Japan:Tragt Rollkragenpullover!

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Japan: Etwas Weihnachtsbeleuchtung muss trotzdem sein: Szene aus Tokio am zweiten Adventswochenende.

Etwas Weihnachtsbeleuchtung muss trotzdem sein: Szene aus Tokio am zweiten Adventswochenende.

(Foto: Yuichi Yamazaki/AFP)

Tokios Gouverneurin ist bekannt dafür, Politik in Schlagworte packen zu wollen. Beim Stromsparen kann allerdings nicht jeder ihrem Einfallsreichtum folgen.

Von Thomas Hahn, Tokio

Die Lage ist ernst, deshalb bringt Tokios Gouverneurin Yuriko Koike mal wieder ihre größten Talente ein. Bei der 70-jährigen Ex-Nachrichtensprecherin bedeutet das vor allem, Politik in Schlagworte zu verpacken, um den Menschen auf diese Weise klarzumachen, was sie tun sollen. Der Energieknappheit wegen des Krieges in der Ukraine begegnet Yuriko Koike also nicht nur mit der eher schnöden Bitte der japanischen Regierung an alle, zwischen 1. Dezember und 31. März Strom zu sparen. Sie hat die "HTT-Kampagne für den Winter" ausgerufen. Die Anzeigen hängen in Bussen und Krankenhäusern. Toll. Die Frage ist nur: Was bedeutet HTT eigentlich?

Alle Industriestaaten haben das gleiche Problem. Die Sorglosigkeit beim Energieverbrauch ist weg, Stromsparen muss die Grundversorgung sichern. Deutschland hat deshalb eine Verordnung beschlossen, damit Leuchtreklamen um 22 Uhr ausgehen und öffentliche Gebäude weniger stark beheizt werden. In Japan belässt man es bei freundlichen Aufforderungen. Die Nationalregierung empfiehlt den Menschen, sich dicker anzuziehen oder kein unnötiges Licht brennen zu lassen. Es kann folgen, wer will. Keine Pflicht. Und gerade deshalb will die Regierung der Hauptmetropole Tokio wahrscheinlich besonders überzeugend wirken. Genauer gesagt: Gouverneurin Koike will das.

Japan: Yuriko Koike ist seit 2016 Gouverneurin der Präfektur Tokio.

Yuriko Koike ist seit 2016 Gouverneurin der Präfektur Tokio.

(Foto: Kazuki Oishi/IMAGO/Sipa USA)

Yuriko Koike ist in Japans Politik so etwas wie die Catchphrase-Meisterin. Bei vielen Pressekonferenzen hat sie Schilder dabei, auf denen sie die Schlagwörter ihres Vortrags zeigt. Einen ihrer größten Erfolge hatte sie 2005 als Umweltministerin. Mit ihrer CoolBiz-Kampagne lockerte sie damals das Krawatten- und Anzuggebot in Firmen und ermöglichte so einen sparsameren Einsatz von Klimaanlagen. Prompt empfahl sie im November eine WarmBiz-Kampagne: Der Rollkragenpullover sei "eines der Werkzeuge, um zusammen durch die harte Winterlage zu kommen". Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sei hier das Vorbild: "Der ist führend beim Tragen von Rollkragen."

Die HTT-Kampagne ist auch ein Hingucker aus der Werkstatt des Populismus-Profis Koike. HTT steht für die japanischen Verben herasu ("reduzieren"), tsukuru ("erzeugen") und tameru ("speichern"). Auf der Website der Tokioter Metropolregierung ist erklärt, welche Empfehlungen dahinterstecken. Es sind neun. Darunter sehr japanische wie: an warmen Tagen Toiletten-Sitzheizung ausschalten oder Klimaanlagen-Filter regelmäßig reinigen. Die Zuordnungen sind etwas umständlich, aber es ist ja auch egal, welche Empfehlung zu welchem Verb gehört. Fenster mit Doppelverglasung oder wassersparende Duschköpfe sind sicher nicht verkehrt.

Yuriko Koike hatte schon überzeugendere Schriftzüge. Politik-Marketing hat eben seine Tücken: Bürgerinnen und Bürger brauchen eine direkte Verbindung zum Thema, sonst sieht auch das coolste Kürzel wie ein Rätsel aus. Die Japan Times titelte neulich sogar: "Koikes Wortgewandtheit lässt nach". Andere drückten ihre Ideen jedenfalls zuletzt klarer aus. Neulich sprach Yuriko Koike über die HTT-Kampagne bei einem Umweltgipfel mit Kindern im Rathaus. Aber die Kinder hatten eigene Vorschläge: Lesen statt fernsehen. Im Park spielen. Wärmflaschen benutzen. Es blieben keine Fragen offen.

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