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Olympia in Tokio:"Es ist Zeit, über die Spiele zu diskutieren"

Vor den Olympischen Spielen in Tokio

Sie hätte auch sagen können: Interessiert mich nicht, was der verdiente Mediziner Omi sagt - Seiko Hashimoto, rechts, Präsidentin des Organisationskomitees, mit Toshiro Muto, Geschäftsführer von "Tokio 2020"

(Foto: Franck Robichon/dpa)

Japans oberster Pandemie-Bekämpfer äußert Bedenken wegen der Austragung der Wettkämpfe in Tokio. IOC und Organisationskomitee wirken vom aktuellen Geschehen beinahe so unberührt, als gäbe es gar keine Pandemie.

Von Thomas Hahn, Tokio

Die Rettung Olympischer Spiele ist noch nie die erste Sorge von Shigeru Omi gewesen. In seiner langen Karriere als Arzt und Medizinwissenschaftler hat er sich vor allem für die Rettung von Menschenleben und den Schutz der allgemeinen Gesundheit interessiert. Von Sportvermarktung und Machtpolitik hat er sicher wenig Ahnung. Dafür ist Omi, 71, ein erfahrener Epidemie-Bekämpfer, war lange Direktor der Weltgesundheits-Organisation WHO in der Westpazifik-Region, hat sich dort bleibende Verdienste um die Ausrottung der Kinderlähmung erworben sowie bei der Bekämpfung der Sars-Pandemie.

In der aktuellen Pandemie leitet Shigeru Omi den Unterausschuss der japanischen Regierung zur Coronavirus-Bekämpfung. Er mahnt, er bremst. Er hat seinen Anteil daran, dass die Infektionszahlen in Japan bisher nicht so explosiv angewachsen sind wie in anderen Ländern. Und am Mittwoch sagte er auch etwas zu den Sommerspielen, die trotz anhaltender Corona-Krise in weniger als drei Monaten in Tokio stattfinden sollen. Im Gesundheitsausschuss des Parlaments sprach er ruhig, sachlich und klar: "Ich glaube, es ist an der Zeit, dass das Organisationskomitee und andere betroffene Parteien eine gründliche Diskussion über die Olympischen und Paralympischen Spiele führen und dabei den Grad der Infektion und die angespannte medizinische Situation berücksichtigen."

Ins Tageskonzept der Spiele-Planer kann diese Ansage des Experten Omi nicht gepasst haben. Denn Omi zweifelt ja. Und genau das wollen Japans Regierung, das Organisationskomitee Tocog und das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf keinen Fall. Im Gegenteil, am Mittwoch wollten sie ein weiteres Zeichen dafür setzen, wie entschlossen und durchdacht ihre Hygienepläne für die pandemischen Spiele sind. Sie stellten am Abend die zweite Auflage der Anti-Corona-Regeln für Athletinnen und Athleten während Olympia und Paralympics vor und wirkten dabei fast so unberührt vom aktuellen Geschehen, als gäbe es gar keine Pandemie.

Davor hatten sie online konferiert: Olympiaministerin Tamayo Marukawa als Vertreterin der japanischen Regierung, Tokios Gouverneurin Yuriko Koike, IOC-Präsident Thomas Bach, Andrew Parsons, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees, sowie für Tocog Präsidentin Seiko Hashimoto und Geschäftsführer Toshiro Muto. Dabei beschlossen sie auch, bis spätestens Juni zu entscheiden, ob überhaupt Zuschauer zu den Wettkämpfen dürfen; aus dem Ausland Zugereiste sind ja schon ausgeschlossen.

Die Teilnehmenden erwartet ein Testmarathon

Die Botschaft des Fünferrats: Mag sein, dass Länder wie Indien unter der Ausbreitung einer neuen Mutante ächzen und trotz Notstand auch in Tokio die Infektionszahlen steigen - aber wir machen die Spiele trotzdem. Ein besonderes Talent zum Rollenwechsel zeigte dabei Gouverneurin Koike. Am Nachmittag hielt sie mit den Gouverneuren dreier Nachbarpräfekturen eine Pressekonferenz ab, bei der sie die Bürgerinnen und Bürgern dazu anhielt, während der Goldenen Woche von diesem Donnerstag an zu Hause zu bleiben. Um dann am Abend den Plänen für das Tokio-Ereignis mit Zehntausenden Aktiven, Funktionären und Medienschaffenden aus der ganzen Welt zuzustimmen.

Aus den Regeln in der zweiten Auflage des sogenannten Playbooks wiederum konnte man zunächst vor allem lesen, dass die Teilnehmenden und deren Betreuer ein Testmarathon erwartet. Sie sollen vor der Abreise zwei Negativ-Tests vorlegen. Während der Spiele sind tägliche Tests geplant. Das Grundhygiene-Konzept sieht vor, dass sich alle, die mit den Spielen befasst sind, zunächst nur in einer olympischen Blase bewegen und keinen Kontakt zur japanischen Bevölkerung haben.

Aber immer mehr Indizien weisen darauf hin, dass man in Japan den Menschenmassen nicht traut. Tokios Auto-Show, die im Herbst im Messezentrum Big Sight, also am Ort des Olympischen Pressezentrums, stattfinden sollte, wurde abgesagt. Und Fachleute wie Shigeru Omi können olympische Fernsehverträge nicht wichtiger nehmen als die Risiken der pandemischen Spiele. Selbst sportnahe Personen kommen ins Grübeln. Hayley Wickenheiser, kanadisches Eishockey-Idol, Mitglied der Athleten-Kommission im IOC und angehende Ärztin, sagte zuletzt, die Entscheidung über Ja oder Nein zu den Spielen "muss von Medizin- und Gesundheitsexperten gefällt werden, nicht von Konzernen und großen Unternehmen".

Aber Tocog-Präsidentin Seiko Hashimoto wirkte selbstbewusst, als sie zu Omis Bedenken gefragt wurde. "Ich weiß auch, was der Vorsitzende Omi gesagt hat. Aber wir führen bereits intensiv Gespräche mit Experten und berücksichtigen deren Erkenntnisse." Sie hätte im Grunde auch sagen können: Es interessiert mich nicht, was der verdiente Mediziner Omi sagt.

© SZ/sjo/ska
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