Corona in Italien:Wer arbeiten will, braucht den "Super Green Pass"

Italien führt im Kampf gegen Covid-19 im Oktober eine strenge 3-G-Regel ein. Die meisten sind geimpft, den Übrigen droht eine schwere Zeit.

Von Oliver Meiler, Rom

In Italien ist bald nichts mehr möglich ohne "Green Pass": kein Vergnügen, keine Reise, auch das Arbeiten nicht. Die italienische Regierung weitet die Zertifikatspflicht per 15. Oktober auf die gesamte Arbeitswelt aus, das heißt auf alle Angestellten in der Privatwirtschaft sowie auf die Beamten in öffentlichen Ämtern. 18 Millionen Menschen. Betroffen sind auch Selbständige, noch einmal fünf Millionen. Es ist deshalb nun von einem "Super Green Pass" die Rede. Die Italiener sind überzeugt, dass mittlerweile kein Land in Europa so weit geht mit dem Zertifikat wie ihres. Emilio Giannelli, der Karikaturist des Corriere della Sera, zeichnete für die erste Seite der Zeitung eine italienische Trikolore - im mittleren, weißen Streifen einen QR-Code, dazu die Überschrift: "Nationale Einheit".

Vollkommen ist diese nationale Einheit nicht: Eine Minderheit von Italienerinnen und Italienern sperrt sich gegen das Zertifikat und gegen das Impfen. Doch die Verhältnisse sind deutlich: Von den 18 Millionen Angestellten und Beamten haben 14 Millionen den Green Pass bereits heruntergeladen, die allermeisten von ihnen als Geimpfte. Etwa vier Millionen müssen noch überzeugt werden. Und das ist das primäre Ziel der vierten Ausweitung der Zertifikatspflicht für Geimpfte, Genesene und frisch Getestete. Sie räumt auch mit einer Absurdität auf: Bisher war es auch in Italien so, dass etwa Restaurantgäste den Green Pass brauchten, um im Inneren essen zu dürfen, die bedienenden Kellner jedoch nicht. Nun wird er von allen eingefordert, also auch von Friseuren, Anwälten, Klempnern, von Fabrikarbeitern, Haushaltshilfen, Babysittern, Büroangestellten, Funktionären jeder Stufe.

Die Kontrolle in den Firmen und Verwaltungen obliegt den dafür abbestellten Abteilungsleitern. Wer ohne Green Pass bei der Arbeit erwischt wird, wird nach Hause geschickt und erhält eine Geldstrafe von 400 bis 1000 Euro. Wer sein Zertifikat fälscht, dem droht ein Strafverfahren. Nach fünf Tagen unentschuldigter Abwesenheit werden Arbeitsverhältnis und Lohn temporär ausgesetzt. Wo Home-Office möglich ist, gibt es natürlich Alternativen für Ungeimpfte. Die Regierung will aber Heimarbeit für Beamte auf maximal 15 Prozent der Arbeitszeit beschränken. Verboten ist, dass Mitarbeiter entlassen oder zurückgestuft werden, weil sie den Green Pass nicht annehmen. Zumindest steht es so im neuen Dekret.

In früheren Schritten hatte Mario Draghis Regierung das Covid-Zertifikat schon für Restaurants, Fitnesscenter, Kinos, Stadien und Museen verpflichtend gemacht, dann für das überregionale Reisen in Zügen, Bussen, Fähren und Flugzeugen, neulich für Schulen und Universitäten. Immer lagen jeweils nur einige Wochen zwischen den Verschärfungen. Geschuldet waren die Verzögerungen jeweils dem Widerstand von "No Pass" und "No Vax" und deren politischen Paladinen: Matteo Salvini von der rechten Lega und Giorgia Meloni von den postfaschistischen Fratelli d'Italia. Beide buhlen um die Stimmen aus dem kleinen Lager der Impfverweigerer und Impfzögerer sowie dem heterogenen Geschwirr aus medizinisch Besorgten und ideologisch Fanatisierten drum herum.

Salvini von der rechten Lega hat sich politisch isoliert

Für den parteilosen Premier Draghi waren vor allem die Bremsmanöver seines Regierungspartners Salvini relevant. Doch wie so oft in den vergangenen zwei Jahren, seitdem der frühere Innenminister an einer Selbstüberschätzung gescheitert war, verrannte er sich auch diesmal. Salvini sorgt sich so sehr vor dem schnellen Aufstieg seiner rechten Rivalin Meloni, dass er selbst seine Freunde verprellt. Fratelli d'Italia nimmt ihm als einzige Oppositionspartei viele Wähler weg und könnte ihn bei den Gemeindewahlen Anfang Oktober vielleicht sogar überholen.

Die Minister der Lega in Draghis Kabinett, die Gouverneure der Lega in der Lombardei, im Veneto und in Friaul-Julisch Venetien, die Lega-nahen Industriellenverbände im Norden - alle machen sich für den Green Pass stark. Im Parlament sind die ersten Dekrete dazu auch mit den Stimmen der Lega verabschiedet worden, gegen die öffentliche Abwehrhaltung des Parteichefs. Im Juli hatte Salvini den Green Pass noch eine "grande cagata" genannt, was sich mit gebührender Zurückhaltung mit "große Lachnummer" übersetzen ließe. Nun wird er Mal um Mal überstimmt. Salvini ist isoliert. Intern gibt es schon Forderungen nach einem Parteikongress, bei dem nicht nur die politische Linie hinterfragt werden soll, sondern auch die Führung.

So hat sich Salvini nun auf den Kampf für Gratistests versteift, zusammen mit Meloni und den Gewerkschaften. Doch auch der scheint aussichtslos zu sein. Draghi nannte das Anliegen "unangebracht". Gratis sollen Tests nur in Ausnahmefällen sein. Schließlich wolle man die Leute ja dazu bringen, dass sie sich impfen lassen. Bezahle man ihnen alle 48 Stunden einen Test, falle der Anreiz weg. Man einigte sich auf einen Kompromiss: In einer ersten Phase soll es verbilligte Tests geben - 15 statt 22 Euro für Erwachsene, acht Euro für Minderjährige.

Die Impfquote in Italien gehört zu den höchsten Europas. Insgesamt sind 75 Prozent der Italiener älter als zwölf Jahre doppelt geimpft. In den großen und wirtschaftsstarken Regionen Lombardei und Latium liegt der Wert sogar deutlich höher. Draghi hat neulich auch von der Möglichkeit einer Impfpflicht gesprochen. Man prüfe die Option, sagte er. Doch eigentlich hofft man, dass der "Super Green Pass" ausreicht. Und sollte das nicht der Fall sein, ließe sich die Regel der 3 G auf 2 G verringern. Darüber ist in Italien bisher noch kaum gesprochen worden.

© SZ/nien
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