. Tatsächlich ist der aktuelle Notstand härter als jener, der die Menschen in Tokio von Januar an bis 22. März einschränkte. Damals galt eine allgemeine Sperrstunde um 20 Uhr für Gaststätten. Jetzt dürfen Etablissements, die Alkohol ausschenken, und Karaoke-Bars gar nicht öffnen. Kinos, Museen, Vergnügungsparks, Einkaufszentren sind zu. Sportveranstaltungen müssen ohne Zuschauer stattfinden.

In Tokio kommt Gouverneurin Koikes Licht-aus-Gebot dazu. Außerdem hat sie mit den drei anderen Gouverneuren der Metropolregion Tokio/Kanagawa/Saitama/Chiba die Menschen dazu aufgerufen, daheimzubleiben. Strenge Ausgangssperren gab es in Japan nie. Auch die Schulen bleiben außerhalb der Ferien offen. Am 11. Mai soll der Notstand enden.

Aber Gesundheitsexperten im Land mahnen schon: 17 Tage dürften zu kurz sein. Shigeru Omi, der den Coronavirus-Unterausschuss der Regierung leitet, sagte, der Notstand könne durchaus länger dauern. Und wieder bekam man den Eindruck, den man schon oft hatte in der Pandemie: Japans Regierungspolitiker hangeln sich von einer schnellen Lösung zur nächsten und hören nicht richtig zu, wenn die Fachleute mehr Weitsicht anmahnen.

Mit Glück und Geschick konnten Japans Virusfahnder anfangs einen schnellen Anstieg der Infektionskurve verschleppen. Die Disziplin der Menschen, die japanische Harmonie-Kultur und eine Einreisesperre für Touristen schützen immer noch vor explosiven Anstiegen. Aber den Vorteil nutzte Japans Regierung bisher nicht zu nachhaltigen Strategien. Sie dachte an die Wirtschaft und reagierte immer erst, wenn die Infektionszahlen hoch waren. Ein Impfprogramm gibt es zwar. Aber es ist langsam. Bisher sind nur etwas mehr als ein Prozent der 126 Millionen Japanerinnen und Japaner vollständig geimpft.

Und nun? Die Infektionszahlen steigen, und die Menschen haben kein Vertrauen mehr in die Abwehrkräfte des Staates. Sie fügen sich und tun, was nicht verboten ist. Olympia im Sommer? In den Umfragen ist die Mehrheit dagegen. Selbst im Tokioter Rathaus wird gezweifelt, weil das nationale Gesundheitswesen schon sehr belastet ist. Die Zeitung Asahi zitiert einen Beamten aus der Metropol-Regierung: "Gouverneurin Koike sollte anfangen, an einen Plan B zu denken inklusive Absage." Das wäre immerhin auch eine Art Licht-aus-Taktik.

© SZ
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